Handarbeit aus dem Hinterhof

Der Sonnenberg ist manchmal ein dunkler Ort. Aber längst gibt es Lichtblicke, einen sogar schon seit 20 Jahren: die Sonnenberg-Presse, eine Druckwerkstatt dreier Künstlerinnen.

Chemnitz.

Manchmal wird der Chemnitzer Sonnenberg noch immer als ein dunkler Ort empfunden: leere Häuserzeilen, zugenagelte Fenster und Türen, verblasst der Charme des einstigen Arbeiterwohnviertels. Doch längst gibt es Lichtblicke, vielfältige Initiativen zur Wiederbelebung des Quartiers. Die Sonnenberg-Presse, eine kleine Druckwerkstatt in einem Hof an der Würzburger Straße, gehört zu den Vorreitern, feiert in diesem Jahr schon ihren 20. Geburtstag. Was in diesen zwei Jahrzehnten entstanden ist, zeigt eine repräsentative Ausstellung im Projektraum des Chemnitzer Künstlerbundes.

Das schönste Geburtstagsgeschenk erhielt die Werkstatt schon vor zwei Jahren: den "Victor Otto Stomps-Preis" - ein Preis für höchste Qualität und Engagement im druckgrafischen Kleingewerbe - und damit auch ein Preis für Durchhaltevermögen ohne durchschlagenden wirtschaftlichen Erfolg. Es geht um gute Literatur, gute Bücher und gute Handpressendrucke, um die Verbindung von Handwerk und Kunst, von Mut und Originalität.

Entstanden ist die Sonnenberg-Presse 1998. Bettina Haller und Andrea Lange hatten zwar gleichzeitig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert, lernten sich aber erst in Chemnitz kennen. Sie beschlossen, eine eigene Werkstatt zu gründen - und fanden einen Raum auf dem Sonnenberg.

Diese Presse war und ist eine Zuflucht hinter der Zuflucht, keine Insel der Glückseligkeit, aber eine Oase der selbstbestimmten künstlerischen Arbeit, die so zum Vergnügen wird. Wenn sie das doch jedem sein könnte - darum geht es in vielen der Texte, die die drei Frauen bebildern.

Durch die Fenster der Werkstatt wachsen Worte, Bilder, ein ganzes Universum an Gedanken, Ideen, Sehnsüchten, Scherzen, Schmerzen. Die drei Frauen sind hervorragende Handwerkerinnen und Künstlerinnen zugleich. Ganz wie es der Erziehungswissenschaftler Heinrich Wilhelm Josias Thiersch im 19. Jahrhundert formulierte: "Das Handwerk wird umso höher stehen, je mehr und glücklicher es bemüht ist, dem Nützlichen das Schöne zu verbinden."

2001 zog Andrea Lange nach Kemberg am Nordrand der Dübener Heide, weshalb die "Presse" inzwischen den Zusatz "Chemnitz/Kemberg" führt. Vorher aber hatte sie noch die Chemnitzer Lehrerin Birgit Reichert fürs Drucken begeistert. Sie schreibt selbst Texte und freute sich, die nun drucken zu können, ohne einen Verlag fragen zu müssen. Auch sie steuerte eine Presse bei - und 2004 wurde sie in die kleine Frauschaft aufgenommen.

Zu den regelmäßigen Projekten gehört die Herausgabe der Lyrikhefte. Seit 2005 erscheinen jedes Jahr zwei Hefte mit Texten von zeitgenössischen Autoren, die die Lange und Haller illustrieren oder auch mal Gastillustratorinnen einladen. Reichert setzt witzige, ironische, hintergründige Texte in Blei und schmückt sie mit Holzschnitten und alten Druckklischees. Ihre Illustrationen sind auf erfrischende Art nah an der Realität und gehen doch darüber hinaus. Sie hat unter anderem Texte von Wilhelm Busch und Mathias Jeschke illustriert - und wer Letzteren nicht kennt, sollte neugierig sein, denn das ist eines der Ziele der Sonnenberg-Presse.

Haller dagegen übersetzt Worte in eigene Bilder - mit oft überraschendem Ergebnis. Eines ihrer jüngsten Bücher illustriert einen Text des Philosophen Vilem Flusser, von dem der Satz stammt: "Wir dürfen den Werkzeugen nicht erlauben, im Sattel zu sitzen und uns zu reiten." Eine Maxime, die die Sonnenberg-Presse mit jeder einzelnen Arbeit beherzigt.

Die Holzschnitte von Lange kommen mit wenigen klaren Linien und sparsam eingesetzten Farben aus, die immer einen Raum schaffen, in dem Platz für jene Art von Anteilnahme und Vieldeutigkeit ist, die einen wichtigen Teil der Kunst auszeichnet. Sie hat unter anderem Texte von Theodor Kramer und Wolfgang Borchert illustriert. Drei Frauen, drei Handschriften, verbunden mit drei Lebensentwürfen, die nicht auf Preise aus sind. Eher auf ein selbstbestimmtes Leben - teils weit unter dem Mindestlohn -, aber gemeinsam in aller Verschiedenheit. Das ist so etwas wie ein Vorschein auf das gute, bescheidene Leben für alle - in dem jeder tun kann, wozu er begabt ist und womit er anderen Menschen eine Freude machen kann. Ein Vorschein auf die Zeit, in der die Menschen und die Welt der Arbeit, die gar nicht nur eine künstlerische sein muss, wieder versöhnt sein werden.

Die Ausstellung  "20 Jahre Sonnenberg-Presse" mit Arbeiten von Bettina Haller, Andrea Lange, Birgit Reichert ist bis 31. August im Projektraum des Künstlerbundes Chemnitz an der Moritzstraße 19 zu sehen.

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