Igor Levit: "Unglaublich geile Musik"

Schon vor seinem Beginn hat das Beethovenjahr 2020 einen ersten Höhepunkt: Pianist Igor Levit legt alle 32 Klaviersonaten des Meisters auf CD vor.

Berlin.

Eins kann man von dem Pianisten Igor Levit nicht behaupten: Nämlich, dass er es jedem Freund klassischer Musik gleichermaßen leicht machen würde, ihn zu mögen. Das liegt weniger an den musikalischen Fähigkeiten des 32-Jährigen als vielmehr daran, dass er zur seltenen Spezies in der Szene gehört, die politisch klar Stellung beziehen. Er spielt auf Parteiveranstaltungen der Bündnisgrünen, postet bei Twitter für "Fridays for Future" und gegen Rechtspopulismus: "Kalbitz redet in der ARD über ,Demokratie'. Irgendetwas stirbt in mir", so sein trockener Kommentar zum 1. September für seine 23.000 Follower - ein Zehntel seiner monatlichen Zuhörerschaft bei Spotify. Und er setzt in seinem Profil bei dem Kurznachrichtendienst klare Prioritäten: "Citizen. European. Pianist." stellt er sich dort vor. In dieser Reihenfolge.

Was ihn dem Mann, dessen Werk ihn nach eigenem Bekunden seit 15 Jahren praktisch täglich begleitet, zum Geistesverwandten machen dürfte: Ludwig van Beethoven, frühes Beispiel für freies, unabhängiges Künstlertum. Schon bisher hat der mit seiner jüdischen Familie 1995 aus Russland nach Deutschland ausgewanderte Pianist nicht nur live dicke Bretter gebohrt: Die sechs Partiten Bachs liegen auf CD von ihm vor, dessen Goldberg- und Beethovens Diabellivariationen, dazu Frederic Rzewskis sauschweres, abendfüllendes Variationenwerk über das chilenische Lied "El pueblo unido". Jetzt, nach anderthalb Dekaden Anlauf, erscheint am Freitag bei Sony Classics seine Gesamteinspielung der Klaviersonaten Beethovens. Vielleicht ist das schon der spektakulärste Beitrag zum kommenden Jahr des 250. Geburtstags dieses Musik-Monolithen, an dem man dann beim besten Willen nicht mehr vorbeikommt. Warum sollte man auch wollen? - "Es ist die menschlichste Musik von allen! Alles, was uns Menschen ausmacht an Charakter, Emotionen, an Gedanken, ist integraler Bestandteil dieser Stücke", sagt Levit, der unlängst im Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" im selben Kontext auch von "unglaublich inspirierender, unglaublich geiler Musik" sprach.

Er macht das nachvollziehbar. Levit gelingt es, den Witz, das Revolutionäre, die Tiefe, die intimen Momente, das Vorwärtsweisende dieser 32 Tasten-Juwelen kongenial zu vermitteln. Wie er etwa den Kopfsatz der Waldsteinsonate (Nr. 21) angeht, ein Werk, das seiner Ansicht nach die Klavierliteratur in ein Davor und Danach teilt, das setzt Maßstäbe. Sein feiner Umgang mit dem Tempo, seine wohldosierte Dynamik bis an die unterste Hörschwelle in schnellsten Passagen, der nie abreißende Spannungsbogen machen diese zehn Minuten Musik zu einer Offenbarung. Langsame, tiefschürfende Stücke wie der Mittelsatz der "Appassionata" oder der Kopfsatz aus der "Mondscheinsonate" entfalten bei ihm ungeheure Kraft, ohne dass er in hohles Pathos verfällt. Hochromantisches wie das Menuett aus der Jagdsonate (Nr. 18) nimmt er in beherztem Tempo und bläst ihm so die dicke Puderzuckerschicht weg wie von der Stollenscheibe. Und das vorangehende Scherzo, das unerhört swingt, rennt bei Levit regelrecht offene Türen ein.

Wie mag diese Musik vor 200 Jahren gewirkt haben? "Beethoven selbst hat sich um zeitliche Konventionen nicht die Bohne geschert. Er hat im Grunde die ganze Zeit Zukunftsmusik geschrieben", sagt er. Wie vor Jahrzehnten schon mit Friedrich Gulda, hat sie mit Levit eine neue Gegenwart erreicht. In der kommt man an ihm nicht mehr vorbei. Ob einem das gefällt oder nicht.

Im Konzert : Igor Levit tritt am 28. und 29.November im Leipziger Gewandhaus mit dem Gewandhausorchester unter Franz Welser-Möst mit Hans-Werner Henzes Werk "Tristan - Préludes für Klavier, Tonbänder und Orchester" auf. Am 30. November spielt er dort in einem Benefizkonzert für "Leipzig hilft Kindern" Beethovens 5. Klavierkonzert.

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