Ibug 2018: Die Blumen auf den Gräbern der Geschichte

Am Wochenende lockt eines der bedeutendsten europäischen Street-Art- Festivals wieder tausende Gäste in eine ehemalige Chemnitzer Fabrik. Gefeiert wird die Schönheit des Verfalls, aber auch dessen Tragik.

Chemnitz.

Goethe war nicht in der ehemaligen Nadel- und Platinenfabrik, kurz und bündig Naplafa genannt, an der Chemnitzer Waplerstraße. Aber er hat es gewusst und seinem Mephistopheles im "Faust I" in den Mund gelegt: "Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / Ist wert, dass es zugrunde geht; / Drum besser wär's, dass nichts entstünde. / So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz: das Böse nennt, / Mein eigentliches Element." Ob es die Mauern des 1924 gebauten späteren Betriebsteils des Kombinats Textima wert waren, zugrunde zu gehen? Eigentlich sollten die Gebäude schon abgerissen werden. Hier wurden Nadeln und Platinen für Strickmaschinen hergestellt, Zulieferungen für die Textilindustrie. Das Unternehmen selbst existiert nach der Privatisierung an anderer Stelle in Chemnitz weiter.

In den vergangenen Wochen haben sich über 130 Street-Art-Künstlerinnen und Künstler der fünfstöckigen Fabrik mit ihren gut erhaltenen Produktionsetagen und teilweise einstürzenden Dächern im Rahmen der Ibug angenommen. Das Festival mit dem brachialen Namen "Industriebrachenumgestaltung", das vor 13 Jahren von Meeraner Graffiti-Sprayern um Tasso ausging, ist mittlerweile weltweit bekannt, zieht Künstler wie Publikum gleichermaßen an. So auch den Griechen Nikolaos A. Tsounakos, der zum ersten Mal dabei ist und eine "ganz spezielle Erfahrung" macht. Zusammen leben und zusammen arbeiten, eine ganze Fabrik zur Verfügung haben - "in Griechenland gibt es ein solches Festival nicht". Er hat ein großes Wandbild zur "Domestication of Animals" gestaltet, erdige Töne, auch Gold - Anklänge an Mythos, Vergangenheit und Gegenwart. Die Gebrüder Onkel sind Stammgäste auf der Ibug - sie haben Türen aus dem Werk einbetoniert - die sind so verschlossen, wie es die Zukunft für die Fabrikgebäude war. Hätte man nicht alles Mögliche aus den Räumen machen können - Wohnungen, Büros, Gewerbe statt der Neubauten auf grüner Wiese? Aber das Gelände wurde selbst zur blühenden Landschaft für Beikräuter, Bäume, Gras. Und dank des flächendeckenden Auszugs der Industrie aus ihren alten Gemäuern hat das weitgehend brotlose, aber erfüllende Gewerbe der Graffiti-Künstler einen bedeutenden Aufschwung genommen und die Ibug sicher auch in den nächsten Jahren keinen Mangel an Betätigungsfeldern.

Es macht einen Teil der Faszination des Festivals aus, dass es den Verfall nicht romantisch verklärt wie manche Lost-Places-Fotografen, die in kunstvoll bearbeiteten Schwarzweiß- oder Farbbildern über die Vergänglichkeit sinnieren. Die Ibug-Künstler nehmen die Ruinen, wie sie sind. In dem Müll in den Ecken, in der Mischung aus alten Toiletteninschriften und modernen Graffiti-Tags schwingt auch die lebendige Tragik der zahllosen Schicksale mit, die mit diesen Gebäuden verbunden sind. Hier haben Menschen gearbeitet, für die diese Arbeit das Leben bedeutete, die vielleicht später nie wieder eine solche Arbeit fanden, und die sich verlassen und vergessen fühlten. Die jahrelang still waren, aus denen angestaute Wut und Enttäuschung herausplatzen, ohne sich ins Produktive zu wenden.

Anders als bei der Ibug, die an eigene Schöpferkraft und an Gemeinsamkeit appelliert. Das Festival an den nächsten beiden Wochenenden mag für die ehemaligen Naplafa-Gebäude wie ein letztes, buntes Aufbäumen vor dem Tod sein. Auf Gräbern blühen auch in den heißesten Sommern die Blumen am längsten. Aber sie weisen mit Farben, Formen und Fantasie auch in die Zukunft, in der tatsächlich Landschaften blühen und Menschen leben können.

Das Festival Die Ibug ist heute und morgen sowie vom31. August bis 2. September freitags 15 bis 22, samstags 10 bis 22 Uhr, sonntags 10 bis 20 Uhr in der ehemaligen Naplafa an der Waplerstraße in Chemnitz geöffnet. In der Woche sind Schulklassen-Besuche möglich.

ibug-art.de

 

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