Helene Fischer: Genmais für alle!

Spätestens seit ihrem Dreifach-Platin-Album "Farbenspiel" mit dem Hit "Atemlos" gehört die Schlagersängerin Helene Fischer zu den Superstars in Deutschland. Doch ihr Erfolg spaltet gleichzeitig auch die Kulturnation. Kann das neue Album "Helene Fischer", mit dem die Sängerin alle stilistischen Gräben überspringen will, die Hörer einen?

Berlin.

Da steht noch eine Mauer mitten in Deutschland - mit einem eigenen Millionenvolk auf jeder Seite: Das eine liebt Helene Fischer, irgendwie zwischen doch schon sehr und abgöttisch - und das andere, nun ja, eher nicht ganz so mit starker Tendenz zu "wirklich überhaupt nicht". Auf Mauerseite A wurde das letzte Fischer-Album "Farbenspiel" seit seiner Veröffentlichung vor dreieinhalb Jahren jede einzelne Woche so oft gekauft, dass die Platte seitdem ununterbrochen in den Charts steht, gleich zweimal hintereinander erfolgreichstes Album des Jahres war und, mittlerweile mit Dreifach-Platin ausgezeichnet, als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Platten überhaupt gelten darf. Auf Mauerseite B kann man das kulturell nicht im Ansatz nachvollziehen: Hier gilt Fischer als prototypisch für ein seelen- wie gewissenloses Kunstprodukt; quasi der Genmais unter den Unterhaltungslieferanten - geschmacklos, genormt, und bestimmt längerfristig auch schädlich.

Nun hat die Superstar-Sängerin ein neues, so schlicht wie selbstbewusst "Helene Fischer" betiteltes Album auf den Markt gebracht - und beide Seiten erst einmal damit verunsichert: Mit dicken Beats hämmert sie gegen die Trennwand. "Herzbeben" zum Beispiel, eine der ersten Radio-Singles, ist ein verwegener Mix aus Discostampfen und urbanem Techno, mit einer angekratzt-zeitgenössischen Synthi-Basslinie, die sich noch mehr gegen Fischers "Schlager"-Schublade sperrt als das Gesamtschaffen der Sängerin ohnehin. Zwar hat Schlager nach seiner Wiederbelebung in den 90ern nichts mehr mit der Gemütlichkeit der "Caprifischer" zu tun - seine Protagonisten lassen hinter ihren Genre-Texten seither von der sägenden E-Gitarre bis zum Technorhythmus freimütig alles mitschwingen, was der Zeitgeist verlangt. Dabei galt jedoch das ungeschriebene Gesetz der Verdünnung: man agierte leiser, gebremster, verwässerter, also playbackfreundlicher als in der echten Popkultur. Helene Fischer war die erste Schlagersängerin, die die Regler hochfuhr bei den stibiezten Versatzstücken - und auf dem neuen Album pfeift sie komplett auf Verdünnung: Schlager und Pop, das soll hier eins werden. Und Fischer scheint zu wissen, wie sie alle möglichen Geschmäcker bedient: Sollte sie mit dem einen Song mal anecken, kommt beim nächsten schon ein anderer Stil, mit dem sie die Hörer am Ende schließlich doch noch kriegt. Das spiegelt irgendwie genau die Frau wider, die beherrscht an ihrem Erfolg arbeitet. "Purer Helene Fischer geht nicht", sagt sie selbst über die Platte.

Auf Mauerseite B wird das durchaus als Schuldeingeständnis begriffen: Rund 1000 (!) Komponisten aus aller Welt sollen sich beworben haben, um Songs für die neue Platte liefern zu dürfen. Rund 30 sind nun auf "Helene Fischer" vertreten - die Künstlerin, so heißt es, was persönlich eng in den Auswahlprozess eingebunden. Allein das ist ein No-Go in der Szene, wo Authentizität als wesentlicher Ausweis für kulturelle Güte gilt. Doch das A-Wort ist ja durchaus ein Kampfbegriff: Alles, was man Helene Fischer vorwerfen kann, findet sich ja auch im herkömmlichen Pop: eher einfältig aussagearme Texte (Fischers Werbetexter nennen sie "leicht mitsingbar"), ein dem Sendungsbewusstsein spürbar übergeordneter Unterhaltungswille und eine dahingehend per zugekaufter Mannschaftsleistung optimierte Songproduktion. Hübsch steril in Folie. Man nennt es ja nicht umsonst "Musikindustrie".

"Die Plattenfirmen denken nur, dass die Musik ihnen gehört", soll John Lennon einmal gesagt haben: "In Wirklichkeit gehört sie allen Menschen." Fans, denen der stilistisch richtige Stallgeruch wichtig ist, hören da gern raus: "Musik gehört den Musikliebhabern!" Doch in Wahrheit hat der Ex-Beatle ganz anders recht: Die Musik gehört wirklich allen - sogar denen, die keine tiefere Ahnung von ihr haben und sie nicht als kenntnis- und reflexionsreiche Geistnabelschau genießen - sondern nur als unterhaltsamen, barrierefrei zugänglichen Gebrauchsgegenstand mitkauen, der gern nebenbei aus dem Radio kullern darf. Genmais? Ist doch lecker! Gelber. Mit dickeren Körnern. Mit mehr muss man sich doch den Kopf dabei nicht zumachen - klebt schließlich ein Prüfstempel der Firma drauf. Oder ist etwa einer tot?

Aus dieser Perspektive ist Erfolg ein Gütesiegel ohne Abstriche, während er im Pop nur bei ausgewiesener, also subkulturell geprüfter Qualität in Ordnung geht. Emotionen müssen echt sein - bei Fischer sind sie es nicht. Doch ist letztlich nicht jede Emotion in der Kunst künstlich? Abstrakt? Fischer spielt in die Hände, dass der Konsument immer den Großteil seiner Empfindung in Form einer Erwartungshaltung schon mitbringt. Was das neue Album "Helene Fischer", diesen zeitgeistig hochgerüsteten Pop-Flickenteppich in Ibiza-Lautstärke, durchaus sogar riskant macht: Auf Mauerseite A liebt man die im russischen Krasnojarsk geborene Sängerin getreulich für ihren Riesenerfolg, will aber auch gern klangliche Erwartung bestätig wissen. Da gibt es durchaus Altfans, die das neue Werk als zu kühl, zu berechnend empfinden. Denn was den Schein des Leichten trägt, ist ja harte Arbeit. "Generell ist in meinem Job Disziplin wichtig", sagt Fischer, die zudem, untypisch für die Schlagerbranche, ihr Privatleben aus dem Geschäft heraushält: Homestorys gibt es eigentlich keine. Das, was nach außen dringt, wird geregelt. Damit das Bild stimmt. Nichts also, was der Popkultur fremd wäre. (mit dpa/ros)

Im Konzert Helene Fischer tritt am 24. Juni 2018 in der "Red Bull"-Arena Leipzig auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe oder unter freiepresse.de/meinticket

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Freigeist14
    18.05.2017

    Das Produkt Helene Fischer funktioniert nur Dank ihre Attraktivität ,verbunden mit perfekter Tanz-Performance.Die Songs sind da eher zweitrangig.



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