Gravierte Erinnerung

Am 11. April 1945 wurde das Konzentrationslager Buchenwald von amerikanischen Truppen befreit. Menschen aus aller Welt kamen aus diesem Anlass auf den Ettersberg. Darunter etwa 80 Überlebende.

Buchenwald.

Wenn Selin Raube in Kölleda aus ihrem Kinderzimmer schaut, kann sie den Ettersberg sehen. Sie kann ihn besonders gut sehen, weil es dort hell leuchtet, auch mitten in der Nacht: das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Vor 70 Jahren, am 11. April 1945, wurde das KZ von amerikanischen Truppen befreit. Und das war der Anlass für Silvia und Maik Raube, mit ihrer 15-jährigen Tochter hierherzugehen. "Es ist so erschreckend, was hier passiert ist. Und der Ort ist so nah", sagt Silvia Raube.

Selin Raube hat vor einigen Tagen zwar "Nackt unter Wölfen" gesehen, den Film, der vom Grauen im KZ handelt. "Aber so richtig vorstellen kann ich mir die Sache nicht", sagt sie. In einigen Minuten beginnen Sonderführungen. Welches Thema wird sie wählen? Musik im Lager? Widerstand und Befreiung? Jüdische Häftlinge? Minderjährige im Lager? "Nein, Kinder im Lager - das ist zu schrecklich", sagt sie zu ihrer Mutter. Sie beschließen, an der Führung teilzunehmen, die sich jüdischen Gefangenen widmet.

So wie diese Familie warten vor dem Lagertor, durch das einst Tausende Häftlinge getrieben wurden, Hunderte Besucher. Viele halten eine Nelke bereit, um sie im Gedenken niederzulegen. Petro Mischtschuk hält in der einen Hand zwei Blumen. Eine rote Nelke als Symbol der Unerschrockenheit, Zeichen der Arbeiterbewegung. Und die weiße Rose, die für Anfang und Ende steht, für Leben und Tod. In der anderen Hand trägt er eine Flagge, gelb und blau - die Farben der Ukraine. Dazu: die blau-graue Uniform mit der Häftlingsnummer 105105. So zieht der alte Mann die Blicke der Besucher auf sich. Was mag in ihm vorgehen?

Es ist unergründlich. Fragt man ihn nach Buchenwald, zählt er die Stationen seines Leidens auf. Mittelbau-Dora. Ohrdruf. Buchenwald, wo er im Steinbruch schuften und später Wege für die Eisenbahn anlegen musste. Sachsenhausen. Todesmarsch. Schließlich das KZ-Häftlingsschiff Cap Arkona, das in der Ostsee versenkt wurde. Nie wusste er, wo er sich befand, wohin er verfrachtet oder getrieben wurde.

Die Nazis hatten ihn für einen russischen Partisanen gehalten und deshalb von einem Martyrium ins nächste geschickt. Vier Jahre lang. Er war 14, als er festgenommen wurde, 19 Jahre bei der Befreiung. Als er nach dem Krieg nach Hause kam, erkannte ihn zunächst seine Mutter nicht mehr: Er war nur noch Haut und Knochen. Mit Milch und Brot habe sie ihn wieder aufgepäppelt.

Sein Körper erholte sich - seine Seele aber nie. Die Erlebnisse aus den Lagern haben sein Leben vorgezeichnet; sie bestimmen es bis heute. Jeden Tag. In seiner Wohnung hat er ein privates Museum eingerichtet, in das er nun die Menschen einlädt. Er hält Vorträge über sein Leben, in Moskau und Sotschi. Er wünsche sich für alle Menschen nur: Frieden und Freiheit.

Das Stimmengewirr auf dem Gelände des ehemaligen Lagers ist am Wochenende international. Hanna Keski Rauska kommt aus Finnland, Luciana Marino aus Brasilien. Beide weilen im Rahmen eines Studiums in Chemnitz. "Buchenwald" - den Namen kannten sie noch nicht. "Auschwitz" stehe in ihren Heimatländern für die Menschenvernichtung durch die Nationalsozialisten.

