Heym kommt heim

Der Wow-Effekt ist überwältigend: Das Chemnitzer Figurentheater zeigt Stefan Heym als Puppe und doch so lebensecht, dass man sich von dem Anblick kaum losreißen kann. Der berühmte Sohn der Stadt sagt im Zwiegespräch mit sich selbst nur nicht viel Neues.

Chemnitz.

Es beginnt mit einem Monolog. Eigentlich sollte es ein Dialog sein, doch eine Antwort gibt es nicht: Stefan Heym bittet als alter Mann seinen jüdischen Gott, ihn zu holen. Diese Szene wird die Uraufführung des Stückes "Wenn mich einer fragte..." auch beschließen, denn nach knapp anderthalb Stunden macht der berühmte Chemnitzer Sohn seinen inneren Frieden.

Heym kommt heim, konnte man am Samstagabend im ausverkaufen Figurentheater der Stadt sagen, denn das Stück ist ein Zwiegespräch zwischen dem jungen Helmut Flieg, der 1913 in Chemnitz geboren wurde, und dem alten Stefan Heym, der diesen Künstlernamen später annahm, um seine Familie vor den Repressalien der Nazis zu schützen.

Die vier Puppenspieler Claudia Acker, Tobias Eisenkrämer, Karoline Hoffmann und Sarah Wissner erwecken die beiden Figuren mit viel Geschick zum Leben. Das Haar des jungen Helmut Flieg wedelt wild, wenn er von zeitiger Ausgrenzung in der Schule spricht, vom Aufmarsch der großen Masse auf dem Chemnitzer Theaterplatz und von Hitler, der Schweißflecke unter seinen Achseln hatte. Der stürmische Flieg schreibt das militärkritische Gedicht "Exportgeschäft", wird daraufhin des Gymnasiums verwiesen und muss von da an um sein Leben fürchten. "Ich wäre gern in diesem Land geblieben", schreit er wütend sein altes Ich auf der Bühne an. Das antwortet: "Und als Wolke über Auschwitz geendet."

Das Stück ist ein biografischer Streifzug durch das Leben von Stefan Heym bis 1945. Als junger Mann emigrierte er nach Prag, bewarb sich um ein Stipendium in den USA und nahm als mittlerweile amerikanischer Staatsbürger in der Abteilung für psychologische Kriegsführung als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Er wird Schriftsteller, Publizist und nutzt die Sprache als seine Waffe, um die Welt zu verändern. "Ich habe mich immer eingemischt, einfach weil ich glaube, dass nichts so bleibt wie es ist, und dass wir die Richtung, in der sich das Ganze bewegt, mitentscheiden können", schrieb Heym 1991. Und so istdie Botschaft des Stückes - sich einmischen.

Denn auch, wenn die vier Puppenspieler im Wechsel mit den Spielszenen auf vier großen Flatscreens zu den Chemnitzer Ereignissen nach dem Stadtfest zu Wort kommen: Viel Neues erfährt man aus den persönlichen Schilderungen nicht. Und als die Puppenspieler zu Beginn des Stückes den alten Stefan Heym bitten, als Berater für Chemnitz in der heutigen Zeit zu fungieren, wirkt das hilflos.

Die Figuren von Hagen Tilp dagegen sind der Hammer! Der Puppen- und Requisitenbauer lernte in Dresden und lebt nun in San Francisco. Er erweckt Stefan Heym, der 2001 starb, noch mal zum Leben - vor allem den alten, dessen markantes Gesicht jeder kennt. Am Ende der Uraufführung wird - als Stefan Heym seinen Gott erneut anruft - eine Hoffnung von ihm post mortem erfüllt: "Ich wünsche, dass eine Spur von mir bleibt". Das ist gelungen!

Weitere Vorstellungen "Wenn mich einer fragte ..." ist am 7. und 9. November sowie am 29. Dezember am Schauspielhaus Chemnitz zu erleben.

Heym kommt heim

Ein junger und alter Stefan Heym erzählen als zwei lebensecht gestaltete Puppen, wie sie ihre Schulzeit und Jugend, die Vertreibung aus Chemnitz, die Machtergreifung der Nazis und den Zweiten Weltkrieg empfanden. Zwischen den Ansichten liegt mehr als ein halbes Jahrhundert.

Als Puppenspiel und mit dokumentarischen Mitteln untersucht Regisseur Christoph Werner, ob der Autor Stefan Heym an seinem Lebensende versöhnlich zurückblicken könnte und ob auch heute noch die Gefahr besteht, dass wieder braunes Gedankengut Millionen Anhänger findet.

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