Im Kasten?

In Dessau ist das neue Bauhaus-Museum eröffnet worden. Der 30-Millionen-Glasriegel mitten in der Innenstadt beeindruckt in vielen Punkten - lässt aber zu viel Potenzial aus.

Dessau.

Mit zwei Freiheitsgraden konnte bei der Planung des neuen Museums, dass die Bauhaus-Tradition der sachsen-anhaltischen Elbestadt im 100. Gründungsjahr der Schule in ein schillerndes Licht rücken soll, jongliert werden. Erstens: Irgendwas zum Bauhaus, dass als fixe Idee alle rundweg zufriedenstellt, wäre ja per se so sehr Anti-Bauhaus, dass jeglicher Dissens sozusagen natürlich passen muss. Zweitens: Was immer auch man in die Dessauer Innenstadt platziert - sie kann eigentlich nur gewinnen. Also: Unterm Strich alles gut. Oder?

Dass es in der Planungs- und Bauphase des 30 Millionen Euro teuren Gebäudes, das am gestrigen Sonntag im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem großen Fest eröffnet wurde, reichlich Reibung und damit überregionale Berichterstattung gab, kann man daher als Gewinn verbuchen, zumal jedes Argument etwas für sich hatte. Am eigentlichen Schulstandort mit den Meisterhäusern in der Nähe, da hatten die Kritiker der nun umgesetzten Lösung schon recht, hätte das Haus kulturell mehr Sinn gehabt. Städteplanerisch, und da haben dann Bauhaus-Stiftung und Rathaus den Daumen drauf auf einem originären Bauhaus-Gedanken, war es einfach vernünftiger, diesen mit reichlich Bundesmitteln geförderten Besuchermagneten in die City zu pflanzen.

Von außen gibt der Bau, der dort kleiner wirkt als auf Bildern und der von den umgebenden Gebäuden überragt wird, erst einmal jenen Recht, die ihn als "gläsernes Parkhaus" schmähen: Das Museum, in dem sich auf der einen Längsseite der Stadtpark, auf der anderen das "Rathaus-Center", eine jener semiattraktiven Einkaufsgalerien, spiegeln, sieht weder schön noch spektakulär aus. Der Punkt geht klar an das im Frühjahr eröffnete neue Bauhaus-Museum in Weimar.

Innen dagegen wendet sich das Bild: Wie eine Haube aus abgedunkeltem Glas stülpt sich der filigrane Körper über einen scheinbar schwebenden, fensterlosen Betonkasten. Schwarz ausgekleidet beherbergt er die Ausstellung und spannt sich dabei wie eine Brücke auf Treppenstelzen über einen nach beiden Längsseiten offenen Erdgeschoss-Saal, der wie eine osmotische Wand zwischen Stadt und Stadtpark wirkt. Sehr beeindruckend! "Wir wollten keine Konkurrenz zu den Bauhausbauten in Dessau bauen", sagt Architekt Roberto Gonzalez vom katalanischen Büro "addenda architects" aus Barcelona. Bewusst oder unbewusst ist dabei auch eine Kapsel geschaffen worden, die man als ironischen Kommentar zur Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Bauhauses sehen kann: Hier das "Weniger-ist-mehr"-Designer-Einzelschmuckstück mit dem "Wow" eines Apple-Stores - daneben ein pseudo-edlen Reißbrett-Shopping-Quader im "Weniger-soll-nach-mehr-aussehen"-Industriestil: Die ganze Dessau-Welt als Vorstellungen und kapitalistischer Wille.

Die Glasfronten den neuen Museums sollen dabei - natürlich - für Offenheit stehen, spielen dabei aber mit einem frappierenden Umkehr-Effekt: Innen glaubt man sich der guten Nach-Draußen-Sicht wegen auf dem großzügig gestatteten Präsentierteller - von außen kann man aber nicht durch die dunklen Scheiben nach innen sehen: "Offenheit" wird schnell als selbstverliebt behaupteter Fetisch offenbar, wenn Passanten ihre Nasen an die Scheibe drücken - weil sie das Innere erkennen wollen, aber nicht einfach können. Das dreifache Glas bildet daher auch einen Panzer, der diesen gelandeten Elfenbeinturm abschirmt wie eine "gated community" der Kultur.

Auch die neue Ausstellung unter dem Titel "Versuchsstätte Bauhaus" mit 1000 Exponaten, die vor allem Arbeiten und Entwürfe von Bauhaus-Schülern optisch exquisit ins rechte Licht rücken, macht da irgendwie mit. "Wir wollten nicht Ergebnisse zeigen, sondern den Weg dorthin", sagt Regina Bittner, einer der Kuratorinnen. Ja, auch hier wirft das neue Weimarer Museum mächtige Schatten - an dessen Ansatz einer umfassenden Einordnung des Bauhauses in Zeit- und Kulturgeschichte man vorbei musste. Der Dessauer Ansatz ist dabei gut, indem er vor allem Netzwerken von Bauhäuslern sowie Beziehungen von einzelnen Lehrern und Schülern nachspürt.

Die Oberfläche der Schau ist daher glänzend, mit beeindruckenden Objekten - seien es Reihen von Marcel-Breuer-Möbeln oder Oskar Schlemmers Kostüme für das "Triadisches Ballett". Darunter liegt zudem eine faszinierend tiefe Schicht von Hintergrundinformationen, die der Gast langsam, lustvoll und stylish bergen kann. Sehr schön auch, wie Frauen der Schule, allen voran Marianne Brandt, aus dem Schatten geholt werden. Klarer Vorteil: Dieses Museum besucht man wohl mehrfach - in ein, zwei Stunden ist die prallvolle Schau kaum umfänglich zu ergründen. Nachteil: Ohne erhebliches Bauhaus-Vorwissen ist das auch nicht möglich. Dass auf grundlegende Erklärungen so konsequent verzichtet wird, dass es die Schau interessierten Einsteigern recht schwer macht, ist unschön. Parallel werden die nötigen kritischen Ansätze so nonchalant versteckt, dass die Schau an vielen Stellen schlicht auf eine Weiterpolitur des Bauhaus-Mythos hinauslauft. Da denkt man schnell an den "Manufactum"-Katalog - während draußen die Plattenbau gewordenen Auswüchse der Bauhaus-Idee an der Nobelhaut des neuen Elfenbeinkastens abperlen.

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