Herr der Strippen

Bauhaus-Gründer Walter Gropius gilt als Gralsheiliger der Architektur. Dieser Ruf speist sich jedoch wenig aus eigener Baukunst, sondern kommt aus jenem Schmelztiegel, den er vor 100 Jahren mit seiner Schule auf die Flamme der Moderne stellte. Wie hat dieser Steve Jobs der 1920er-Jahre so einen Spagat nur fertiggebracht?

Was das I-Phone von Apple mit einem DDR-Neubaublock zu tun hat? Beides lässt sich auf die Prinzipien des Bauhauses zurückführen. Hier das hintersinnigste Design-Symbol des modernen Kapitalismus mit all seinen aktuellen Wirksträngen vom Statusdenken bis Digitalisierung, dort ein ewiges Musterbeispiel für das Scheitern eines sozialistischen Ideals in der Realität: Anschaulicher lässt sich kaum die ambivalente Weite der Idee Bauhaus zeigen, die sich von Schönheit bis Schrecken spannt und in deren Gären und Brodeln sich alles findet, was auch diesen beiden Symbolen innewohnt: Unstrittiger Nutzen und genialer Schöpfergeist, getragen von einem spannenden Gerüst aus hemmungslos mystischer Überhöhung und schlichter Banalität.

Wenn etwas vom Bauhaus, das vor 100 Jahren aus dem Zusammenschluss der Kunstgewerbeschule und der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar entstand, in die Zukunft getragen wurde, dann die Erkenntnis der großen dialektischen Kraft aus genau dieser Ambivalenz, welche die Gesellschaft seit der Industrialisierung prägt. An der von Gropius geleiteten Schule wurde sie zwar nicht erkannt - aber erstmals gezielt als Motor genutzt. Dass das gelingen konnte, ist ein wesentliches Verdienst des ersten Bauhaus-Direktors. Gropius, den Zeitgenossen als getriebenen, zielstrebigen Menschen mit großem Rede- und Überzeugungstalent schildern, wird dabei zwangsläufig auch als großer Künstler gesehen. In seinen wenigen Schaffensstationen vor dem Bauhaus haben Bewunderer immer die Wurzeln für seine legendäre Architektur gesucht. Neuere Biografien, vor allem die des Publizisten und renommierten Design-Journalisten Bernd Poster zeigen, dass Gropius eher auf frappierende Weise an Apple-Gründer Steve Jobs erinnert: Wie dieser agierte auch der Bauhaus-Gründer vor allem als Visionär und verstand sich hauptsächlich darauf, Talente wie auch zeitgeistige Trends zu erkennen und mit Nachdruck in eine fruchtbringende Richtung zu lenken. Eigene künstlerische Fähigkeiten hatte er dabei weniger - sein wohl recht stark ausgeprägtes Selbst- und Sendungsbewusstsein war für große Leistungen auf den Genius anderer, stillerer Zeitgenossen angewiesen, die ihrerseits wiederum ihre Ideen ohne ein funktionierendes Räderwerk kaum umzusetzen in der Lage gewesen wären.

Auch Steve Jobs, der mit dem bedienerfreundlichen Homecomputer Macintosh (1984), dem I-Pod (2001) und dem I-Phone (2007) technisch wie gesellschaftlich bahnbrechende Geräte kuratierte und auf den Markt brachte, konnte selbst weder auf sonderlich bemerkenswertem Niveau Computerprogramme schreiben noch Hardware-Komponenten entwickeln. Auch die Ideen zu Maus, Touchscreen oder Tablet-Computer, die heute mit Apple verbunden werden, waren nicht von ihm. Er war es jedoch, der aus Visionen und Möglichkeiten einen fast mythischen Erlebnisraum schuf - mit Design als Klebstoff.

Wie Jobs war auch der Bauhaus-Gründer Studienabbrecher, der sich mit Glück und guten Beziehungen als "Zaungast" wirklicher Visionäre durch Praktika hangelte, um deren Ideen aufzugreifen und dann zur richtigen Zeit mit dem richtigen Nachdruck an den richtigen Stellen anzubringen. Geboren am 18. Mai 1883 in Berlin, wuchs Walter Gropius in gehobenen Verhältnissen auf. Sein Vater war als Geheimer Baurat ein wohlhabender preußischer Beamter, die Mutter stammte aus einer Junker-Familie, die den Sohn wohl über die Maße der Zeit verhätschelte: Als bestenfalls mäßiger Schüler wurde Walter vor allem via Standesbeziehungen durch das damals frisch aufgebaute preußische Schulsystem gelotst. An den Universitäten in München und Berlin versagte Gropius daher frühzeitig beim Architektur-Studium, vor allem, weil er weder das Talent noch die Fähigkeit zum Zeichnen hatte - für einen Architekten des ausgehenden 19. Jahrhunderts war das in etwa so hinderlich wie fehlende Computerkenntnisse für einen heutigen Webdesigner. Wie Polster in seiner Biografie "Walter Gropius - Der Architekt seines Ruhms" anschaulich herausarbeitet, nutzte Gropius stattdessen bezahlte Kommilitonen und entwickelte ein cleveres System aus Beziehungen, um sich als Architekt selbstständig zu machen. Sein Onkel mütterlicherseits, ein reicher ostelbischer Junker, besorgte ihm erste Aufträge für simple Landarbeiter-Unterkünfte, die er von Angestellten abarbeiten ließ. Anders als im aufblühenden Berlin herrschten auf dem Land noch quasifeudale Zustände, ein großstädtischer Architekt war da ein erheblicher Statusfaktor - was Gropius erste Villen bauen ließ, für die er schlicht Vorhandenes kopierte. Der Name seines Großonkels Martin Gropius, eines Schinkel-Schülers, war dabei vorteilhaft, auch wenn dieser bei Walters Geburt bereits drei Jahre tot war und der Jungarchitekt seine Arbeiten nur aus protzigen Familien-Erinnerungsbüchern kannte.

