Hasko Weber: "Wir brauchen gemeinsame Vorhaben"

Mauerfall '89: der Nationaltheater-Intendant über Risse, Kommunikationsversuche und Verwerfungen in unserer Demokratie

Weimar.

Bei einer spektakulären Kunstaktion hat das Deutsche Nationaltheater Weimar einen Tag nach der Thüringen-Wahl eine Mauer vor dem berühmten Goethe-Schiller-Denkmal errichtet und parallel zwei Wochen lang mit verschiedenen Darbietungen im Stadtzentrum Trennlinien in der Gesellschaft thematisiert. Am heutigen 9. November werden die Mauerteile verkauft, am 11. November wird die Mauer abgebaut. Tim Hofmann hat mit Intendant Hasko Weber gesprochen.

Freie Presse: Herr Weber, das Deutsche Nationaltheater hinter einer Mauer - wie wurde das in Weimar aufgenommen?

Hasko Weber: Ich weiß nicht, wie viele tausende Leute da vorbeigekommen sind, mit unseren Mitarbeitern ins Gespräch kamen oder an den vielen kleinen künstlerischen Interventionen teilgenommen haben. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass wir diese Form der Öffentlichkeit in der Woche sehr schätzen gelernt haben, weil sie irgendwie alle erreicht hat. Da sind zur Mittagspause Leute aus ihren Büros gekommen, um zu sehen, was wir da machen. Das war schon ein Aufreger.

Gab es große Kontroversen?

Es war alles dabei - vom völligen Unverständnis, was das Ganze denn solle, bis zur sehr berührten Zustimmung. Ich denke also, es war emotional im positiven Sinn anregend und gab den Menschen einen Impuls, der direkt funktioniert hat. Wir hatten in dieser Maueraktion ja zwei Gedanken verknüpft: Zum einen sollte es eine monumentale Installation im Sinn der Erinnerung sein - man kann da nicht einfach dran vorbeilaufen. Zum anderen lief es auf eine positive Aktion hinaus, nämlich den Abriss: Am 9. November werden die Mauerteile offiziell an Firmen, Institutionen oder Personen übergeben, die mindestens 500 Euro dafür bezahlt haben. Wobei wir von dem Zuspruch doch sehr überrascht waren, die Teile waren schon zu Beginn fast alle weg. Das Geld geht als Spende an die Bürgerstiftung Weimar, zur Unterstützung von Projekten für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen - und das ist mit die wichtigste Botschaft und der Sinn, dass wir aus diesem Teilungsmonument zu einer Gemeinsamkeit kommen.

Die AfD, die bei den Wahlen in Thüringen fast ein Viertel der Stimmen bekommen hat, will laut ihrem Parteiprogramm ein rein unterhaltsames Theater, das sich politisch nicht einmischt. Kann man Ihre Mauer auch als den "antifaschistischen Schutzwall" auffassen?

Wenn Sie das so verstehen, finde ich es gut. Wir sind mit dem Projekt aber komplett ideologiefrei gestartet: Es war klar, dass wir damit einen Tag nach der Wahl in Thüringen loslegen, als noch nicht abzusehen war, wie die Wahl ausgeht. Die Komplementäre mit den Schriften "Ost" und "West" auf dem Dach des DNT und der Mauer vorm Haus ergeben einen Zusammenhang, der von vielen Menschen als Gesprächsanreiz genutzt wurde - aus jeweils ganz unterschiedlichen Perspektiven. Wir sind mit dem Thema nicht fertig, das kann man nicht abgehakt zur Geschichte legen. Dass sich Perspektiven wechseln, auch im politischen Spektrum, und das sage ich mit allem Bedacht: Das muss man erst einmal akzeptieren und dann damit konkret umgehen! Es liegen viele Versäumnisse in den letzten zehn Jahren, und da nehme ich uns als Theater nicht aus. Rückblickend kann man sagen, dass es zu wenig Weichenstellungen zur Förderung einer politischen Beteiligung gegeben hat. als dass man jetzt sagen könnte, wir hätten eine stabile Demokratie. Man merkt doch: Wer heute in der Öffentlichkeit steht, Verantwortung übernimmt, steht auch schnell am Pranger. Wer also will das noch machen? Insofern ist unser Projekt vor allem ein Mutmacher, der sagen will: Es lohnt sich! Man muss Ideen haben und ein gemeinsames Vorhaben verfolgen. Anders wird unsere Gesellschaft nicht weiterkommen. Alle radikalen Positionen sind mir da suspekt, weil sie so einem gemeinsamen Ziel entgegenstehen. Egal, wie verschieden wir denken: Wir dürfen unsere Bereitschaft zum Austausch, zur konfrontativen Auseinandersetzung nicht aufgeben. Wenn wir die Gespräche einstellen, sind wir nicht mehr konsensfähig als Gesellschaft.

