Her mit dem Begrüßungsgeld!

Mit der Bühnenfassung der Jurek-Becker-Serie "Wir sind auch nur ein Volk" gelingt dem Theater Plauen-Zwickau ein ebenso spaßiger wie heller Blick auf den neuen alten Ost-West-Konflikt.

Plauen.

Ossiologen haben wieder Hochkonjunktur: Seit die Frage nach dem starken AfD-Zuspruch in Sachsen oder Brandenburg im bundesdeutschen Raum schwebt, füllt sie, um mal ein triefend ironisches Zitat vom Soloalbum des Kraftklub-Sängers Felix Kummer vorwegzunehmen, eine "konstruktive Diskussion mit schlauen Talkshowgästen". Gebetsmühlenartig aus ihren hurtig aufgelegten Büchern und Kolumnen zitierte Fünf-Neue-Bundesländer-Versteher liefern gern und fleißig selbsterdachte Erklärungen für fundamentale Unterschiede zwischen hier und da - mal aus anschmiegsamer, mal aus oberlehrerhafter Sicht auf "den doofen Rest", abgekürzt: DDR. Ein ganz heißes Thema also für Theater, das am Plus der Zeit bleiben will.

In Plauen greift man diesen Ball zum Jahrestag der ersten Wende-Demo gern auf - und man tut es geschickt wie trotzig mit einer Komödie aus den 90ern: Die Bühnenfassung von Jurek Beckers Fernsehserie "Wir sind auch nur ein Volk" aus dem Jahr 1994 dreht mal eben den aktuellen Ost-West-Streit mit ihrem Kerngedanken um 180 Grad. Ossis wie Wessis, das schält sich schnell heraus, sind am Ende gleich - allein Geld macht den Unterschied. Und ein gewisser Dünkel, aber den kann man ausbügeln. Aufhänger ist eine vergnüglich krude Versuchsanordnung: Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender will fünf Jahre nach der Wiedervereinigung eine Fernsehserie über deren Schwierigkeit produzieren. Für die Drehbücher engagiert man den Westberliner Star-Literaten Anton Steinheim: Dumm nur, dass der noch nie einen Ossi getroffen hat. Also engagiert der Sender die Familie Grimm aus Ostberlin als Studienobjekt: Vater arbeitslos, Mutter Lehrerin, Sohn abgebrochener Student, Großvater nörgeliger Rentner. Der Autor soll deren Alltag miterleben, um Material zu sammeln. Die Ossis kommen sich natürlich wie Zootiere vor, sind Anpassung aber gewöhnt und können die Kohle gut brauchen. Der inhaltlich mäßig interessierte Wessi versteht als Fremdkörper zwischen "Dispatcher" und "Wartburg-Anmeldung" nur Bahnhof und findet keine Story für sein Buch - die Serie beginnt zu wackeln. Da macht der zuständige Fernsehredakteur Druck, und zwar mit Geld. Die Familie, begierig auf die Schecks vom Sender, soll gefälligst knackigeren Stoff liefern! Der Autor hingegen hat eine anspruchsvolle junge Frau, die bereits ihren Job gekündigt hat mit freudigem Blick auf die versprochenen fetten Fernseh-Honorare. Also fahren auf beiden Seiten die Klischeeverstärker hoch, bis es kracht. Am Ende lässt man gegenseitig die Hosen an der Frage von Rückgrat und Widerstand runter - Ossis hatten sich gefälligst gegen politische Zwangslagen zu wehren, wogegen Wessis es als pure Vernunft verkaufen, sich in wirtschaftliche Zwangslagen per Luxus zu fügen? Kann ja nicht sein! Am Ende singen alle "Als ich wie ein Vogel war" von Renft.

Die Gemengelage funktioniert auf der Bühne schon wegen der großartigen Becker-Dialoge mit ausgesprochen unterhaltsamer Schärfe. Dass das Stück wie die nur bedingt erfolgreiche Fernsehserie einiges im Ausgangssetting angelegtes Konfliktpotenzial nur lässig streift, etwa die Frage nach medial inszenierter Realität oder Rissen durch Familien, erzeugt einige flache Stellen, macht die Sache insgesamt aber locker: Unterhaltung hat bei dieser Produktion hohen Stellenwert. Und die gelingt vor allem durch die Darstellung, die sehenswert zwischen gespieltem Fernsehbild, vorgegaukelter Familienszenen und den echten Befindlichkeiten der handelnden Personen changiert. Regisseur Jan Jochymski hat einen guten Kniff gefunden, dabei kein Chaos ausbrechen zu lassen: Die Ossis lässt er als sympathische Holzschnittfiguren stehen und vertraut dem Zuschauer, die Zwischentöne aus eigener Erfahrung mitzudenken. Die Wessis dagegen werden fein bissig karikiert. Besonders cool: Julia Hell, die mit der übermotivierten Magazinjournalistin Isolde Moll, der hedonistisch selbstoptimierten Besserverdiener-Frau Lucie Steinheim und der naiven Tiefwest-Gutmenschin Steffi Blauhorn gleich drei Stereotypen prima aufs Korn nimmt. Die beste Komödien-Show des Abends lieferte dagegen Peter Princz als überkandidelter arbeitsloser Schauspieler, der im Auftrag der Familie Grimm mangels echter Stasi-Kontakte für Autor Steinheim einen Mann vom VEB Guck, Horch und Greif geben soll und dabei zu lustiger Höchstform aufläuft. Das Premierenpublikum war begeistert und sprang beim Schlussapplaus von den Sitzen.

Nächste Aufführungen von "Wir sind auch nur ein Volk" sind am 12. und 19. Oktober sowie am 3., 4., 24. und 25. November im Vogtlandtheater Plauen zu sehen. Im Malsaal Zwickau läuft das Stück ab 24. Januar 2020.

www.theater-plauen-zwickau.de

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