Hier graut man sich was

Wer in einer deutschen Stadt nach dem Bauhaus sucht, findet mit hoher Wahrscheinlichkeit: einen Baumarkt. Unsere Autorin hat dort nach gewisser Verwandtschaft gesucht.

Ein Baumarkt namens "Bauhaus" - das klingt, als hätte sich das ein besonders gewitzter Werber ausgedacht und danach erstmal selbstgefällig über die Mehrdeutigkeit gelacht: Ein Markt für den Hausbau, ein Bauhaus eben, und dann heißt es zufällig auch noch wie die weltberühmte Gestaltungsschule, die mal ganz nebenbei die Moderne definiert hat. Gibt es aber wirklich: Das Bauhaus, also der Baumarkt, ist dabei auch ein Vorreiter - nämlich der erste deutsche Baumarkt, gegründet 1960 nach amerikanischem Vorbild, von einem Mann namens Hans-Georg Baus. Und einflussreich ist er ebenfalls: Das Bauhaus ist eine der größten Baumarktketten Europas, über 35.000 Mitarbeiter erwirtschaften rund sechs Millarden Euro Gewinn. Und warum? Weil die Deutschen gern einfach selber machen. Kreativität steht hoch im Kurs. Geht nicht? Gibt's nicht!

Beide Bauhäuser haben Pionierarbeit geleistet, das eine Bauhaus im Baumarkt-Business, das andere hat Design und Architektur maßgeblich geprägt und das allgemeine Ästhetik-Verständnis revolutioniert. Und beide passen eigentlich auch ganz gut zusammen, denn die "Neue Sachlichkeit" ist im Baumarkt irgendwie allgegenwärtig: Vieles sieht super sachlich aus, manche Zeitgenossen würden es vielleicht auch hässlich nennen - und neu ist es sowieso. Logisch - das muss man eben mögen. Griffe an den Einbauküchen, die Schreibtischlampen, die Spiegelschränke über den Waschbecken, die modernen Klobürsten-Halter wirken da schon mal wie ein orthopädischer Turnschuh: Funktional, sicherlich - aber der Ästhe-Tisch steht woanders. Die schlichte Funktionalität des Bauhauses, also der Schule, hingegen war zwar nüchtern, aber auch zeitlos. Elegant. Wenn man es denn mochte. Die Möbel, die heute teure Design-Unikate sind, wurden ursprünglich für die Serienproduktion gefertigt, werden heute aber exorbitant teuer gehandelt. Ist das Bauhaus also im Prinzip Schuld an Baumärkten? Immerhin wollte man damals schon Möbel für die Masse machen: praktisch, erschwinglich, angepasst an das moderne, industrialisierte Leben. Aus minimalistischen Möbeln für die Masse ist heute liebloser Pressspan geworden, der nach fünf Jahren kaputt auf dem Sperrmüll landet oder bei Ebay-Kleinanzeigen verschenkt wird.

Weil das Bauen in beiden steckt, habe ich im Bauhaus nach dem Bauhaus gesucht: Mich durch Einbauküchen und Gartenmöbel, Teppichbeläge, Plastikfenster, Badlandschaften, LED-Lampen und Zementsäcke gekämpft, Farbmuster betrachtet, über die der Grundfarbenverfechter Johannes Itten entsetzt gewesen wäre und in den unterschiedlichen Abteilungen nachgeguckt, was vom Bauhaus-Geist geblieben ist, der mit strikter Typisierung das Leben nicht nur leichter und damit schöner machen wollte. Was der Baumarkt letztlich ja auch irgendwie verspricht. Yippiejajayippieyippieyeah!

Also in die Gartenabteilung: Ausschließlich graue Möbel, die in etwa so einladend sind wie ein leeres Parkdeck. Sie heißen "Sunfun", sehen aber nach Bierernst aus und passen zur trostlosen Schottergarten-Ästhetik. Nun weiß ich leider nicht, was Walter Gropius von Gärten hielt, aber das Grau hätte ihm vermutlich gefallen. Warum aber fast ausnahmslos alle Gartenmöbel grau sind, erschließt sich nicht so recht: Liegt es am Geschmack der Stadt, liegt es daran, dass Grau die Farbe der deutschen Gründlichkeit ist, dass Grau auf millimetergenau gemähtem Rasen gut aussieht, erträgt man so die furchtbar bunten Blumen besser? Wenigstens graut man sich bei den Materialien was: Es gibt grauen Korb, graues Plastik, graues Aluminium, grauen Stoff und grauen Holzersatz.

