"Glorious!": Kein Talent - aber weltberühmt

"Glorious!" am Chemnitzer Schauspielhaus erzählt die wahre Geschichte einer legendären Pseudo-Sängerin, die es mit musikalischer Inkompetenz zu Weltruhm brachte.

Chemnitz.

Kennen Sie "Des Kaisers neue Kleider"? Wenn alle Welt eine Lüge als wahr hinstellt, nur um den König nicht zu vergrätzen? So ging es vielen Zeitgenossen der Florence Foster Jenkins, der schlechtesten Sängerin der Welt. Wir sind im Manhattan der Vierzigerjahre: Da die Kunstliebhaberin und Mäzenin reich geerbt hatte, organisierte sie Bälle und Wohltätigkeitskonzerte. Dabei ließ sie es sich nicht nehmen, auf der Bühne selbst mit viel Hingabe Arien und Kunstlieder zu schmettern. Was auch kein Problem gewesen wäre - wenn sie doch nur über ein Quäntchen Talent verfügen würde. Doch das störte die willensstarke Lady wenig: Wenn Madame zu quietschen begann, bog sich das Publikum vor Schmerzen. In den Sälen wurde gekichert, gejohlt und geprustet - doch kaum einer wagte es, der Diva die Wahrheit zu sagen.

Dieser Widerspruch zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung ist ebenso amüsanter wie faszinierender Stoff, den auch Hollywood verfilmte. Doch der Reiz der Geschichte wird mit "Glorious!" erst auf der Bühne spürbar: Herrlich, wie Katka Kurze als Florence die vollmundigen Koloraturen aus der "Zauberflöte" herauspresst und in schiefsten Tönen vergeigt. Dazu ein exzentrisches Outfit (Kostüme Sabine Pommerening), ein ungelenker Hüftschwung und ein paar zitternde Handgesten - schon sind der spleenigen Träumerin alle Sympathien sicher. So spielte das Publikum im Schauspielhaus zur Premiere die Illusion mit Freuden mit: Es beklatscht die groteske Performance mit einer Mischung aus Häme und entrücktem Wohlwollen. Für Regisseur Herbert Olschok geht die Rechnung auf: Der ganze Saal wird quasi zum Spiegel jenes gesellschaftlichen Phänomens, das sich vor rund 80 Jahren abspielte.

Die echte Florence Foster Jenkins starb 1944, doch der Stoff ihrer Geschichte gelangt gerade im Casting-Show-Zeitalter zu neuer Aktualität: Das Buch schrieb der britische Autor Peter Quilter im Jahre 2005, als jene TV-Formate wie Pilze aus dem Boden schossen. Noch heute ergötzen sich Millionen Zuschauer vor den Schirmen an den erbarmungslos demütigenden Szenen von Möchtegern-Sängern - und drücken ihren Idolen die Daumen, die oft nur durchschnittliche Sänger sind, dafür aber eher mit Sympathie oder Aussehen überzeugen. Es waren wohl genau diese Emotionen, die Florence Foster Jenkins den Erfolg einbrachten: Einerseits die unbändige Energie und forsche Fantasie, etwas Besonderes zu sein - und die traurige Lächerlichkeit andererseits.

"Eine Ikone für alle, die einen Traum haben, aber sich nicht trauen, ihn zu leben", bringt es ihr Lebensgefährte St. Clair Bayfield auf den Punkt (wunderbar schleimig: Philipp von Schön-Angerer). Oder um es mit den Worten von Pianist Cosme McMoon zu sagen, als Florence ihn fragt, ob sie die Schallplatten-Aufnahme noch einmal neu einsingen solle: "Das einzige, was zählt, ist ihr Gefühl, Madame!" Publikumsliebling Marko Bullack macht mit schmerzverzerrtem Gesicht gute Miene zum bösen Spiel und findet in seiner Verzweiflung immer neue Euphemismen: Ob da im letzten Ton eine kleine Unsicherheit war? - "Wegen eines einzigen Tons brauchen Sie sich doch keine Gedanken machen!"

Da schauen die kleinen Romanzen schon vorsichtig um die Ecke, zumal aus der feurig-frustrierten Haushaltshilfe Maria aus Mexiko (Magda Decker) ebenso der Liebeshunger schreit: Ganz leichtfüßig macht das Stück viele Diskussionsebenen auf. Wie weit darf eine nett gemeinte Lüge gehen? Was macht eine gute Freundschaft (Ulrike Euen als beste Freundin Dorothy) oder Partnerschaft aus? Es folgt der unausweichliche Konflikt mit der empörten Öffentlichkeit (Lauretta van de Merwe), bis Florence doch noch ihren großen Traum erfüllt bekommt: Die "First Lady der gleitenden Tonleiter" darf in der berühmten Carnegie Hall auftreten und gibt Bühnenbildner Alexander Martynow die Möglichkeit, geschickt zwischen Backstage und Opernsaal zu switchen. "Wo sind die Clowns?", heißt ihr nachdenkliches Lied nach jenem ausverkauften, legendären Abend.

Es bleibt die Faszination, wie weit es diese unmusikalische Frau nur mit Willenskraft geschafft hat - und ein urkomischer Abend im Schauspielhaus: "Dieser Saal wird nie wieder etwas Vergleichbares erleben!"

Weitere Aufführungen von "Glorious!" sind am 20. und 26. Oktober im Schauspielhaus Chemnitz zu sehen.

www.theater-chemnitz.de

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...