Heißes Herz

Leidenschaftlich tanzt Katrin Baumann auf vielen Hochzeiten. Ihre Kunst findet sich an etlichen Orten im Erzgebirge, und in Elterlein macht sie auch noch Politik. Ihr Ziel: Wieder zum Ursprung finden.

Sie ist keine Weltenbummlerin. Obwohl es deutschlandweit Ausstellungen gab, kurze Arbeitsaufenthalte in der Bretagne, in Spanien, sogar eine Studienreise nach Japan. Aber die Designerin Katrin Baumann ist bodenständig. Geboren in Annaberg, aufgewachsen in Elterlein, Studium an der Fachhochschule für angewandte Kunst in Schneeberg und wieder zurück nach Elterlein, in das 3000-Seelen-Städtchen im Erzgebirge. Hier hat sie vor Jahrzehnten ein altes Haus gekauft. Hier - in ihrer "Bastelwerkstatt" - lebt sie mit Mann, Sohn und Katze bis heute. Hier arbeitet sie. Hier ist Katrin Baumann zu Hause. "Elterlein, das ist mein Start- und Landepunkt."

Ein relativ kleiner Lebenskreis. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Die Wirkungskreise der Mittfünfzigerin sind weitaus größer. Als sie 1987 ihr Studium beendete, war ihr Fachgebiet die Weberei, die Textilkunst. Bald kamen neue Aufträge: Farbgestaltung für eine Schule, Ausgestaltung eines Altarraums in einer Kirche, Designentwicklung für einen Spielzeuggestalter. Ein kleiner Webstuhl steht noch heute in der Wohnküche, direkt an der großen Glastür, die den Blick in den idyllisch-wilden Garten frei gibt. "Wenn ich ausspannen will, dann lass ich das Weberschiffchen sausen. Dann fällt alles von mir ab", sagt sie. Allzu oft hat sie zum Weben allerdings keine Zeit mehr: Textilkunst, Malerei/Grafik, Design, Produktgestaltung, Event- und Messegestaltung, Kunst am Bau - der "Angebotskatalog" auf ihrer Website liest sich, als könne, als wolle sich da jemand nicht festlegen.

Auch zur Zeit tanzt Katrin Baumann wieder auf mehreren Hochzeiten. Für den Weihnachtsmarkt in Annaberg-Buchholz arbeitet sie weiter an ihrer gebastelten Wichtelstadt, in Gedanken schreibt sie an einem zweiten Klöppellehrbuch, es gibt Pläne für die Ausgestaltung eines Hochzeitszimmers ... Schnell ist sie bei ihrem aktuell "allerliebsten Lieblingsprojekt": das Pendulum "Die goldene Brücke" im Kurpark von Wiesenbad, erst kürzlich fertig geworden und übergeben, mit einem 1. Platz in einem Ideenwettbewerb für den ländlichen Raum ausgezeichnet. Eine Holz-Stahl-Konstruktion ist das mit einer sogenannten Pendelwelle. Stößt man die 15 Kugeln an, schwingen sie zunächst gemeinsam hin und her, bilden dann Schlangen- und Wellenmuster, tanzen in Gruppen, verwirren sich scheinbar chaotisch. Dazu entstehen harmonische Klänge. Ein großes Kugelspiel im Freien ist entstanden, zum Spielen und Musizieren für Kinder und Erwachsene. Die Pendelwelle sei wie das Leben: bewegend, chaotisch, rhythmisch, zyklisch, faszinierend. Katrin Baumann kommt ins Philosophieren.

Man kann im Gespräch mit dieser Frau vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Immer wieder sprudelt Neues aus ihr heraus, spricht sie von weiteren Projekten, Vorhaben, Plänen, Gedanken. Das ist journalistische Schwerstarbeit, daraus eine Geschichte aus einem Guss zu schreiben. Gibt es nicht irgend einen roten Faden, der sich durch alles zieht?

