Hochzeit als Exit-Strategie

In der "Csárdásfürstin" am Winterstein-Theater widmet sich ein gut aufgelegtes Ensemble Fragen nach Beziehung, Emanzipation und Status: Gepaart mit Ohrwürmern zeigt die Operetten- Inszenierung feinen Sinn für Absurdität.

Annaberg-Buchholz.

Sie verdienen sich, die Chansonnette Sylva Varescu und ihr Fürst Edwin. Sie, die alternde Künstlerin, sieht ihren Stern sinken und muss entweder in Amerika den Neustart wagen - oder, was wesentlich bequemer wäre, Zukunftsvorsorge mit einer vorteilhaften Ehe betreiben. Er, der junge, ziellose Adlige, will keine Verantwortung für sein Leben übernehmen, scheut die Konfrontation mit den Eltern und flieht in die schillernde Welt des Varietés - ergo in die Arme der Diva. Für beide ist die Liebe der rettende Hafen, der sie vor der Welt schützen soll. Doch ebendiese verhindert das Liebesglück.

Diesen Leidensdruck bringen Bettina Grothkopf und Jason Lee mit beeindruckender Verzweiflung in der Operette "Die Csárdásfürstin" auf die Bühne. Das Stück feierte am Sonntagabend in der Regie von Ingolf Huhn im Annaberg-Buchholzer Eduard-von-Winterstein-Theater seine Premiere. Eine gelungene Inszenierung, die zwischen heiler Vorkriegswelt und dem Beginn einer düsteren neuen Zeit balanciert: In der alten Zeit sind die Herren noch charmant und tragen Frack so selbstverständlich wie die Frauen Kleider - Varietédamen knie-, Adlige bodenlang. Und doch zeigt sich bereits der Staub, denn man spürt den Beginn einer anderen Ära, in der die Karten neu gemischt werden.

Das Stück von Leo Stein und Béla Janbach mit Musik von Emmerich Kálmán wurde im Jahr 1915 uraufgeführt. Da war der Erste Weltkrieg schon im Gange, und die Handlung der Operette bot einen Rückblick in heile Kaffeehäuser, Fürstenpaläste und Varietés, die in dieser Form längst dem Untergang geweiht waren. Das wird nicht nur in Ingolf Huhns Inszenierung, sondern auch im Bühnenbild von Tilo Staude deutlich, die beide einen schönen Rahmen kreieren, ihn aber, stellvertretend für die starre gesellschaftliche Konvention, auch zerbrechen lassen im letzten Akt.

Die Handlung dreht sich um das operettenübliche Ringen von Paaren, die nach einigen Schwierigkeiten zueinander finden. Unter den Techtelmechteleien blitzt jedoch immer wieder die harte Realität hervor - etwa, wenn Sylva trotz ihrer Erfolge als Künstlerin nicht von der Oberschicht respektiert wird. Erst, als sie sich fälschlicherweise mit einem Adelstitel schmückt, bekommt sie Anerkennung. Es ist eine Welt, in der eine gute Partie das Los der Frauen ist, es gibt kaum ein Entkommen. Zumindest scheint das so - doch am Ende des zweiten Aktes entscheidet sich die Diva Sylva gegen Edwin, der nicht zu ihr steht und für sich selbst. Sie rauscht mit einem großen Auftritt davon. Was für ein Akt der Emanzipation! Dann Vorhang, Stille. Keiner klatschte. Wollte das Publikum nicht um sein Happy End betrogen werden, dass das Genre Operette schon per se verspricht?

Dieses folgt im dritten Akt. Das Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters spielt sich durch den Stoff mit all seinen amourösen Verwicklungen mit Witz, gut getaktetem Slapstick und formidabler Geschwindigkeit. Es palavert sich in mehr oder minder geglückten österreichisch-ungarischen-Dialekten durch die Handlung, nimmt sich dabei selbst kaum ernst und setzt auf skurrile Charaktere. Beispielsweise auf Leander de Marel als gutherzigen Varietéchef und Jason-Nandor Tomory, der mit Nonchalance den Grafen Boni spielt, ein galanter Weiberheld und Helfer von Sylva, der am Ende selbst sein Glück findet.

Und die Musik? Verleiht der Handlung Schwung und Farbe. Zur Operette gehören natürlich große Evergreens wie "Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht" und "Heissa, so verliebt zu sein", die vielleicht inhaltlich nicht mehr ganz zeitgemäß sind, sich aber noch lange Zeit durch die Ohren wurmen und die eine oder andere Person im Publikum zum träumerischen Mitwippen animierten.

Nächste Aufführungen "Die Csárdásfürstin" ist am Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz am morgigen Mittwoch zu erleben, am 15. und 30. November sowie am 8., 22. und 25. Dezember.

www.winterstein-theater.de

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