Goethe und sein Institut

Der Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe zeigt sich auf seiner CD "Albanien" voller Witz und Angriffsfreude: Seine Lieder urteilen nicht scharf, beschreiben aber bissig.

Köln/Leipzig.

Heiter und aus leichter Distanz beschreibt Rainald Grebe die Gegenwart oft genauer als viele Leitartikler: Ohne Frage ist der Kabarettist ein grandioser Unterhalter, und seine Songs sind treffende Bemerkungen zur Gegenwart. Nach der CD "Das Elfenbein-Konzert" von 2016 hat er soeben unter dem Titel "Albanien" ein neues Album veröffentlicht. Das Land ist zwar weit weg, aber die Songs ziehen dennoch bissige Bezüge ins Hier und Heute. Dieses Mal sind es siebzehn, veröffentlicht beim Label Versöhnungsrecords.

Neu sind allerdings nicht alle: Manche waren schon im "Elfenbein Konzert" zu hören. Doch durch die gegenwärtige politische Zuspitzung haben sie an Bedeutung gewonnen. Zum Beispiel "Auf Sicht", in dem Grebe die verbreitete Neigung zum "Augen-zu-und-durch"-Prinzip beschreibt: "Captain, Captain wo geht's lang / volle Kraft voraus in die Nebelbank". In "Junge" dagegen geben Eltern weltvergessen ihrem Sohn unnütze Erfahrungen wie "Höflichkeit kommt immer an" mit. Der Liedermacher befasst sich auch mit Begriffen wie Nation, Demokratie oder Volk: In "Typisch Deutsch" heißt es: "Gotthold Lessing, Friedrich Schiller / Christa Wolf, Heiner Müller / deutsche Treue, deutsches Blut / Goethe und sein Institut."

Der Mann am Klavier schöpft aus dem Alltagsleben. Er benutzt bevorzugt Floskeln, sieht vor allem auf Macken und Moden und glossiert gerne ("Ich esse auf dem Sofa Pellkartoffeln mit Quark / das ist für mich ein historischer Tag") oder spielt mit Zitaten ("Gestern noch Newcomer, heute schon Urgestein / dieser Weg, dieser Weg wird kein leichter sein / jetzt hab dich mal nicht so, du Arbeitnehmer / du machst jetzt deinen Job und gehst raus in die Arena").

In den Songs wird weniger scharf geurteilt als bissig beschrieben. Das macht sie oberflächlich heiter und unaufdringlich. Zuweilen packt Grebe aber auch direkt zu: "Hier ist die Welt noch in Ordnung, hier stimmt die Chemie / Frauen backen Kuchen und die Männer essen sie". Besungen wird eine Welt, in der alles Unterhaltung sein muss: "Rundum Spiele, es ist wieder so weit / der Gladiator tritt vor die Öffentlichkeit." Mit der Musik meidet Grebe die gewohnten Muster ebenso wie er sie nutzt: Ein bisschen Rap, ein bisschen Rock oder Polka-Punk: Erwartungen nicht zu erfüllen ist sein Motto geblieben - immer mit Witz und Angriffsfreude. "Albanien" wird so zur Collage einer streitsüchtigen Gegenwart, wobei der singende Weltbetrachter es schafft, sich treu zu bleiben. Er sitzt da im Auge des Zeitgeist-Orkans, der am Ende nur die Themen wechselt: Hongkong, Elfenbeinküste, das Volkslied oder die 68er-Generation. Immer ist Grebe auf der Suche nach den Zeichen des Momentes, nach dem Zusammenhang. Wie im gleichnamigen Song: Da werden scheinbar wahllos Dinge aufgezählt und dann doch nach dem politischen Zusammenhang fragt: "Die Schreibschrift wird bald abgeschafft / also ich brauche keine / die Kinder hauen wieder Runen / in die Hinkelsteine".

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...