Auf zu den Küchen: Vielleicht ist man dem Bauhaus nirgendwo näher als hier. Die Einbauküche ist nämlich ein Kind seiner Ära. Zwar wirkte ihre Erfinderin, die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, nie am Bauhaus, aber ihre "Frankfurter Küche" ist ein Produkt des Zeitgeistes der Moderne. Es gab weniger Wohnraum, viele Frauen waren nach dem Ersten Weltkrieg alleinstehend - ihr Modell sollte ihnen die Küchenarbeit erleichtern. Einbauküchen kann man heute auch im Baumarkt kaufen, allerdings ohne die Aluminium-Schütten und Glas-Schiebetüren ihrer Urmutter. Die Baumarktküchen sind weder schön, noch über alle Maßen hässlich, sie sind einfach da. Eigentlich wie die Frankfurter Küchen - nur das heute wirklich alles modular ist. Damals sah das nur so aus - ins Zimmer gezimmert wurden die Schränke aber in einem Stück. Spüle, Arbeitsplatte, Herd, Schrank sind heute allesamt in angesagter "Eiche-Grau-Nachbildung", wo man in den Neunzigern noch auf "rustikal" schwor. Das war quasi Historismus - was Nietzsche, auf den sich die Moderne gern bezog, wohl gehasst hätte, aber das nur nebenbei. Jetzt also schwarze, weiße oder graue Kastenschränke für die Küchenwand - mehr Bauhaus geht im Prinzip nicht. Außer, dass die Küchen ziemlich ideenlos und gelangweilt rumhängen, während die Bauhaus-Möbel selbst in der größten Sachlichkeit noch originell aussahen. Eine originale "Frankfurter Küche" steht mittlerweile sogar im Moma New York und auch im neuen Bauhaus-Museum in Weimar. Ob es die "Respekta Küchenzeile GLRP445HESSGKE" dort irgendwann wohl auch hinschafft?

Und dann die Lampen: Bauhaus-Lampen sind nicht nur Lampen, sie sind Ikonen. Baumarkt-Lampen sehen im Vergleich dazu ein bisschen traurig aus im eigenen grellen LED-Licht. Hier stehen sie, die Fluter und Deckenstrahler, Schreibtischlampen und Pendelleuchten, die direkten Nachfahren der "Wagenfeld" oder der "Kaiser Idell", die ohne das Bauhaus nie so aussehen würden, wie sie heute aussehen. Die ohne das Bauhaus vermutlich immer noch dekadente Kronleuchter wären. Das Bauhaus hatte vielleicht fünf Lampenmodelle, der Baumarkt hat mindestens 50 in jeder Kategorie, und obwohl manche gar nicht so schlecht sind, wirken sie in der Masse billig. Viele wurden für den Massengeschmack mit Schnörkeln und kitschigen Blumen dekoriert, und sehen aus, als würden sie noch in den Neunzigern hängen. Das hätte das Bauhaus nicht gewollt.

Nun in die Bau-Stoffe-Abteilung: Beton, Zement, Gips - das ist das wahre Bauhaus. Denn die Gestaltungsschule wollte die bis Trennung von Kunst und Handwerk auflösen: Künstler sollten Handwerker und Handwerker sollten Künstler sein, so die Idee. Vielleicht ist der Baumarkt tief im Herzen eigentlich nur ein gigantischer Künstlerbedarf, der an einem Samstagnachmittag zu Beginn der Gartensaison übrigens erstaunlich leer, ja fast schon eine Ruheoase ist. Jedenfalls kann man hier massig Zementgipsbeton-Säcke schultern und sich sein eigenes Bauhaus bauen, die eigene Betonlampe gießen, in der Hobby-Werkstatt neue Design-Maßstäbe setzen. Man ist ja schließlich Praktiker - als Künstler, als Handwerker, als beides. Geht doch!

 

Ein Video zum Song "Männer im Baumarkt" von Reinhard Mey:

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