"Ich bin ein Theatertier"

Ein Jahr leitete Felix Bender die Robert-Schumann-Philharmonie in Chemnitz - Nun kommt ein neuer Chef - Ein Rückblick mit Fragezeichen

Chemnitz.

Nach dem Weggang von Frank Beermann hat Felix Bender - bis dahin 1. Kapellmeister am Theater Chemnitz - ein Jahr als kommissarischer Generalmusikdirektor (GMD) die Robert-Schumann-Philharmonie der Theater geleitet. Mit nur 30 Jahren! Er war damit Chef vieler gestandener Musiker. Das Publikum zeigte sich von Bender begeistert, doch nun muss er in die zweite Reihe zurück und wieder als 1. Kapellmeister dirigieren, übernimmt doch ab der neuen Spielzeit der Spanier Guillermo García Calvo das Zepter als GMD - dabei ist Calvo, Jahrgang 1978, nur unwesentlich älter. Katharina Leuoth hat Felix Bender gefragt, warum er als GMD mit Farben hantiert, was er von der zweiten Reihe hält und wie sich Dirigenten durchboxen müssen.

Freie Presse: Warum bleiben Sie nicht Generalmusikdirektor?

Felix Bender: Das ist nicht meine Entscheidung gewesen. Es gab Stimmen aus Orchester und Chor, die fragten, warum das der Bender nicht weiter macht. Das freut mich sehr. Und es wäre eine Option gewesen, aber der Intendant hat von Anfang an gesagt, dass ich das Orchester für ein Jahr kommissarisch leiten soll. Er hat sich als Nachfolger von Frank Beermann einen international vernetzten Dirigenten gewünscht, und das ist Guillermo García Calvo. Der ist echt gut - ich freue mich sehr auf die gemeinsame Arbeit!

Man darf davon ausgehen, dass ein 30-jähriger GMD in Ihrer Branche als sehr jung gilt?

Bei der Berufung zum Kommissarischen GMD war ich 29, das ist recht früh. Es war eine Bestätigung für mich, dass meine Arbeit als Dirigent bis jetzt offenbar ganz gut ankam.

Wie würden Sie Ihr GMD-Jahr charakterisieren?

Als GMD durfte ich große Stücke dirigieren, die normalerweise für die Chefs reserviert sind, darunter Wagners "Tannhäuser", "Parsifal" und Puccinis "Turandot".

Warum sind das Chef-Stücke?

Weil sie sehr komplex sind. Sie haben große Besetzungen, sie beinhalten oft anspruchsvolle Gesangspartien, die es auch für mich und das Orchester schwieriger machen, die Solisten zu begleiten, und sie dauern oft länger. Das bedeutet viel Kraft, viel Schweiß. Speziell bei Wagner gehe ich nach vier Stunden Dirigieren zitternd vom Pult, weil es so anstrengt, mir aber auch so zu Herzen geht. In den Sinfoniekonzerten wiederum war mir wichtig, osteuropäische Musik in den Fokus zu rücken, darunter Werke von Mussorgski, Tschaikowski und Schostakowitsch. Ich finde, die wurden in Chemnitz viel zu selten gespielt, und ich habe mich sehr gefreut, dass das Programm so gut vom Publikum angenommen wurde. Insgesamt würde ich mein GMD-Jahr als anstrengend, lehrreich und erfüllend charakterisieren - und zwar genau in dieser Reihenfolge.

Es heißt, dass Sie in Ihren Noten mit farbigen Stiften herumstreichen. Was markieren Sie da?

(lacht) Woher wissen Sie denn das mit den Markierungen? Das ist Insiderwissen, aber es stimmt. Wenn ich mir die Noten anschaue, möchte ich den Klang und die Struktur verstehen. Wo wird es dramatisch, lyrisch, laut, leise? Das markiere ich auf den Seiten mit einem Farbsystem: Gelb steht für Dynamik, rot für wichtige Einsätze, grün für Gegenstimmen, blau für Taktarten und so weiter. Der Vorteil ist, dass ich so eine Seite nur aufschlagen muss und sofort ein Bild und einen Überblick über die Musik habe.

In Deutschland gibt es viel mehr Dirigenten als Stellen. Um die Stellen der Kapellmeister in Chemnitz hatten sich 180 Dirigenten beworben, gleichzeitig hatten Sie sich in Münster, wo es etwa ebenso viele Bewerber gegeben haben soll, und Ulm vorgestellt und von allen Zusagen erhalten. Warum fiel Ihre Wahl auf Chemnitz, und wie stachen Sie so viele Dirigenten aus?

