Gigantisch klein

Der Pianist Ólafur Arnalds ist mit seiner Minimalmusik zwischen Klassik und Pop in den letzten Jahren zum Weltstar des Ambient aufgestiegen. Dennoch war nicht abzusehen, dass sein neues Album "re:member" so bemerkenswert gut werden würde: Der Isländer hat perfektioniert, was er einst bei einer Metalband aus Thüringen lernte.

Ólafur Arnalds betritt den Raum, und trotzdem betritt er ihn irgendwie nicht. Soeben hat er mit dem Premieren-Konzert zu seinem neuen Album "re:member" selbst jene verblüfft, die nicht die verbreitete Meinung teilen, dass er spätestens mit seinem Minimal-Großwerk "Island Songs" von 2016 die freiwillig eng gesteckten Räume seiner kargen, immens reduzierten Musik komplett ausgeschritten hat: Die neuen Stücke haben ein ganz neues Zimmer im Haus Arnalds gefunden, verdichten nahezu gigantomanische Ansprüche an Details zu unbeschreiblich lebendigen Mikropartikeln aus Musik. Doch dazu gleich mehr. Erst einmal gibt es eine kleine Feier im improvisierten Backstage des Berliner Funkhauses, mit Wein aus Plastebechern vom Sprelacart-Tisch, und es liegt dieses fiebrige Flirren in der Luft: Durfte man diesen stillen Wahnsinn wirklich gerade live miterleben? Und dann schleicht der Musiker selbst in den Raum, den man, wenn man seine Herkunft nicht kennen würde, wohl für einen Isländer halten müsste. Arnalds ist wortkarg und auf so unbeschreiblich sympathische Weise schrullig, aber kein Freak, sehr höflich und kontrolliert - doch er überspielt in keiner Sekunde, dass das hier, selbst zwischen den vielen Freunden, der unschöne Teil des Abends ist. Er mag keine Menschenmengen, Smalltalk ist ihm eine seelische Anstrengung, auch wenn er diesen Teil des Berufes mit professioneller Leichtigkeit bewältigt. Aber man steht ja selbst da wie von außen nach innen gekrempelt: Eigentlich will man diesem Wunderkünstler so viel sagen, will ausdrücken, was er angezündet hat - spürt aber, dass man ihm ein größeres Lob ausspricht, wenn man seine Zurückhaltung aufnimmt. Die Musik von Ólafur Arnalds öffnet Türen im Hörer, kann die Seele mit so viel entspannender Emotion fluten, so viele innere Bilder erzeugen - doch all das muss einfach dort bleiben.

Wer Musik von Ólafur Arnalds zum ersten Mal hört, kommt erst einmal gar nicht auf die Idee, sie zu analysieren. Die spärlichen Pianoklänge, die so suchend und doch nachdrücklich ihre Nebelmelodien weben, die auf nachlässig scheinende Weise sorgsam darübergetupften Streicher - das alles klingt einfach nur natürlich gewachsen, es klingt empfangend und doch so eigen, dass man selbst als Laie nach wenigen Tönen die Handschrift heraushört. Man fühlt sich einfach zu Hause; das, was all diese ganze schreckliche Meditativmusik vergeblich verspricht, hält Arnalds mit nur wenigen Takten ein. Denkt man dann doch nach, was das Geheimnis von Platten wie "Found Songs" (2009) oder "Living Room Songs" (2011) sein könnte, findet man - nichts. Einfache Noten, einfache Klänge, keine kompositorischen Tricks. Ungewöhnlich vielleicht, dass der durch und durch klassisch agierende Komponist seine Spannungsbögen aufbaut wie in Techno-Tracks, doch selbst das ist ein alter Hut, haben es doch "Neutöner" wie Philip Glass zu einer Zeit in die Konzertsäle gebracht, als Techno noch nicht einmal erfunden war.

