"Ich musste mich nicht verbiegen"

Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben über die Kinodokumentation zu seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume" und einen gewissen Optimismus

Mit seinem internationalen Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" hat Peter Wohlleben den Blick der Leser auf die Wälder dieser Welt erneuert. In seinem Werk zeigt der Förster auf, wie die Holzgewächse kommunizieren, Schmerz empfinden und ihren Nachwuchs ebenso Pflege angedeihen lassen wie alten und kranken Artgenossen. Nun entstand auf Grundlage des Buches ein großer, abendfüllender Dokumentarfilm selben Titels, der Wohlleben bei seiner Arbeit begleitet. Der Film ist jetzt in die Kinos gekommen. André Wesche hat sich mit Peter Wohlleben unterhalten.

Freie Presse: Herr Wohlleben, hat man mit dem Filmprojekt bei Ihnen offene Türen eingerannt?

Peter Wohlleben: Na klar, auf jeden Fall! Zum einen ist da das eigene Buch, das verfilmt werden soll und zum zweiten ist es einfach eine spannende, neue Erfahrung. Ich habe keine Ahnung gehabt, wie man ein Sachbuch verfilmen kann. Ehrlich gesagt, habe ich nicht gedacht, dass das überhaupt möglich ist. Umso faszinierender war es dann zu beobachten, wie das doch funktioniert.

Welche Inhalte lagen Ihnen besonders am Herzen?

Was mich besonders umtreibt ist das soziale Miteinander von Bäumen. Es gibt keinen Kampf um Standort, Licht, Wasser oder was auch immer man als Förster gelernt hat. Bäume bilden eine große Gemeinschaft, die sich untereinander unterstützt. Das war mir sehr wichtig und es kommt im Film auch gut rüber, finde ich.

Mussten Sie auch Zugeständnisse machen?

Nein, gar keine. Im Gegenteil, der Film ist größer geworden, als ich erhofft hatte. Tatsächlich wusste ich zu Beginn gar nicht, dass ich selbst darin vorkomme. Es gab zwei verschiedene Teams, die unterwegs waren. Das eine leitete Jan Haft, der die Natur- und Zeitrafferaufnahmen gemacht hat, all diese ganzen Dinge. Das zweite bildeten Regisseur Jörg Adolph und Kameramann Daniel Schönauer, die mich anderthalb Jahre lang begleitet haben. Ich habe nichts extra für den Film gemacht. Sie sind einfach immer mitgelaufen. Das Team hat mich gefühlt umschlossen wie eine gut sitzende Jacke, die nicht in irgendeiner Form gestört hat. Ich musste mich nicht verbiegen und nichts veranstalten. Was man sieht, ist mein normaler Alltag.

Besteht unser geliebter Esstisch, an dem sich die Familie versammelt, aus den Leichen fühlender, denkender Wesen?

(lacht) Ja! Man könnte es auch stärker präzisieren und sagen, es sind die Knochen. Sie haben eben keinen Tisch aus Pottwalknochen, sondern aus Eichenknochen. So einen haben wir übrigens auch, selbst in der Waldakademie, die wir betreiben. Da haben wir gerade einen Tisch aus 300 Jahre alter Eiche machen lassen. Das sind Hinterlassenschaften, die man auch als Leichenteile fühlender Wesen bezeichnen könnte.

Wie weit muss man fahren, um heute noch auf einen echten Urwald zu treffen?

Da müssen Sie entweder nach Norden fahren, nach Schweden und Lappland. Oder Sie fahren gen Osten und Südosten, Richtung Rumänien oder Ukraine. Vielleicht gibt es vorher irgendwo noch ein paar Fitzel. Aber um das zu erleben, was man sich unter echtem Urwald vorstellt, muss man mittlerweile weit reisen.

Deutsche Landschaftsschutzgebiete wie der Hainich in Thüringen sind kein Urwald mehr?

Der Hainich ist kein Urwald, aber es gibt nur noch einen zweiten Nationalpark in Deutschland, in dem alter Buchenwald wirklich großflächig geschützt wird. Der andere ist der Kellerwald-Edersee. Ich bin sehr froh, dass Deutschland mit dem Hainich einen Buchennationalpark hat, der übrigens auch sehr gut geführt wird. Das muss man ganz klar sagen. Es ist noch kein Urwald, aber der Hainich hat die Chance, sich dahin zu entwickeln. Da passieren gerade sehr viele natürliche Prozesse. Eine relativ kleine Fläche ist durch den trockenen Sommer abgestorben. An einem Spezialstandort, an dem später wahrscheinlich die Eiche Einzug halten wird. Die Natur ist ein Prozess. Man kann ganz entspannt dabei zuschauen, wohin sie dort jetzt steuert.

Wenn Pflanzen über so erstaunliche Fähigkeiten verfügen, muss man dann davon ausgehen, dass auch Tiere sehr viel intelligenter und feinfühliger sind, als wir es gern wahrhaben?