Die Frauen betreten den Bunker, der sich am Lagertor befindet. Ungezählte Gefangene verbrachten hier Monate in dunklen, nasskalten Einzelzellen und wurden zu Tode gequält. Hanna Keski Rauska überlegt oft, ob die Menschen Lehren aus der Geschichte ziehen. Sie sei zwar voller Hoffnung, gerade weil viele junge Menschen zu der Gedenkfeier gekommen seien. Aber schaue man sich in der Welt um, könne man zur Einsicht kommen, dass die Menschheit ihre dunkle Seite nicht ablegen kann. "Sehen Sie nach Syrien", sagt die Finnin.

Die Brasilianerin Luciana Mariano stellt sich während des Rundgangs ab und zu abseits. Tränen in den Augen. Sie kann sich gar nicht dagegen wehren, sich in die Lage jener zu versetzen, die vor 70 Jahren hier hungerten, froren, schufteten, vegetierten. Auch sie fragt: "Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?" Eine Antwort darauf hat der österreichische Nationalökonom und Schriftsteller, der Überlebende der Konzentrationslager in Dachau, Auschwitz und Buchenwald, Benedikt Kautsky, gegeben. Er hatte nach seiner Befreiung am 12. April 1945 gesagt: "Der Mensch trägt in sich die Ansätze zum Bösen wie zum Guten - es gilt, die Umstände zu schaffen, unter denen Achtung vor der fremden Persönlichkeit, Selbstverantwortung und Rücksicht auf die Rechte der anderen zur Selbstverständlichkeit werden." Eben weil dieses Ziel noch unerreicht ist, hat die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald gut daran getan, diese Aussage zum Leitgedanken für die Gedenkfeiern zu bestimmen. Dass der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen immer währen wird, davon ist Jean François Fayard überzeugt. "Die Vergangenheit ist nicht Vergangenheit", meint er kurzerhand. Seine beiden Großväter waren in Buchenwald interniert - der eine im Hauptlager, der andere in Mittelbau-Dora.

Fayard gehört zur französischen Delegation, die eine Sonderausstellung eröffnet. Gezeigt werden Gravuren von Pierre Provost, der 1944/45 im KZ Buchenwald war. Als Spezialist für Flugmotoren nutzte er sein Wissen nicht nur zur Sabotage von Raketensteuerungselementen, sondern er gravierte auch auf gefundene Materialien wie 5-Reichsmark- Münzen und Löffel heimlich Lagermotive. Er fertigte Medaillen und Plaketten. Auch Fundholz eines Gewehrkolbens, eines Schirmgriffs und auch Stücke von der Goethe-Eiche, die mitten im Lager wuchs und gefällt wurde, verwendete Provost für seine Kunstwerke.

Mit etwa 50 Gravuren, Plastiken und zahlreichen Skizzen kehrte er nach Frankreich zurück. Nun haben seine Nachfahren diese Arbeiten wieder an den Ort ihres Entstehens gebracht. Die Gravuren zeugen - wie Kompositionen und Bilder anderer Häftlinge - vom Wunsch und der Fähigkeit der Gefangenen, den Stacheldraht zu überwinden. Sie sind zudem Beleg für die Solidarität der Häftlinge, denn Provost konnte seine Arbeiten nur mit der konspirativen Hilfe anderer durchführen. Nicht zuletzt sind die Gravuren - scharf in hartes Material geschnitten - für die Ewigkeit geschaffen.

"Der Künstler wollte, dass Buchenwald nicht vergessen wird", sagt die 15-Jährige Selin Raube, als sie die Ausstellung besucht. Ihr hat sich der "Rosengarten" ins Gedächtnis graviert. Eine Fläche mit Stacheldraht. Juden wurden hierher gebracht. Mussten Tag und Nacht ausharren. Bis sie tot waren.

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