"Humboldt war ein Mann der Gegensätze"

Die Biografin Andrea Wulf über Alexander von Humboldt als emotionalen wie rationalen Forscher, Humanisten, Preußen und Weltbürger

Chemnitz.

Zum 250. Geburtstag des Naturforschers am heutigen Samstag hat die Bestsellerautorin Andrea Wulf etwas Besonderes herausgebracht. Ein farbenprächtiges, illustriertes Buch im Comic-Stil: Humboldt als Graphic-Novel-Held auf seiner Südamerikaexpedition. Stephan Lorenz sprach mit ihr über den Naturforscher, den sie nach ihren vielen Recherchen kennt wie sonst kaum jemand.

Freie Presse: Frau Wulf, wie würden Sie Alexander von Humboldt beschreiben?

Andrea Wulf: Rastlos und neugierig. Er selber hat von sich behauptet, dass er ein Treiben in sich habe, als würde er von 10.000 Säuen gejagt. Die innere Unruhe hat ihn durch die halbe Welt reisen lassen. Hinzu kam seine unendliche Neugier, herauszufinden, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Diese Kombination von Rastlosigkeit und Neugier machte ihn als Menschen und Wissenschaftler seiner Zeit aus.

Was bedeutete Freiberg für ihn, wo er an der 1765 gegründeten Bergakademie in achteinhalb Monaten von Juni 1791 bis Ende Februar 1792 studierte?

Im Zuge der Recherchen zu meinem 2016 erschienenen Buch "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" war ich selbst in Freiberg unter Tage. In dem Moment hatte ich begriffen, warum Humboldt später so gut bergsteigen konnte. Er war gut trainiert im Klettern. Die Freiberger Zeit war wichtig für ihn und sie war aber auch ein Kompromiss.

Inwiefern Kompromiss?

Humboldt hat schon als Junge von großen Reisen geträumt. Seine Mutter aber hatte die Vorstellung, dass ihr Sohn, wie so viele andere Sprösslinge wohlhabender Adelsfamilien in Preußen dem Staatsdienst beizutreten hatte. Der Kompromiss zwischen Staatsdienst und der Wissenschaft war für den jungen Alexander der Bergbau. Es war der Beruf im preußischen Staat, bei dem man sich mit den neuesten Erkenntnissen der Geologie auseinandersetzen konnte. In der Bergverwaltung schaffte er es bis zum Oberbergrat. Nach dem Tod seiner Mutter 1796 kündigte er und bereitete seine Expedition vor.

Wer sich mit Alexander von Humboldt beschäftigt, kommt schnell auf die Widersprüche seines Lebens: Er soll Kolonialist und Humanist gewesen sein, war Republikaner und Freund der Preußen-Könige. Wie passt das zusammen?

Er war auf jeden Fall ein Mann der Gegensätze. Auf der einen Seite war er einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit, auf der anderen Seite ein brillanter Bergsteiger. Er kombinierte Intellekt und körperliche Fitness. Dann war er der Kammerherr zweier preußischer Könige und doch ein Befürworter der Revolution. Ein Beispiel von 1848, in dem es auch in Berlin zu revolutionären Ausbrüchen kam: An einem Tag stand er hinter dem preußischen König auf dem Balkon des Stadtschlosses, am nächsten Tag marschierte er ganz vorne mit beim Beerdigungszug für die Gefallenen der Revolution.

Und war er nun Kolonialist?

Auch wenn immer wieder anderes behauptet wird: Er hat den Kolonialismus der damaligen Zeit nie unterstützt, und er ist meiner Meinung nach auch nicht mit einer imperialistischen Sicht nach Lateinamerika gefahren. Anders als andere Europäer hat er die indigenen Völker nie als Barbaren bezeichnet, sondern als vortreffliche Naturbeobachter und Geografen. Den Europäern zeigte er, dass dort hochentwickelte Kulturen zu Hause waren. Die Sklaverei verurteilte er für den Rest seines Lebens.

Dabei waren auch Sklavenhalter unter seinen Freunden, oder?

Ja, der berühmteste war Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und von 1801 bis 1809 der dritte US-Präsident. Humboldt kritisierte offen die spanische Kolonialmacht, in deren Auftrag er unter anderem reiste. In seinen Schriften wandte er sich gegen die Sklaverei.

Wie wurde Alexander von Humboldt eigentlich so schnell der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit? Er kam schon als berühmter Mann aus Lateinamerika zurück, oder?

Ja, richtig. Der amerikanische Kontinent war damals keine Einöde. Es gab riesige Häfen und große Städte wie Lima, Quito oder Caracas. Es bestanden gute Verbindungen nach Europa. Humboldt hat häufig Briefe an seine Freunde geschickt, die seine Abenteuer und Forschungen in der Presse veröffentlichten. Als er zurückkam nach Europa, wurde er wie ein Held empfangen.

Taugt Humboldt heute als Vorbild für Umwelt- und Klimaschutz oder andere Bereiche? Kann man ihn vereinnahmen oder tut man ihm damit unrecht?

Ich habe immer Probleme damit, die Sichtweise des 21. Jahrhunderts einer historischen Figur aufzusetzen. Ich glaube aber, dass Humboldt uns heute als Inspiration dienen kann.

Auf welche Weise?

Weil er das Emotionale zugelassen hat: Auf der einen Seite ist er mit 42 wissenschaftlichen Instrumenten nach Lateinamerika gereist, auf der anderen Seite hat er immer gesagt, man müsse die Natur auch fühlen und sie mit menschlicher Fantasie und Vorstellungskraft verstehen. Diese emotionale Dimension fehlt heute in der Wissenschaft oft. Und sie fehlt besonders in der Debatte um die Klimakrise. Wir werden nahezu bombardiert mit Zahlen und Statistiken. Aber es wird wenig über das Wunder der Natur geredet und darüber, dass wir nur beschützen werden, was wir lieben. In dem Zusammenhang kann uns Humboldt als Inspiration dienen. Er hat immer wieder geschrieben, dass auch die Gefühle und das Sinnliche zu unserem Verständnis dazugehören.

Verfolgte Humboldt mit seinen Forschungen auch ein Ziel?

Er wollte die Welt in all ihren Zusammenhängen verstehen. Dazu gehörte für ihn die Natur, aber auch die Kultur. Daher beschäftigte er sich nicht nur mit Pflanzen und Tieren, sondern auch mit indigenen Völkern und antiken Zivilisationen.

Von einigen wird Humboldt heute im nationalen Kontext heroisiert. Zu Recht?

Es geht nicht darum, ihn auf einen Sockel zu stellen. Er hat sich nie als nur Preuße oder Deutscher, sondern als Weltbürger gesehen. Er glaubte, dass sich Forschung niemals von politischen, religiösen oder nationalen Grenzen einschränken lassen sollte. Er kann uns eine Inspiration sein, aber kein Halbgott auf dem Sockel.

Leben und Wirken des Alexander von Humboldt und sein Studium in Freiberg waren im Text "Die Neuvermessung der Welt" zusammengefasst, den Sie unter diesem Link im Internet nachlesen können.

Andrea Wulf

Die Autorin, geboren in Indien und aufgewachsen in Deutschland, lebt in London. Seit ihrem Studium der Designgeschichte am Royal College of Art arbeitet die Kulturhistorikerin als Sachbuchautorin und Journalistin.

Das neue Buch von Andrea Wulf, "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt: Eine Entdeckungsreise", illustriert von Lilian Melcher, erschien bei C. Bertelsmann, 28 Euro.

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