Ja, das ist definitiv so. Leider hat sich das in der Gesetzgebung noch nicht so stark niedergeschlagen. Betrachten wir mal die ganz Kleinen, zum Beispiel die Bienen. Forscher aus Berlin wissen mittlerweile, dass Bienen ein Bewusstsein haben. Wissenschaftler aus Kalifornien haben bewiesen, dass selbst Fruchtfliegen träumen und dabei mit den Beinen strampeln. Rabenvögel sind so intelligent wie Menschenaffen. Was die Erkenntnisse betrifft, sind wir da mittlerweile ganz gut aufgestellt. Was den Umgang mit Tieren angeht, hat sich das aber noch nicht wirklich niedergeschlagen. Das gilt allenfalls für Haustiere, die seit Jahrhunderten Familienmitglieder sind. Von seinem Hund oder seiner Katze weiß jeder Besitzer, dass die es natürlich draufhaben. Sie haben eine Art Seele. Die Forschung weiß eigentlich schon sehr lange, dass das für viele Tierarten gilt, bis "hinunter" zu den Insekten.

Das macht es einem Menschen aber sehr schwer, zu essen und sich frei zu bewegen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

(lacht) Da kann ich Ihnen heraushelfen. Ein Wolf hat auch kein schlechtes Gewissen, wenn er einen Hirsch tötet, um ihn zu fressen. Wir müssen irgendwie leben, wir kleiden uns, wir brauchen Wärme und Nahrung. Das ist völlig in Ordnung. Wir können uns nun mal nicht hinstellen, die Hände gen Himmel recken und Fotosynthese betreiben. Wir müssen andere Lebewesen konsumieren. Die Frage, die sich stellt, ist: Muss man mit denen vorher so schlecht umgehen? Man kann Wald ernten. Aber muss es der Kahlschlag sein? Müssen wir Baumarten wie Fichte und Kiefer Vorschub leisten, die in Mitteleuropa eigentlich nicht großflächig vorkommen? 20 Prozent geschützten, ursprünglichen Waldes in Deutschland wären für mich schon erstrebenswert.

Unter Naturwissenschaftlern gibt es das Phänomen, dass etliche im fortgeschrittenen Alter religiös werden, weil sie manche Antworten vergeblich gesucht haben. Wie ergeht es Ihnen?

Ich wünschte, das käme für mich infrage, weil ich glaube, dass das ganz schön entspannend sein kann. Man kann einfach einen Teil seiner Verantwortung abgeben. Bei mir ist es nicht so. Ich kann eine gewisse Altersmilde an mir beobachten. Aber schon im ersten Jahr, als ich nach dem Studium das Revier übernommen habe, habe ich gedacht, dass man mit Wald so nicht umgehen kann. Es tat mir in der Seele weh. Ich konnte gar nicht sagen, warum. Beim Studium hatte ich doch gelernt, dass alles so gut ist, wie es praktiziert wird. Schon mit Mitte 20 war ich skeptisch und es hat sich seither nicht so viel verändert. Mittlerweile erreiche ich durch die Bücher und hoffentlich auch durch den Film ein breiteres Publikum. Deshalb kann ich auch über mein Revier hinaus etwas bewirken.

Ist es frustrierend, dass Sie das Endergebnis Ihrer forstwirtschaftlichen Arbeit wahrscheinlich nicht mehr erleben werden?

Nein. Das ist nicht erstrebenswert, weil es so etwas wie ein Endergebnis nicht gibt. Früher habe ich das auch für wünschenswert gehalten. Ich wähnte mich auf der richtigen Fährte. Mittlerweile weiß ich, dass Natur ein Prozess ist. Ein Prozess hört nie auf und es gibt immer Veränderungen. Ich begleite den Wald einfach ein Stück seines Weges. Weil sich das Leben der Bäume so langsam abspielt, kann dieser Weg nur sehr kurz sein. Und ich freue mich darüber, dass ich dabei sein darf.

In die Zeit der Filmentstehung fiel auch die Debatte über Jörg Adolphs Dokumentation "Elternschule" über schwer erziehbare Kinder und die Frage, wie hart Erziehung sein darf. Haben Sie über die Kontroverse und Kritik gesprochen?

Natürlich haben wir darüber geredet. Ich habe das alles miterlebt und es hat mir auch leidgetan. Der Film war ganz anders, als er in manchen Kreisen diskutiert wurde. Er wurde unter Fachleuten ja auch sehr gut rezipiert. Jörg Adolph ist ein ganz feinfühliger Mensch, weshalb die Dreharbeiten sehr angenehm waren. Ich wurde nie auch nur ansatzweise eingeschränkt. Ich erfahre solche Reaktionen ja auch. Man legt den Finger in die Wunde, auch wenn sich nicht alle Gruppierungen einverstanden erklären. Kontroversen sind letztlich auch gut. Da muss man die eine oder andere Ohrfeige aushalten.

