"Ich liebe auch Bauernvolk"

Jenny Jürgens spielt wieder in der Fernsehserie "Rote Rosen" mit - Ein Gespräch über Schauspielerei, den Tod ihres Vaters, ihr Engagement für Senioren und ihre Tiere

Sie meldet sich zurück: Schauspielerin Jenny Jürgens ist nach einer längeren Auszeit ab 5. September wieder in der ARD-Serie "Rote Rosen" zu sehen. Daniela Grunwald hat die 51-Jährige in der Nähe von Lüneburg getroffen, wo gerade die neuen Folgen gedreht wurden. Im Interview spricht Jenny Jürgens über die Dreharbeiten, ihr Leben auf Mallorca und über ihren Vater, den Sänger Udo Jürgens, der 2014 plötzlich starb.

Freie Presse: Wie kam es, dass Sie jetzt wieder bei "Rote Rosen" mitspielen?

Jenny Jürgens: Ich bekam eine Anfrage von der Produktion. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, aber hab mich wahnsinnig darüber gefreut und mir war immer klar: Wenn so etwas kommt, sag ich sofort wieder Ja. Es gibt ja auch keinen Grund, es nicht zu machen.

Hat Ihnen das Drehen gefehlt?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe genügend andere Sachen zu tun. Es ist nicht so, dass ich mich nur lebendig fühle, wenn ich drehe. Ich habe sehr viel mit meinem Projekt "Herzwerk - aktiv gegen Armut im Alter" zu tun, bei dem ich mich um Altersarmut kümmere. Das ist eine richtige Lebensaufgabe geworden. Das mache ich jetzt schon seit zehn Jahren. Ich habe das DRK als Partner gewonnen. Letztes Jahr habe ich dafür den Landesverdienstorden von Hannelore Kraft verliehen bekommen. Die Leute denken immer, wenn sie einen nicht im Fernsehen sehen, dann arbeitet man nicht oder ist nicht beschäftigt. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Denn ich habe ein sehr ausgeprägtes, intensives Privatleben, mit Familie. Ich führe sozu- sagen ein kleines Familienunternehmen.

Wie sieht das genau aus?

Naja, ich habe ein Haus und einen Mann, der zwei Kinder hat. Ein Kind ist auch viel bei uns. Man hat ja ständig viel zu organisieren. Das hat jede Frau, die Familie hat oder ein Haus führt, mit Garten oder wie auch immer, das ist ordentlich Arbeit. Das ist nicht zu unterschätzen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Außerdem haben wir Tiere. Und dann hab ich das "Herzwerk"-Projekt. Das würde mein Leben alleine schon ausfüllen. Wenn ich dann drehen kann, freue ich mich natürlich. Das ist eine tolle Abwechslung. Aber es ist nicht mehr so, dass ich ständig immer vor der Kamera stehen muss. Ich bin ja finanziell unabhängig. Und ich will auch nicht dauerhaft so lange weg sein von den Menschen, die ich liebe. Obwohl das hier bei 'Rote Rosen' jetzt toll ist und mir viel Freude bereitet.

Wie kam es zu Ihrem Engagement bei "Herzwerk"?

Ich hatte immer schon eine Affinität für alte Menschen. Sie haben so einen großen Fundus an Wissen und haben oft etwas Anrührendes. Mir war mit Anfang 40 klar, dass ich meinem Leben gern eine sinnvolle Wende geben möchte und dass die Schauspielerei alleine eben für mich überhaupt nicht erfüllend ist. Es ist eine recht oberflächliche Welt, in der man sich ständig mit sich selbst beschäftigt: Wie geht es mir? Bin ich nervös? Bin ich zu dick? Bin ich zu dünn? Das hat mich gestört. Und ich wusste, die einzige Flucht daraus ist, dass man sich auf etwas fokussiert, das außerhalb von einem selbst liegt. Und wie könnte man das besser, als sich karikativ einzubringen? Und Senioren deshalb, weil sie meines Erachtens in dieser sozialen Kette ganz unten stehen. Zuerst kommen Kinder, Hunde, und irgendwann Senioren. Wenn man in ein Kind investiert, investiert man in die Zukunft, beim Senior in die Würde. Das ist ein Projekt, das ich machen werde, bis ich sterbe.

Was genau machen Sie da?

Wir unterstützen Senioren unter bestimmten Umständen finanziell. Viele haben nicht mal für die einfachsten Dinge genug Geld. Ob eine neue Brille, Friseur oder Waschmittel. Ich war immer schon unglaublich realistisch mit Geld. Ich war nie jemand, der das rausschmeißt, konnte ich auch nicht. Nicht, weil mein Vater uns auch durchaus mit angezogener Handbremse in der Richtung erzogen hat. Ich wusste schon immer um die Wertigkeit von Geld, da ich ja auch ab 19 angefangen habe, zu arbeiten. Aber durch das Projekt weiß ich es noch tausendmal mehr. Und ich weiß, wenn ich mal für 50 Euro irgendwo schön essen gehe, dass das für andere undenkbar ist.