Ja. Der legendäre rote Faden war zu finden. Es ist ein Zitat, zwei Sätze, die immer wieder auftauchen auf ihren Prospekten und Visitenkarten: "Wieder zum Ursprung finden ist das Ziel, die Richtung völlig offen. Alles fließt, vielleicht komme ich irgendwann an." Das ist das Credo ihrer Arbeit. Mehr noch: Von diesem "zum Ursprung finden" wird ihr Leben bestimmt, nicht nur die Arbeit. Das will sie weitergeben. Katrin Baumann ist nicht nur Kunstschaffende, wirkend im Selbst, die Betrachter überraschend mit dem Erschaffenen. Katrin Baumann ist auch Kunstlehrende. Das scheint ihr Weg zu sein, selbst irgendwann anzukommen. Es gab und gibt jede Menge Workshops für Erwachsene und Kinder, von der Frau aus Elterlein geleitet. Sie bildet Klöppellehrer weiter. Sie unterrichtet Design an einer privaten Bildungseinrichtung. Sie leitet Zirkel. Und immer ist sie auf der Suche nach Neuem, das soll in ihrem Fall heißen nach alten Techniken, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Als nur ein Beispiel seien Soutache-Techniken genannt. Ganz durch Zufall ist sie auf alte Musterbriefe für Soutache-Posamenten gestoßen, das sind Verzierungen aus Schmuck- und Biesenbändern, die teils mit Perlen besetzt sind. Die wiederum verknüpfte die Fachfrau mit ihrer Klöppelkunst, brachte kleine Spitzenmotive auf Kunststoffscheiben. Es entstanden Broschen, Ketten und andere Schmuckstücke, eine Verbindung von Alt und Neu. Sie könne sich von altem "Gelump" eben nur schwer trennen, da sei sie erblich vorbelastet, ihr Vater war einst der Altstoffhändler von Elterlein, erzählt Katrin Baumann schmunzelnd. Nachhaltigkeit sei für sie kein Schlagwort. "Es geht mir immer aber auch darum, das alte Handwerk des Klöppelns für kommende Generationen fit zu machen, damit es als Tradition lebendig bleibt. Mit den althergebrachten Deckchen und Spitzen kann man Jüngere zumeist nicht mehr begeistern, aber an dieser modernen Umsetzung, am Gestalten von extravagantem Schmuck haben schon Kinder Spaß." Wie war das? Wieder zum Ursprung finden ist das Ziel, die Richtung völlig offen ...

Seit nunmehr 12 Jahren leitet Katrin Baumann in ihrer Heimatgemeinde einen Kreativzirkel. Was damals mit einer Handvoll Interessierter recht zäh begonnen hat, ist heute zum Selbstläufer geworden. An jedem Freitagnachmittag treffen sich knapp 20 Zirkelmitglieder, vor allem Schüler vom Gymnasium Zwönitz. Es wird gewebt, gefilzt, genäht, geklöppelt und gemalt, es werden Bücher gebunden, Täschchen kreiert und - man mag es kaum glauben - auch mal Sauerkraut nach traditioneller Rezeptur eingelegt. "Da wird etwas mit den Händen gemacht", nennt es Katrin Baumann. "Unsere Hände können doch noch etwas anderes tun als lediglich übers Smartphone zu wischen, oder? Das treibt mich an: Leuten Alternativen aufzeigen, ihre Kreativität zu wecken, sie zufrieden und ruhig zu machen. Dieser Zirkel bei uns in der Bockscheune bietet dafür beste Voraussetzungen."

Und weil nun das Stichwort Bockscheune gefallen ist, lassen wir noch die zweite stellvertretende Bürgermeisterin von Elterlein zu Wort kommen. Ihr Name? Katrin Baumann. Richtig, das ist nach dem Gespräch mit dieser quirligen Frau nun auch keine Überraschung mehr. Seit 2005 sitzt sie für die Freien Wähler im Gemeinderat, hat sich - neben den täglichen Alltagsproblemen - natürlich auch das "Kunstschaffen" in Elterlein auf ihre Fahne geschrieben. Damit steht es in dem kleinen Ort ganz gut: Die sogenannte Bockscheune, seit 2011 als Vereinshaus etabliert, macht es möglich. Hier trifft man sich in Sachen Kultur, der Freitagnachmittag ist für Katrin Baumann und ihre Mitstreiterinnen reserviert. "Aber das reicht uns nicht, wir wollen mehr", lautet die nicht ganz unbescheidene Forderung. Wäre es nicht ein Glücksfall, an jedem Tag der Woche etwas in Sachen Freizeitgestaltung anzubieten? Einen größeren Kreis anzusprechen? Noch mehr Kinder und auch Erwachsene einzubeziehen?

Seit fünf Jahren wird in Elterlein an diesem Projekt geplant. Mit dem sogenannten Bockhaus, das vor der Scheune stehende leere Gebäude, benannt nach einem ehemaligen Besitzer, wäre auch in der Stadt die entsprechende Lokalität vorhanden. "Wir haben das Projekt bis ins Detail durchgeplant, traditionelle Werkstätten könnten ihren Platz darin finden, Handwerk erlebbar gemacht werden. Das würde sich lohnen: Wir haben einen großen Einzugskreis, in unsere Bockscheune kommen ja auch die Besucher von sonst woher. Wir haben die Leute, die sofort Leben in die leeren Räume bringen könnten. Eine sinnvolle Nutzung wäre gesichert, und zwar an jedem Tag. Es fehlt uns - wie könnte es anders sein - an Fördermitteln." Von Pontius zu Pilatus seien sie mit ihren Plänen schon gelaufen, bisher ohne verbindliche Zusagen. "Es geht um die Förderung dörflicher Kultur, das ist doch kein rausgeschmissenes Geld. Wir können nicht nur reden, sondern müssen auch etwas tun, um Traditionen zu wahren. Wenn das Myzel nicht da ist, brauchst du nicht auf Schwamme zu warten. Aber bei uns ist das Myzel da." Fast beschwörend spricht sie diesen Satz. Doch wer in Sachen Kultur unterwegs ist, brauche einen langen Atem. Und ein heißes Herz, setzt Katrin Baumann hinzu.

Aber das hat sie doch.

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