Hamlet in Plauen: Dankbare Prinzenrolle

Till Weinheimer bringt im Vogtland-Theater Plauen William Shakespeares "Hamlet" als furiosen Politthriller auf die Bühne: Mordlust grassiert im Staate wie eine Virusgrippe.

Plauen.

Endspiel im dänischen Königshaus: Fast jeder auf der Chefetage des Staatsgebäudes hat einen Plan, mancher auch einen zweiten, befeuert von Eigennutz, Ehrgeiz, Schuld und Verachtung. Doch scheitern sie alle in einer Kaskade von Fehlschlägen. Zum Schluss sind sie mausetot, die Mörder, Totschläger, Spitzel, Zuträger und Mitwisser.

Daniel Koch nutzt die Prinzenrolle dankbar und macht es als Hamlet in Till Weinheimers Sicht auf William Shakespeares Tragödie vor: "Ein wunderliches Wesen anzulegen", heißt das Rezept des Dänenprinzen zur ungestörten Wahrheitsfindung. Der Geist seines ermordeten Vaters war ihm erschienen, der sich als Opfer und Informant andiente. Hamlet grimassiert fortan, zuckt wild mit dem Kopf, verdreht die Arme, schüttelt krampfhaft den Körper. Neben seinem wohl artikulierten Text brüllt er und spuckt Geräusche aus wie im Delirium. Mit suggestiver Wucht und Leidenschaft schildert Koch den Verfall des Prinzen, der in der Maske des Toren als verdeckter Ermittler den Mörder, seinen Onkel und König, bloßstellen will. Die Methode reißt ihn jedoch Auftritt für Auftritt hinab in affektgeladenen Wahnsinn. Tote, zuerst nur als Kollateralschäden, pflastern den Weg des Prinzen - bis zum spektakulären Showdown.

Weinheimer offeriert die auf reichlich zweieinhalb Stunden gestraffte Tragödie sehenswert, spannend und kompromisslos im heutigen Gewand als Politthriller. Dessen Optik erinnert passenderweise an Krimiverfilmungen aus Skandinavien. Die Rahmenhandlung der Vorlage des englischen Großdichters, zwischen Dänemark und Norwegen ausgetragene Gebietsstreitigkeiten, lässt er beispielsweise im aktuellen Rundfunk-Nachrichtenduktus aus dem Off entrollen.

Verwendet wurde eine Übertragung ins Deutsche von Angela Schanelec und Jürgen Gosch. Die auch für den Besuch von Schulklassen entwickelte Inszenierung kommt an bei der Zielgruppe wie der Beifall zeigt, und das nicht von ungefähr. Der Regisseur orientiert auf Tempo, Aktion und hohe schauspielerische Intensität, worin ihm das Ensemble eindrucksvoll folgt. Die grandiose Zitatendichte der Vorlage bleibt gewahrt. Hamlets berühmter Monolog über Sein oder Nichtsein kommt durch Koch als nachdenklich stimmende Auszeit vom übrigen Intrigantentum des Personals der Staatsführung über die Rampe.

Jan Müller hat für die dänische Staatskrise ein schlichtes, wandelbares Halbrund als Bühnenbild und Spielraum in streng zurückhaltender, schwarzgraublauer Farbigkeit entwickelt. Nur wenige bei Bedarf etablierte Möbelstücke reichen. Die Kostüme würden bei gegenwärtigen Staatsgeschäften nicht weiter auffallen. Vor diesem Hintergrund spart der Regisseur nicht mit Effekten. Geschickt eingesetzte Lichtwirkungen, Kontraste, Bühnennebel und ein stimmungsvoll begleitender Sound von Till Weinheimer machen die Inszenierung auch zum Schau- und Hörvergnügen. Die finale Fechtszene wurde zudem von dem Kampfchoreographen Peter Theiss auf Touren gebracht. Daniel Koch in Hamlets Rolle und Emery Escher als Laertes schenken sich nichts beim Duell mit blankem Stahl. Sie zeigen einen furiosen Tanz in den Untergang.

Mit lebenspraller Gestaltungskraft stellen auch die weiteren Akteure ihre Handelnden vor. Else Hennig zeigt Hamlets Mutter und Königin als schwankend zwischen der Liebe zum Sohn und der Hingabe an die Staatsräson. Der Brudermörder und König Claudius von Björn-Ole Blunck ist ein sauflustiges Monster mit zwei Gesichtern, eines lächelnd, das andere von Schuld und dem Hoffen auf den Tod der anderen verzerrt. Peter Princz demonstriert mit seinem aalglatten Staatsrat Polonius, dass Meinungsflexibilität und amoralische Effektivität nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt werden. Als überaus zerbrechlich und intensiv führt Julia Hell die unglückliche und bemitleidenswerte Ophelia vor, die in die Räder des Staatsbetriebs gerät. Marcel Kaisers Horatio erscheint als Hamlets aufrichtiger Freund als einziger ohne einen Plan, sympathisch menschlich und überlebt dieses Mal verdientermaßen das finale Gemetzel. Anna Striesow und Nadine Aßmann machen als Intrigantenduo Guildenstern und Rosencranz in mondänen Glitzerkostümen eine fantastische wie zweifelhafte Figur. Michael Schramm war der Geist von Hamlets Vater. Ute Menzel und Leonard Lange traten unter anderem als handfeste Totengräber auf.

Vorgesehen haben die Theatermacher ihre "Hamlet"-Produktion für Besucher ab 14 Jahren.

Das Stück

"Hamlets" ermordeter Vater erscheint dem Sohn um Mitternacht als Geist. Der frühere König von Dänemark wurde vom eigenen Bruder vergiftet. Der mörderische Bruder heiratete die verwitwete Königin, Hamlets Mutter. Der Junge versucht, den Mörder bloßzustellen. Der ist nun gleichzeitig sein König, Onkel und Stiefvater. Das kann nicht klappen: Der Hofstaat versinkt in Intrigen und Gewalt. Mancher scheidet aus Versehen aus dem Leben, andere durch Affekthandlungen und Mord.

Nächste Aufführungen kann man am 3. , 11. und 12. November sowie am 7. Dezember im Vogtland-Theater Plauen sehen. Die Premiere in Aula der Pestalozzischule in Zwickau findet am 12. Januar 2019 statt. Kartentelefon: 03741 28134847.

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