Im Kunstlabor

Das Grassi-Museum in Leipzig arbeitet mit einer Sonderschau die Beziehungen zwischen dem Bauhaus und Sachsen heraus - und findet eine ganze Menge!

Leipzig.

Ein Ensemble aus 18 Fenstern entwarf Josef Albers 1926 für das sich zu diesem Zeitpunkt im Bau befindliche Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Albers hatte am Bauhaus studiert, wo er später auch lehrte, die Glaswerkstatt leitete und sich auf Glasbilder mit geometrischen Ornamentbändern spezialisierte. 1927 eingebaut, wurden die Fenster während eines Bombenangriffs auf Leipzig in der Nacht zum 4. Dezember 1943 zerstört und durch einfaches Fensterglas ersetzt. Mit der Rekonstruktion besitzt das Leipziger Grassi seit 2011 die größte Flachglasarbeit eines Bauhäuslers und ist im 100. Jubiläumsjahr einer der "authentischen Orte", die es zu besuchen gilt. Auch weil das Grassi früh Bauhaus-Objekte für die eigene Sammlung erwarb und sie als einziges sächsisches Museum in der Dauerausstellung präsentiert.

Doch nicht nur Albers' Fenster ziehen derzeit viele, auch internationale Besucher ins Museum. Unter dem Titel "Bauhaus Sachsen" legt das Haus in einer Sonderausstellung weitere Verbindungen offen, die bestehen zwischen dem Museum und dem "Kunstlaboratorium, in dem neue Kunstauffassungen gesucht und bearbeitet werden, denen die industrielle und die gewerbliche Praxis im allgemeinen aus dem Weg gehen".

So formulierte es Museumsdirektor Richard Graul anlässlich der Debatten um die Auflösung des Bauhaus in den 20er-Jahren. Diese Ausstellung ist kein verzweifelter Versuch, auch etwas vom großen Jubiläumskuchen abzubekommen. Nein, Ausstellung und Katalog belegen eindrücklich, wie sich das Bauhaus in Sachsen niederschlug, auch wenn es mit Weimar und Dessau örtlich in den Nachbarländern verankert war. 1932 war zumindest kurz darüber verhandelt worden, ob es in die Messestadt geht. Doch Berlin war zu diesem Zeitpunkt das bessere Leipzig.

Am 1. April 1919 hatte das Bauhaus in Weimar eröffnet. Nur vier Wochen später fand in Leipzig die erste Grassimesse statt. Bauhäusler nahmen seit 1924 an der Messe teil und gestalteten zum Teil auch Stände. 1927 stand hier die berühmte Wagenfeld-Lampe, Marianne Brandt zeigte farbige Serviettenhalter und eine Konfektdose aus Silber.

Auch bei der Neukonzeption der Sammlungsausstellung war das Bauhaus 1929 eingeladen, einen Bereich zu bespielen: Das Ergebnis war "Die Volkswohnung", die vor dem Hintergrund der derzeitigen Debatte um bezahlbaren Wohnraum erschreckend aktuell ist: "billig" sollte sie sein, "durch äußerste platzausnutzung, minimale raummaße, zeitsparende praktische einrichtung". In zwei Räumen fanden Klappbetten vor Mustertapete Platz. Diese Volkswohnung hätte man gern rekonstruiert gesehen. Auch ein dreidimensionaler Messestand hätte deutlicher gemacht, was jetzt Flachware (Fotos, Entwürfe, Briefe) in der Ausstellung verdeutlicht.

Die ist dafür exzellent präsentiert: Die farbigen Wände und erfreulich kurze Erläuterungstexte erinnern stark an das neue Bauhaus-Museum in Weimar, das ebenso besucherfreundlich gut präsentierte Objekte statt wissenschaftliche Abhandlungen ins Zentrum rückt. Diese finden konsequent in einer mit 591 Seiten vom Umfang kaum handhabbaren Publikation statt, deren Konzept jedoch überzeugt: Von Bischofswerda bis Zwickau kristallisieren die Autoren Haupt- und Nebenschauplätze der Bauhausaktivitäten in Sachsen heraus. Das Kaufhaus Schocken in Crimmitschau verantwortete etwa Architekt Bernhard Sturtzkopf, der zuvor Assistent von Walter Gropius war. Dresden spielte als Ausstellungsort eine wichtige Rolle. Und Jan Tschichold, Professor an der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst und einer der bedeutendsten Typografen und Buchgestalter des 20. Jahrhunderts, wurde bekannt durch seine Kooperation mit László Moholy-Nagy, El LissitzkyundJosef Albers. Bauhaus-Typografie und -Bildästhetik fanden so Eingang in sächsische Verlagsprodukte und Werbemittel. Sachsens Industrie war wiederum fürs Bauhaus wichtiger Partner - etwa in Leuchtenbau oder Textilindustrie. Zeitgenössische Künstler kommentieren das Bauhaus im Grassi: Für die Installation von Judith Raum, die sich der sächsischen Textilindustriehistorie widmet, wurden Gebrauchsstoffe nachgewebt, wie sie einst sächsische Firmen produzierten.

Katalog wie Ausstellung verweisen schließlich auf einen besonderen Schatz: Haus Rabe. 1931 taten sich Oskar Schlemmer und Architekt Adolf Rading zusammen und konzipierten dieses Gesamtkunstwerk in Zwenkau. Von außen ein typisch weißer Würfel, dominieren im Innern geometrische Flächen und Farbstreifen Böden, Decken und Wände, markieren Wohnbereiche und Übergänge. Scherenschnittartige Wandbilder von Schlemmer verleihen dem Treppenhaus eine tänzerische Geste. Metallkompositionen werfen Schatten wie dreidimensionale Fresken an die Wand. Aktuelle Fotos des Leipzigers Felix Bielmeier repräsentieren es in der Ausstellung. Das Grassi müht sich seit Jahren, sich als Partner für den öffentlichen Zugang zum Haus Rabe einzubringen und es als Dependance zu übernehmen. Bisher leider vergeblich.

Die Ausstellung "Bauhaus Sachsen" ist bis 29. September dienstags bis sonntags, 10bis 18 Uhr im Grassi-Museum für angewandte Kunst in Leipzig zu sehen.

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