Es ist gut, wenn man das so zu schätzen weiß ...

Ja, Geld ist, wenn man in einer wohlhabenden Familie lebt oder in eine hineingeboren wurde, wie das bei mir der Fall ist, immer ein Thema. Es wird darüber gesprochen, nachgedacht. Man erfährt Reaktionen von Menschen, die durch Geld zustande kommen. Neid oder Kommentare wie: Was will denn die - die musste sich doch nie wirklich anstrengen, hat doch von ihrem Vater immer alles bekommen. Das tut unglaublich weh. Davon muss man sich natürlich distanzieren, tue ich ja auch. Aber es ist unglaublich ungerecht und entspricht nicht der Wahrheit. Natürlich führe ich ein privilegiertes Leben, aber ich bin mir dessen total bewusst und bedanke mich innerlich jeden Tag dafür, dass es so ist. Aber rechtfertigen muss ich mich dafür nicht. Man muss sich darüber freuen und dankbar sein, es ist ein großes Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Und es ist wichtig, dass man nicht abhebt und dass man empathisch bleibt.

Wie viel Ähnlichkeit haben Sie mit der Jana in "Rote Rosen"?

Sie ist sehr neugierig, fragt gern weiter nach bei anderen, das ist etwas, das ich nicht mache. Und sie konnte sich nicht gut entscheiden. Aber das ist Telenovela. Da entscheiden sich alle nicht so leicht, sonst wäre die Serie ja schnell vorbei. Ich bin dagegen jemand, der sich schnell gut entscheiden kann. Ich habe keine Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Und ich habe ja auch schon sehr radikale Entscheidungen getroffen und neu angefangen in meinem Leben und das war immer gut.

Sie tragen Ihre Haare jetzt auch kürzer, wie kam es dazu?

Wahrscheinlich wie das bei vielen Frauen der Fall ist, wenn man neu durchstarten will. Außerdem habe ich mir immer schon, bestimmt seit 20 Jahren, eine Kurzhaarfrisur gewünscht, aber mich nie getraut. Ich hatte Angst, dass ich ein riesiges, breites Gesicht bekomme. Aber mein Mann hat gesagt, es wird genau das Gegenteil der Fall sein: Du hast hohe Wangenknochen, ein so schönes ausgeprägtes Gesicht. Und dann bin ich los zum Friseur in Spanien. Es war so toll, als ich wieder raus bin. Nie wieder lange Haare! Und das Stylen ist so einfach, man muss nicht lange herumföhnen. Das war im Frühling 2015. Ich denke, das war auch nachdem sich der erste Schock vom Tod meines Vaters ein bisschen gelegt hat. Da kam der Frühling und ich dachte: Ab mit der alten Energie, ab mit der Traurigkeit, rein ins Sommerkleid.

Sie waren ja gerade bei den Dreharbeiten für "Rote Rosen", als Ihr Vater starb.

Nicht direkt, ich hatte gerade frei und bin am 19. Dezember abends nach Hause, nach Mallorca geflogen. Am 21. haben mein Mann und ich uns mit vielen Freunden getroffen, saßen am Hafen mit Fisch und Bier, die Sonne schien, es war ein super Tag. Und alles war so perfekt. Ich wollte mich mal richtig ausruhen, hatte ja gerade sechs Monate die Hauptrolle gedreht. Und auf einmal kommt halb drei nachts die SMS von meinem Bruder: Bitte ruf mich sofort an! Und dann begann eine neue Zeitrechnung in meinem Leben. Ich hab komischerweise auch gar nicht geweint. Ich war nur noch im Schockzustand. Mein Mann hat für mich gepackt und ich bin sofort nach Zürich geflogen, um mich von meinem Vater zu verabschieden, der aber schon tot war. Das war natürlich brutal.

Sie haben es ja nicht kommen sehen.

Nein, wir haben zwar gesehen, dass er älter wird, der Gang hat sich ein bisschen verändert, die Augenfarbe auch. Aber für einen 80-Jährigen war er ja der Wahnsinn. Ich war auch noch in drei seiner Konzerte. Ich habe mir schon gedacht: Na, ob der Papa noch mal auf Tournee geht. Ich hatte im Gefühl, dass er diese Form von Tourneen nicht mehr machen würde, weil es ihm zu viel war. Und dann ist er mitten in seiner Tourpause gestorben. Sterben ist ein Teil des Lebens, aber es bleibt immer eine Amputation. Auch für meinen Vater war es das. Wie viele andere in dem Alter wurde auch er recht rührselig und sentimental. Er hat öfter geweint, es kamen ihm öfter die Tränen, wenn er über etwas geredet hat. Auch, wenn er über seinen Großvater sprach. Ich dachte: Wow, du bleibst immer ein Kind. Auch wenn man selber alt ist.

