Hochzeit mit Hindernissen

Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" überzeugt an der Oper Chemnitz mit hervorragenden Gesangs- und Orchesterleistungen. Die Inszenierung aber bleibt auf dem Weg ins Heute nicht ohne Grund auf halber Strecke stehen.

Chemnitz.

Es beginnt ganz zeitgemäß: Der einstige Friseur, jetzt Kammerdiener Figaro, verliebt sich Hals über Kopf beim Speed Dating in Susanna. Die ist praktischerweise Kammerzofe beim selben Herrn, dem Grafen Almaviva. Dessen Liebe zu seiner Gräfin ist jedoch etwas erkaltet, sodass er recht gern auf das eigentlich längst abgeschaffte Recht der "ersten Nacht" mit Susanna zurückkommen würde - gern darf es auch die zweite oder dritte Nacht sein. Daraufhin entwickelt sich ein Verwirr-, Verkleidungs- und Intrigenspiel, das zu durchschauen man sich am besten gar nicht erst die Mühe macht. Besser ist es, einfach nur der Musik zu lauschen: Schon Philosoph Theodor W. Adorno meinte, dass man, allein um das Finale des zweiten Aktes zu verstehen, ein ganzes Leben brauche. Und es gibt insgesamt vier Akte inklusive Happy End - und man muss erst einmal nur reichlich drei Stunden für den Opernbesuch einplanen.

Die man nicht bereuen wird. Denn auch wenn die eigentliche Handlung, oft wird sie "komplex" genannt, ohne das immerhin informative Programmheft kaum zu entwirren ist, so zieht das musikalische wie szenische Geschehen die Zuschauerinnen und Zuschauer von der ersten Sekunde an bis zum großartigen Liebesfinale in den Bann.

Unter der gewohnt ausgezeichneten musikalischen Leitung von Felix Bender spielt die Robert-Schumann-Philharmonie souverän und sensibel. Die für die Inszenierung verantwortliche Helen Malkowsky hat diese Komische Oper behutsam modernisiert. Das Personal agiert in einer Art zeitlos bürgerlicher Kleidung, etwa erste Hälfte 20. Jahrhundert, allerdings in einem technisch und künstlerisch zwar aufwendig-soliden, jedoch eher neoklassizistischen Ambiente. Zu den gelegentlich auftauchenden Handys hätten auch moderne, überdimensionierte Prachtbauten der neureichen Geldaristokratie gepasst, die sich zudem in der mitunter, aber nicht immer verlogenen Suche nach Liebe und Erotik am ehesten wiedererkannt hätte.

Was an Kostümen und Bühnenbild etwas unentschieden wirkt, ist in Mozarts Musik allerdings philosophisch-dialektisches Programm. Er hat seine Figuren dem Leben abgeschaut, keine ist nur gut oder böse. Ihm ist die Dienerschaft näher, aber er kennt auch die "Herren", und er zeichnet jede einzelne Figur menschlich, mit der Chance, sich auch für das Richtige zu entscheiden. Und wie die Sängerinnen und Sänger dies stimmlich und schauspielerisch umsetzen, ist wunderbar sehens- wie hörenswert. Wie Figaro (Sejong Chang) sich in den von ihm selbst eingefädelten Intrigen verstrickt, mit denen er den Grafen (Andreas Beinhauer, der ruhig noch etwas verruchter sein könnte), eigentlich von Susanna (Franziska Krötenheerdt) fernhalten wollte - mit der berühmten Arie "Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen" - das ist großartiges, lebendiges humorvolles Musiktheater. Geschickt spielen Susanna und der von Vanessa Fasoli gesungene, liebeshungrige Cherubino mit den Facetten der gegenseitigen Begierde - die ja nicht immer auch gelebt werden muss. Cherubino ist als "Hosenrolle" angelegt, bekommt damit aber in Zeiten der Gender-Debatte noch eine zusätzliche Dimension: Seine/ihre lebensfrohen, der Liebe als höchstem Glück wie Unglück huldigenden Arien gehören zu den Höhepunkten der Inszenierung.

Aber auch der selbstironische, situationskomisch begabte Don Basilio (André Riemer) und Marcellina (Tiina Penttinen), die eigentlich ebenfalls Figaro heiraten möchte, leider allerdings seine Mutter ist, wie sich später herausstellt, überzeugen. Der "Aufstand" der "kleinen Leute" gegen die Aristokratie wirkt allerdings, und das ist durchaus ein Qualitätsmerkmal, gar nicht mehr so entschieden wie in früheren Inszenierungen der Oper. Eher erscheint es so, als würden die Knechte die Herren mit ihren eigenen Mitteln schlagen, wobei sie aber genau wissen, dass dies die falschen Mittel sind, weil sie allenfalls kurzzeitig für ein Happy End sorgen. Die einzige, die tatsächlich vorbehaltlos lieben kann - und auch vorbehaltlos geliebt werden möchte - ist Maraike Schröter als Gräfin Almaviva, die die Liebe ihres Mannes zurückerobern möchte und bereit ist, dafür alles zu tun.

Gesungen wird italienisch. Wer diese Sprache spricht, ist allerdings eindeutig im Vorteil, denn er muss sich nicht über die mitunter etwas hausbackenen deutschen Obertitel ärgern. "Ich bin jetzt voll zufrieden", passt weder in Mozarts Zeit noch wäre es der Gegenwart angemessen, sodass man manchmal nur dem Chor zustimmen kann: "Wir wissen nicht, was wir davon halten sollen." Ansonsten aber ist von der Inszenierung viel zu halten - kurzweilige, handlungsreiche Unterhaltung auf hohem musikalischem Niveau, anspruchsvolle Bereicherung des diesjährigen Mozartfests, der das Publikum im fast ausverkauften Opernhaus bei der samstäglichen Premiere lange applaudierte.

Das Stück

"Die Hochzeit des Figaro" von Wolfgang Amadeus Mozart war bereits zu ihrer Uraufführung 1786 am Wiener Burgtheater ein Erfolg - vielleicht auch, weil das adelskritische Libretto nach einer italienischen Komödie als skandalös galt und nur knapp an der Zensur vorbeiging. Dem geschuldet ist auch das abmildernde Wirrwar der Handlung um die Unmoral eines Grafen - was Mozart genüsslich für seine schwelgerische Musik ausnutzt.

Nächste Aufführungen sind am 9. Juni und dann erst wieder ab dem 6. Oktober.

www.oper-chemnitz.de

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