Hat sich die Einflussmöglichkeit von Theater seit der Wende so radikal geändert, sodass man solche neuen Formen suchen muss?

Sehe ich nicht ganz so. Ja, in der DDR war das Theater ein Brennglas. Der Satz "Sire, geben sie Gedankenfreiheit!" aus Schillers "Don Carlos" hat immer von sich aus gezündet, egal ob die Inszenierung gut oder schlecht war. Das war ja kein Verdienst der Theater, wie waren da eher Nutznießer der schlechten Verhältnisse. Das ist in den 90ern radikal weg gewesen. Seitdem hat sich das Theater schließlich über viele Krisen und Einschnitte hinweg gut und stabil behauptet - auch mit einem immer noch vorhandenen Credo, dass man Teil einer Stadt, einer Gesellschaft ist und dabei die relevanten Themen zu bearbeiten hat. Dass die Resonanz verschieden ist, ist normal. Aber wenn es ein gutes Angebot gibt, sind die Leute auch da. Heute geht niemand mehr wie früher ins Theater, um ins Theater zu gehen. Heute kommen die Leute, wenn sie das Programm interessiert. Die Gesellschaft ist spezialisierter, punktierter. Es gilt, verschiedene Interessensgruppen zu erreichen.

Wie geht das?

Indem man Vielfalt als Prinzip denkt und das kommuniziert. Die offene Begründung, warum man etwas macht, ist sehr hilfreich. Unsere Mauer-Aktion geht genau in diese Richtung: Wir haben ja auch keine Antworten auf wichtige Fragen. Aber wir versuchen, welche zu finden. Oder regen an, in den Austausch zu gehen. Und das klappt: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass wir klüger aus dem Projekt herauskommen als wir reingegangen sind.

Sehen Sie sich als Deutsches Nationaltheater in besonderer Verantwortung?

Wir sind hier für die Leute. die hier leben. Das ist mein erster Grundsatz. Wir machen Theater für diese Stadt. Was weiter wirkt, ist ein sehr guter Effekt, aber auf den würde ich nie in erster Linie zielen. Wir müssen erst einmal die Zugewandtheit der Leute erringen, die entsteht ja nicht einfach so. Wir können natürlich nicht jedem seine Bestätigung geben, nicht jede Erwartung erfüllen. Aber dass wir zeitaffin sind, auf politische Fragen immer eine Reaktion finden, das ist mittlerweile für alle klar, und das wird positiv wahrgenommen, zum Beispiel unsere klare Abgrenzung gegen Rechts. Man muss das Publikum einfach ernst nehmen, sonst bekommt man dauerhaft ein Problem. Das ist das Credo, seit ich dieses Haus leite. Erstaunlich finde ich nur, wie lange es braucht, bis das auch geglaubt wird! Man hat mit so viel Skepsis zu tun heute, aber dem muss man sich stellen.

<b>Hasko Weber</b>

Der Regisseur und Schauspieler wurde 1963 in Dresden geboren. Nach Abitur und Maschinenbauer-Lehre wurde er in Leipzig zum Schauspieler ausgebildet. Ab 1989 wirkte er in Karl-Marx-Stadt/ Chemnitz und am Staatsschauspiel Dresden, wo er später Schauspieldirektor wurde. Neben vielen Inszenierungen als freier Regisseur war Weber ab 2005 Schauspielintendant in Stuttgart. Seit 2013 ist er Generalintendant am Deutschen Nationaltheater in Weimar.

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