Angefixt vom herrschaftlichen Habitus des Onkels wollte der leidenschaftliche Reiter Gropius angesichts seiner eher übersichtlichen Aussichten auf eine Architekten-Karriere auch lieber eine militärische Laufbahn einschlagen und brachte es beim Husaren-Dienst zu einigen Meriten. Ob seiner zu bürgerlichen Herkunft wurde ihm jedoch vom Adel die Offizierskarriere verwehrt. Durch seinen Förderer Karl Ernst Osthaus (mit dem Polster gar eine homoerotische Verbindung vermutet) bekam der damals talent- wie erfahrungsfreie Gropius allerdings einen Job bei Peter Behrens, dem berühmtesten Gestalter seiner Zeit, der das komplette Firmendesign der AEG innehatte und 1908 ein Baubüro in Berlin eröffnete. Dass dort auch Moderne-Stars wie Mies van der Rohe und Le Corbusier tätig waren, machte sich später gut in Gropius' Vita, obwohl er aufgrund seiner "Handicaps" nur kurz für Behrens tätig war - und zwar nicht kreativ, sonder als eine Art Praktikant zur Baustellenüberwachung. Lang ging das nicht gut: Zusammen mit dem Architekten Adolf Meyer gründete Gropius 1910 ein Architekturbüro, natürlich unter seinem Namen: Gropius holte über die Junker-Verwandtschaft und andere Connections gute Aufträge, Meyer übernahm im Wesentlichen den Kreativpart. Eine Kombination, die laut Polster auch bei heute legendären Arbeiten des Büros wie der 1911 entstandenen Glasfassade für die Fagus-Schuhleistenfabrik im niedersächsischen Alfeld oder der Musterfabrik zur Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1914 in Köln ausschlaggebend gewesen sein dürfte.

Ein weiterer Knotenpunkt in Gropius' Netzwerk war seine Geliebte und später kurzzeitige Ehefrau Alma Mahler, bis zu dessen Tod Gattin des Komponisten Gustav Mahler, bei der die Größen der europäischen Kulturszene ein- und ausgingen. Walter, von Haus aus ohne Bezug zu Avantgarde oder Kunst, verschaffte das Verbindungen etwa zu Wassily Kandinsky oder Paul Klee. Den Künstler und Kunstpädagogen Johannes Itten, einer der wichtigsten ersten Bauhaus-Lehrer und Erfinder des Vorkurses, der aus Wien seine erhebliche, großteils weibliche Studentenschar mit nach Weimar brachte, berief er auf Almas direkte Empfehlung.

Wie aber wurde Gropius, der 1919 weder Abschluss noch Lehrerfahrung hatte und auch kein nennenswertes Schaffen vorweisen konnte, überhaupt Direktor? Seinen Namen brachte Henry van de Velde, der scheidende Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule, neben anderen ins Spiel. Er kannte ihn vom Werkbund: Der Belgier hatte sein Muster-Theater bei besagter Köln-Ausstellung direkt neben der Meyer-Gropius-Musterfabrik errichtet. Und da war noch der sogenannte Werkbund-Streit, eine Auseinandersetzung zwischen Hermann Muthesius und van de Velde: Ersterer wollte für die industrielle Gestaltung eine Typisierung als Gestaltungsprinzip des Werkbundes durchsetzen, letzterer setzte beim Design auf die Individualität des Handwerks. Gropius schlug sich berechnend vehement auf die Seite van de Veldes, obwohl er später Muthesius' Typisierungsidee zum Leitprinzip erhob.

Dass das Bauhaus entstand, ist daher in vielen Punkten ein glücklicher Zufall und weniger einem Gropius'schen Genie geschuldet: Nach dem Ersten Weltkrieg war auch die Großherzoglich-Sächsische Hochschule für Bildende Kunst in Weimar führerlos, und die dortigen Professoren hielten es für einen guten Schachzug, dem Seiteneinsteiger aus Berlin auch noch die Leitung ihres Hauses zu übertragen: Als vermeintlich schwacher Verwalter sollte er wohl vor allem in Strohmann-Manier ihren lästigen Papierkram mit regeln. Ein Irrtum: Gropius, der jahrelang Strippen gezogen hatte, um irgendwann irgendeine seinem Ego entsprechende Position zu erreichen, ergriff die Chance und verschmolz beide Einrichtungen im Zeichen der angesagten Moderne. Damit schuf er eine bis dato einmalige Kreativschmiede, wobei gerade die oft irritierende ideelle Flexibilität Gropius' in den unruhigen Zeiten letztlich von Vorteil war: Als Direktor konnte er sowohl mit altem preußischen Geist als auch den Vertretern neuer revolutionärer Ideen und fungierte quasi als Gelenk: Er war die harte Hülle des Bauhauses, unter der sich die Kreativen in ungeahnt freier Weise austoben konnten - und entwickeln. Den daraus resultierenden Ruhm sollte er später sehr gewinnbringend nutzen ...

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