Das Buch und der Film über das Leben der Bäume verbreiten Optimismus. Dennoch: Fühlen Sie sich mitunter wie Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft?

So habe ich mich eine Zeit lang gefühlt, ja. Aber, um in der Metapher zu bleiben, der Wind dreht sich gerade. Denken wir einmal an Fridays for Future. Vor zwei oder drei Jahren hätte im Leben niemand daran gedacht, dass Grundschüler Angela Merkel vor sich hertreiben und Druck auf das Klimakabinett machen. Es tut sich etwas und immer mehr Menschen möchten aktiv werden. Demokratie bedeutet nicht, alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen. Man muss sich auch zwischendurch engagieren. Ich bin bestimmt kein Zweckoptimist. Aber es gibt so viele Indizien, dass unsere Wälder robust und überlebensfähig sind.

Aber welche Auswirkungen werden die verheerenden Buschbrände in Australien haben und wie lang wird es dauern, bis sich die Natur regeneriert?

Buschbrände sind in Australien nichts Ungewöhnliches. Dieses Ausmaß allerdings und die Größe der Feuer haben ganze Ökosysteme zerstört, möglicherweise sogar zum Aussterben einiger Arten geführt. Die Regeneration wird in den meisten Fällen mindestens Jahrzehnte dauern und im Falle von ausgestorbenen Arten niemals vollständig gelingen. Insofern gilt es, die Anstrengungen zum Klimaschutz endlich zu verstärken.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsbaum?

Ein Einzelexemplar eher nicht. Ich liebe alte Buchen, weil sie bei uns ja die ursprüngliche Vegetationsform ausmachen. In Lappland gibt es auch ganz tolle Fichtenwälder, darunter den ältesten Baum der Welt. Irre. Als Einzelbaum würde ich sogar diese alte Fichte nehmen, weil es unglaublich ist, wie ein einzelner Baum fast 10.000 Jahre alles aushält und immer noch gesund dasteht.

Es gibt angeblich auch schon den Baum, in dessen Schatten Sie beigesetzt werden möchten?

Wir sind gerade dabei, einen Bestattungswald einzurichten. Dort gibt es eine Stelle, die ich mir vorstellen kann - wohlwissend, dass mir das eigentlich egal sein kann. Aber der Gedanke ist schön, mit der eigenen Urne einen Baum noch mal 100 Jahre lang zu schützen. Dann passt der Kreis, sozusagen. (aws)


Peter Wohlleben 

Der Förster und Buchautor erblickte 1964 in Bonn das Licht der Welt, wo sein Vater im Bundesfinanzministerium tätig war. Heute sieht er diese ersten Lebensjahre in der großen Stadt als prägend für sein Interesse an der Natur an.

Als der Filius fünf Jahre alt war, zog die Familie in den kleinen Fremdenverkehrsort Sinzig im Landkreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz). Schon ein Jahr später zeigte das Kind großes Interesse am Naturschutz. Wohlleben legte das Abitur ab und strebte zunächst ein Studium der Biologie an, landete aber schließlich bei der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz, wo er an der "Fachhochschule für Forstwirtschaft" in Rottenburg am Neckar eine Ausbildung zum Diplom-Forstingenieur absolvierte.

Was folgte, war eine Laufbahn als Beamter in der Landesforstverwaltung. Zunächst war Wohlleben Büroleiter eines Forstamtes, bevor er Förster der Gemeinde Hümmel wurde. Dort wurde Wert auf eine ökologische Waldwirtschaft gelegt. Wohlleben gab dem Gemeindewald nicht nur die Chance, sich zukünftig zu einem Urwald zu entwickeln. Er setzte auch verstärkt auf Öffentlichkeitsarbeit.

Peter Wohllebens Laufbahn als Schriftsteller nahm 2007 ihren Anfang. Er veröffentlichte Bücher wie "Wald ohne Hüter: Im Würgegriff von Jagdinteressen und Forstwirtschaft. Ein Förster erzählt", "Holzrausch: Der Bioenergieboom und seine Folgen", oder "Evolution 2.0: Macht und Ohnmacht des Homo sapiens".

Als ganz großer Wurf erwies sich schließlich das Werk "Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - Die Entdeckung einer verborgenen Welt" (2015), das seinen Schöpfer zu einem der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten auf der "Spiegel"-Bestsellerliste machte und auch international großen Anklang fand. Nun hat das Buch den Weg auf die große Leinwand gefunden.

In "Wohllebens Waldakademie" in Wershofen kann man sich gegen ein gewisses Entgelt zum Waldführer ausbilden lassen, ein "Intensivseminar Waldbewirtschaftung" buchen oder einfach zum geheimen Leben der Bäume wandern. (aws)

www.wohllebens-waldakademie.de

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