Gelegentlich hat Ólafur Arnalds Ausflüge in "weitere" Gefilde unternommen, 2013 etwa mit dem Album "For Now I Am Winter", das er mit einem ganzen Orchester und Gesang aufnahm. Großartige Platte, doch seine Musik ist letztlich nicht dafür da, so weit aufgezogen zu werden. Wesentlich erfolgreicher war sein Soundtrack für die preisgekrönte britische Fernsehserie "Broadchurch", bei der er seine Töne so konsequent in den Dienst der Bilder stellte, dass man kaum noch Arnalds heraushören konnte - doch seine Kraft, sein beruhigender Geist waren allgegenwärtig, machten die britale Handlung der Serie ertragbar, zeigten ihren tiefen Kern, den Frieden hinter dem Schrecken.

An "re:member" tüftelte Ólafur Arnalds eine gefühlte Ewigkeit. Er fand lange keinen Zugang, wie er sein Reduktionskonzept neu beleben könnte, ohne den "Orchesterfehler" zu wiederholen. Die Idee kam ihm in Asien, als er in einem Hotel eines der dort sehr beliebten selbstspielenden Klaviere sah: "Da wurde mit klar, dass das große Chancen bietet!" Er ließ sich zwei dieser Instrumente, bei denen die Tasten über eine computergesteuerte Mechanik angeschlagen werden, nach Island schicken - und begann mit einem Freund an einem Programm zu tüfteln, das sein Livespiel aufgreift und als eine Art verändertes Echo an die beiden "Clonklaviere" überträgt. Das ist, nach jahrelanger Arbeit, kein einfacher Bühnentrick, auch wenn es dort besonders spektakulär wirkt.

Die Software spiegelt Arnalds' Spiel auf sehr eigene Weise, wie die Wellen, die zwei ins ruhige Wasser geworfene Steine erzeugen: Einerseits sehr vorhersehbar, andererseits aber, wenn man sich hineinvertieft, immer faszinierend eigen. Es gibt massenhaft etablierte Effektgeräte, die eine sehr ähnliche Wirkung haben und die als Software sogar gratis zu haben sind. Doch dieser wahnsinnige Aufwand, den Arnalds in seine wenigen Töne steckt, transformiert das ganze Leben dieses Aufwands in die mikroskopischen Musiksplitter - ein Aufwand, den er auch bei seinen Streichern betreibt, jeder Ton flirrt und atmet in der Tiefe, jede Note wird zur Perle: "re:member" wird so zu einer Seelenreise, wie man sie selbst von Arnalds nicht erwartet hätte - ein Album, das zum lebenslangen Freund werden wird und seine bereits großartigen Frühwerke wie "Eulogy For Evolution" etwas blass aussehen lässt.

Damit hat der Isländer perfektioniert, was einst seine Karriere überhaupt erst in Gang gebracht hat: Eigentlich Schlagzeuger in einer Punkrock-Band, schrieb er am Computer Orchester-Arrangements für ein Progrock-Soloprojekt, das den Musikern der Saalfelder Metalband Heaven Shall Burn in die Hände fiel: Die Thüringer bestellten bei Arnalds kurze Intros für ihr 2004 erschienenes Album "Antigone". "Anfangs waren meine Sachen sehr episch", sagt Arnalds, "in der brachialen Musik von Heaven Shall Burn war eigentlich überhaupt kein Platz mehr. Ich hatte nur eine Chance, ich musste meine Stücke komplett entkleiden, auf einen ganz dünnen Kern reduzieren." Das Ergebnis funktionierte um so vieles besser als die üblichen Metal-Intros, dass die Arnalds-Stücke zu einem Markenzeichen der Saalfelder wurden, das in seiner Zerbrechlichkeit die Vehemenz der Band erst richtig dick hervorhob. "Da habe ich verstanden, dass das mein Weg sein muss, diese extreme Reduktion, das war der Anfang von allem", so der Isländer. Und auch seinen Dickkopf setzte Arnalds bereits ein - indem er sich komplett den für so etwas eigentlich üblichen Keyboardsounds verweigerte und die Intros mit Hilfe von Musikschülern seiner Heimatstadt Mosfellsbær und ein paar Mikrofonen live aufnahm. "Es sollten Streicher sein. Aus einem Keyboard kommen aber keine Streichersounds, da kommen nur Keyboardsounds raus!"

Im Konzert Ólafur Arnalds ist am 10. Oktober im Leipziger Gewandhaus zu erleben. Am 11. Oktober spielt er im Tempodrom Berlin. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

www.freiepresse.de/meinticket

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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