Haben Sie denn zuhause auch mal übers Sterben gesprochen?

Mit meiner Mama kann ich sehr gut darüber sprechen. Sie sagt genau wo, wie, was, hab jetzt schon einen Umschlag, wo alles drin steht. Bei meinem Vater war es ein bisschen schwieriger. Er tat sich sehr schwer. Über das Sterben zu sprechen, war nicht sein Ding. Er hat einen schönen für ihn passenden Tod gehabt, er ist einfach beim Spazierengehen tot umgefallen. Aber es werden noch einige Abschiede auf mich zukommen. Und das ist auch etwas, wovor ich wirklich Angst habe: vor Schicksalsschlägen. Denn ich habe ein so schönes, glückliches Leben. Ich habe den tollsten Mann der Welt an meiner Seite. Ich muss immer aufpassen, ich neige zu einer großen Ängstlichkeit. Ich habe immer Angst, dass irgendetwas passiert und plötzlich alles anders ist.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Geschwistern?

Zu meinem Bruder habe ich einen sehr engen Kontakt und zu meiner Halbschwester Sonja habe ich auch guten Kontakt. Der Tod unseres Vaters hat uns noch mal mehr zusammengeschweißt. Wir stehen seitdem immer noch täglich in Kontakt.

Was machen Sie nach Drehschluss in Lüneburg?

Nicht viel. Ich bin am Wochenende mal schön essen gegangen oder kaufe im Delikatessenladen ein, gehe spazieren. Aber ich brauche nicht immer so viele Menschen um mich herum. Ich kann unheimlich gut alleine sein, tagelang. Deswegen bin ich immer gleich heim. Da hab ich meine Rituale: Badewanne, pflegen, essen, Text lernen, um 22 Uhr ins Bett, um 6 Uhr wieder aufstehen. Ganz klarer Rhythmus. Ich habe mich in Lüneburg aber immer sehr wohl gefühlt. Ich habe eine überdimensionale Anpassungsfähigkeit. Man kann mich überall hinsetzen und ich richte mich ein. Die nordische Lebensart gefällt mir gut, handfeste einfache Leute besonders. Ich liebe auch Bauernvolk, wie zum Beispiel die Bauern in Spanien auf dem Land. Wie wir selbst ja fast sind.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wir haben zwei Esel, zwei Hunde, zwölf Hühner. Und meine Hühner haben auch alle Namen, zum Beispiel Erika, Lotti, Martha, Don Antonio und Don Pieps. Mein Hauptschuhwerk sind Gummistiefel. Hühner sind aufwendiger als man denkt. Manchmal kochen wir auch für sie, Reis oder Nudeln. Aber wir essen nur die Eier. Ich könnte keine Suppe essen, wo die Martha drin ist.

Wie halten Sie sich fit?

Ich esse alles, was schmeckt. Ich bin nicht fanatisch mit irgendetwas, kein Vegetarier oder Veganer. Ich ernähre mich einfach ausgewogen. Ich habe auch konstant drei bis fünf Kilo zu viel. Das ist wahrscheinlich auch dem Alter und den Wechseljahren geschuldet. Aber ich hab mir einfach gesagt, ich möchte relaxt bleiben und keinen Krampf veranstalten. Das Leben soll Genuss sein. Und Sportstudio ist auch nicht so mein Ding. Ich schwimme gern und bin viel zu Fuß unterwegs. Auch mit den Hunden.

Singend und spielend

Jenny Jürgens wurde am 22. Januar 1967 in München geboren. Sie ist die Tochter von Sänger Udo Jürgens und dessen erster Frau Panja. Neben ihrem Bruder John Jürgens hat sie noch zwei Halbschwestern: Sonja und Gloria, beide nichteheliche Töchter von Udo Jürgens.

Bereits mit 15 Jahren stand sie vor der Kamera, wirkte unter anderem in dem Film "Im Dschungel ist der Teufel los" mit. 1984 sang sie mit ihrem Vater das Lied "Liebe ohne Leiden". Es folgten später Rollen in Fernseh- serien wie "Mallorca - Suche nach dem Paradies" und "Ein Schloss am Wörthersee". Zuletzt spielte sie 2014 bis 2015 die weibliche Hauptrolle in der ARD-Serie "Rote Rosen".

Seit 2015 istJenny Jürgens in zweiter Ehe mit dem spanischen Regisseur David Carreras Solé verheiratet und lebt heute auf Mallorca.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...