Heimat von Welt

Ein mutiger Länderschwerpunkt, starke Frauen, ein mitreißender Männerchor und das tragische Schicksal von Weizen-Charly - das Folkfest in Rudolstadt verzaubert mit nahe- und fernliegenden Klängen.

Rudolstadt.

"Zu viel Heimat ist auch nicht gut", sagt der blinde österreichische Akkordeonist Otto Lechner und spielt mit der "Ziehharmonika", wie er sein Instrument ganz volkstümlich nennt, alle schwülstige Heimattümelei hin-weg. Der Dresdner Cellist Jan Heinke erinnert daran, dass Globalisierung auch ihre guten Seiten habe. In der Musik zum Beispiel. Er spielt im Trio Jasama, arabisch: "der Himmel ist weit", gemeinsam mit der syrischen Sängerin Sara Alagha und dem Perkussionisten Mathis Stendike, beide in Chemnitz lebend, wunderbar zarte, dennoch kraftvolle Lieder, in denen nicht nur der Austausch zwischen östlicher und westlicher Kultur mitklingt, sondern auch die Wanderungs- und Fluchtbewegungen der Welt.

"Heimat" ist eines der häufigsten Worte beim Rudolstadt-Festival, an dessen neuen Namen man sich erst noch gewöhnen muss, obwohl es mittlerweile tatsächlich mehr ist als ein Tanz- und Folkfestival, wie es früher hieß. Hunderte Künstlerinnen und Künstler aus 55 Ländern spielten bis Sonntagnacht vier Tage lang vor jeweils 25.000 Zuhörerinnen und Zuhörern aus ganz Europa. Sie alle haben oder hatten eine Heimat, zum Beispiel den Iran, das diesjährige Gastland - eine mutige Wahl der Festivalmacher um den künstlerischen Leiter Bernhard Hanneken. Manche kritisierten, dass sich die Organisatoren nicht dezidierter zur Situation im Iran geäußert haben - doch im Grunde ist das Festival selbst die Botschaft, indem es Künstlern wie Publikum eine Plattform bietet. Die Gruppe Damahi entstand um die Jahrtausendwende in einer Phase vorsichtiger Liberalisierung im Iran. Sie verbindet westliche, arabische und afrikanische Musiktraditionen, klingt damit sehr modern. Ganz traditionell dagegen die Gesangsgruppe Banu um die in der deutschen Diaspora lebende Iranerin Maryam Akhondy, die für ein iranisches Ensemble einsprang, das kein Visum für die Reise nach Rudolstadt bekam. Die Banu-Frauen singen über Arbeit, Familie, Liebe aus weiblicher Sicht und damit durchaus ungewöhnlich für ihre Heimat.

Aber Heimat - das ist nirgendwo in der Welt etwas Enges, Eindimensionales. "All unsere Hochzeiten und unsere Katastrophen sind multiethnisch", sagt Yuri Bukovynets von der südwestukrainischen Hudaki Village Band. Sie kommen aus einem kleinen Dorf und all ihre Lieder sind traurig, auch, wenn sie lustig klingen. Die Welt hat sich schon immer in Rudolstadt während der Festivaltage gespiegelt, und so ist es vielleicht auch nicht nur ein Gefühl, dass die Stimmung ein wenig ernster, nicht nur entspannt, dieses typische Festival-Lächeln nicht ganz so allgegenwärtig ist. Es gibt Gedränge, vor allem am Donnerstagabend, der wohl noch nie so viele Besucher gesehen hat, die sich mangels weiterer bespielter Bühnen alle im Heine-Park versammeln; am Bierstand ist sich jeder selbst der Nächste, die freundliche Security warnt vor Taschendieben. Zwei Schlauchboote auf der Saale mit der Aufschrift "Stoppt das Sterben im Mittelmeer" sind bald wieder verschwunden.

Und doch macht auch diese Spannung zwischen Alltag und Festtag, zwischen Heimat und Welt, zwischen Bratwurst und Ayurvedatee den unverbrauchten Reiz des Festivals aus: Es schafft mühelos den Spagat zwischen dem tragischen Schicksal von Weizen-Charly aus Dietenhofen (Tod durch Weißbier, wie ihn Gankino Circus, einer der diesjährigen Gewinner des Folk- und Weltmusikpreises Ruth, besingt), und den vom Klimawandel bedrohten kleinen Inseln im Pazifik, welchen das Projekt "Small Island Big Sound" gewidmet ist. Ebenso mühelos passen die mitreißenden Rapperinnen Somos Guerreras, "wir sind Kämpferinnen", aus Mittelamerika zum Spooky Men's Chorale aus Australien. Während die drei Frauen mit überbordender Kraft und Energie für ihre Rechte singen, wechseln die 13 Männer übergangslos zwischen der Erhabenheit georgischer Lieder und einem Spottgesang auf die berühmten Gebrüder Gibb aus ihrem Heimatland oder auf sich selbst: "Wir haben alle ungelöste Probleme mit unseren Vätern."

So klingt in jedem Ton ein Stück Heimat mit, und weil es so bezaubernd viele verschiedene nahe- und ganz fernliegende Töne sind, ist ein Festival wie das in Rudolstadt vielleicht die schönste Möglichkeit, diesem Wort seinen Klang von Welt zu erhalten oder wiederzugeben. Am Wochenende hatte er ihn schon.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...