Für Chemnitz hatte ich mich wegen der hohen Qualität des Orchesters und seines großen Repertoires entschieden. Davon abgesehen: Ich stamme aus Halle, da gibt es eine gewisse regionale und mentale Nähe zu Chemnitz. Um als Dirigent ausgewählt zu werden, muss man zuerst einen aussagekräftigen Lebenslauf haben. Ich habe in Weimar studiert, und die Dirigierausbildung dort gilt als eine der Besten in ganz Deutschland. Noch während des Studiums bekam ich dann die Stelle als 2. Kapellmeister am Deutschen Nationaltheater Weimar. Finden Intendanten den Lebenslauf interessant, laden sie einen zu einer Probe mit dem Orchester ein. Die Musiker dürfen dann in aller Regel mitbestimmen, ob sie mit diesem Dirigenten weiterarbeiten möchten. Dann wird man noch einmal eingeladen und dirigiert eine bereits verkaufte Vorstellung mit Publikum, ohne das Werk vorher geprobt zu haben. Das ist sehr aufregend.

Wie bringen Sie denn ein Orchester dazu, so zu spielen, wie Sie es möchten?

Als Dirigent braucht man eine klangliche Vorstellung und schon eine natürliche Autorität, die einem da weiterhilft. Aber dann ist es auch wichtig, klare Ansagen zu machen, freundlich zu sein, nie schroff zu werden. Nichtsdestotrotz hatte ich bei meinem Werdegang auch viel Glück. Ich war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Dirigenten ohne Theater-Festanstellung arbeiten als Freiberufler mit Gastengagements an verschiedenen Häusern. Das hat auch Vorteile?

Ich selbst bin ein Theatertier. Ich bin sehr gern fest an einem Theater angestellt und möchte mit einem Orchester dort kontinuierlich über mehrere Jahre zusammenarbeiten. Aber als Gastdirigent ist man unabhängiger von gewissen Hauszwängen, muss sich beispielsweise weniger um die Finanzierung von Projekten kümmern, bekommt mehr künstlerischen Austausch und im Übrigen auch mehr Lohn.

Das gilt aber sicher nur für die Kollegen, die gut im Geschäft sind. Was bleibt den anderen?

Die meisten fangen als Pianisten an; wer als Dirigent nicht weiterkommt, arbeitet oft wieder am Klavier oder unterrichtet. Manche hören aber auch ganz auf.

Sie haben bei großen Namen assistiert, darunter bei Herbert Blomstedt, dem schwedischen Dirigenten, der unter dem legendären Leonard Bernstein arbeitete und zig renommierte Orchester der Welt dirigierte. Wie ticken solche Leute? Sind die nett zu jungen Dirigenten wie Ihnen?

Herbert Blomstedt ist super nett. Das ist ein Menschenfreund mit unendlicher Hingabe an die Musik. Ich habe noch nie etwas Böses über ihn gehört. Der Mann ist 90 und macht noch täglich Yoga. Auch Christian Thielemann (Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Anm. d. Red.) ist sehr freundlich.

Sein Ruf ist aber ein anderer.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass er als Chef oft klare Entscheidungen treffen muss, die nicht jedem gefallen. Wir haben uns letztens erst am Rande eines Konzerts getroffen, er kam zu mir, fragte, wie es mir geht und war sehr aufgeschlossen.

Wo werden Sie Ihre erste nicht kommissarische Stelle als GMD antreten?

In Erfurt und Darmstadt werden bald GMD-Stellen frei, vielleicht sollte ich mich dort bewerben. (lacht) Ich bleibe aber mindestens noch ein Jahr als 1. Kapellmeister und stellvertretender GMD in Chemnitz. Danach sehe ich weiter.

Felix Bender

In Halle (Saale) wurde Felix Bender 1986 geboren. Er sang im Thomanerchor Leipzig, wo er ersten Dirigierunterricht erhielt. Von 2006 bis 2011 studierte er Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Von 2010 bis 2013 arbeitete er als 2. Kapellmeister am Nationaltheater Weimar. Seit 2013 ist er 1. Kapellmeister am Theater Chemnitz. In der Spielzeit 2016/2017 war er Kommissarischer Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz und der Robert-Schumann- Philharmonie. (kl)

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