Im Puppenfieber

Heidi Ott ist die Käthe Kruse der Schweiz. 450 ihrer handgefertigten Puppen sind jetzt im Erzgebirge gelandet - aus dem Nachlass der Sammlerin Erika Pohl-Ströher. Puppenmacherin Ott ist überwältigt.

Michael Schuster kann es immer noch nicht fassen. Seit Wochen beschäftigt sich der 59-jährige diplomierte Metallurge mit Puppen. Dabei hatte der zweifache Familienvater und inzwischen zweifache Opa nie was mit Puppen am Hut. Die Tochter besaß einige, "aber eigentlich zog es sie eher in den Garten und in die Natur. Puppen waren in unserer Familie nie das große Thema", gesteht der Erzgebirger.

Das hat sich über Nacht geändert. Und nun ist Schuster Puppenexperte. Bei ihm sind um die 4000 Puppen eingezogen. Nicht in sein Wohnhaus, sondern in jenes ehemalige Strumpffabrikgebäude, in dem er seit fast zehn Jahren arbeitet: als Leiter des Pohl-Ströher-Depots im erzgebirgischen Gelenau. Dort betreut und archiviert er mit einem kleinen Team jene Schätze, die die Sammlerin Erika Pohl-Ströher ihm ab 2008 zur Bewahrung anvertraut hatte. Alles Sammlerstücke, viele davon erzgebirgische Volkskunst und Spielzeug, welche die Schweizerin so an ihren Ursprungsort zurück ringen wollte.

Ihre Puppensammlung gehörte bisher nicht dazu. Die behielt sie in ihrem Haus in der Schweiz, in dem sie bis zu ihrem Tod 2016 lebte. Danach übernahm ihr Sohn Bertram die Sammlung und der gab sie in diesem Frühjahr als Leihgabe seiner Stiftung ins Erzgebirge. Laut Michael Schuster hat sich damit die Zahl der Objekte im Depot etwa verdoppelt.

450 dieser Puppen hat er in den vergangenen Wochen mit einigen Helfern aufwändig hergerichtet und in Szene gesetzt, um sie im Rahmen der diesjährigen Sommerschau des Depots der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es sind nicht irgendwelche, sondern durchweg handsignierte Heidi-Ott-Puppen, die in der Schweiz als Unikate oder in Kleinserien ab den 1970er-Jahren in Handarbeit gefertigt wurden. Die 1944 geborene Heidi Ott ist in der Schweiz bis heute das, was Käthe Kruse in Deutschland war.

Ott wusste zunächst gar nicht, dass die Sammlung ihrer besten Kundin ins Erzgebirge gelangt war. Deshalb lud Michael Schuster sie ein. "Immerhin spiegelt der uns übergebene Fundus mehr als 80 Prozent ihrer Produktion wieder", sagt er.

Heidi Ott schaut sich staunend im Depot um. Zu fast jeder Puppe weiß sie eine Geschichte: wann sie für wen entstand, und wie Frau Pohl ihr jedes Jahr diese besten Stücke abluchste. Die Schweizer Puppenmacherin erinnert sich noch gut an den ersten Kontakt. Erika Pohl-Ströher hatte Anfang der 1980er-Jahre auf einem Flohmarkt in Stuttgart zwei Puppen erstanden. Sie stammten aus der Produktion der ältesten Puppenfirma Deutschlands, der Firma Schildkröt. Als sie sich erkundigte, wer denn die wunderbaren Gesichter modelliert habe, stieß sie auf den Namen von Heidi Ott. Die hatte zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn als Puppenmacherin auf Vermittlung des Burda-Verlags für Schildkröt in Lizenz Köpfe und Körper modelliert. "Eines Tages rief mich Frau Pohl an und fragte, ob sie mich mal besuchen dürfe. Ich hatte keine Ahnung, wer diese Frau war. Wir haben uns aber sofort als Seelenverwandte verstanden", erzählt Ott. "Ich hatte viele Puppen, mit denen ich von klein auf bei meiner Großmutter spielte, verloren, weil meine Mutter sie später ohne mein Wissen an ein Kinderheim abgegeben hat. Frau Pohl wiederum hatte ihre liebsten Spielsachen und Puppen im Zweiten Weltkrieg eingebüßt."

Heidi Ott, die 1981 mit ihrem Mann und ihrer Mutter eine Familienaktiengesellschaft mit zeitweise 20 Beschäftigten gründete, betrieb nie einen eigenen Verkauf. Sie belieferte ausschließlich Händler, erstellte aber selbst aufwändige Kataloge. Nur vor Weihnachten veranstaltete sie jedes Jahr eine Werksausstellung. Auch Erika Pohl-Ströher erhielt immer eine Einladung. "Sie kam aber stets ein oder zwei Tage vorher. Ich sagte ihr, dass da keiner Zeit hat, sie durch die Schau zu begleiten. Aber das wollte sie auch gar nicht." Ganz allein habe sie sich jedes Mal stundenlang alles angeschaut. "Sie wollte immer die besten Stücke." Auf diese Weise habe sie ihre ursprünglich auf Käthe-Kruse-Puppen ausgerichtete Sammlung systematisch mit Heidi-Ott-Puppen erweitert. "Erst viel später, als sie mal mit einem Chauffeur vorfuhr, in einem Wagen mit Gardinen an den Fenstern, habe ich erfahren, dass sie die Wella-Erbin ist."

Noch vor 1990 habe die Pohl-Ströher ihr einmal erzählt, dass ihr großer Traum ein eigenes Museum sei. Ihr war aber von vielen Seiten in der Schweiz abgeraten worden, weil ein Museum sich nicht rechne. "Ich glaube, schon ab der Wiedervereinigung Deutschlands sah sie dann eine Chance für ihr Projekt." Heidi Ott hat sich deshalb auch die Manufaktur der Träume in Annaberg-Buchholz, die extra für die Volkskunstsammlung Pohl-Ströhers gebaut wurde, angeschaut. "Schöner kann man eine Sammlung nicht präsentieren", urteilt sie. Auch für das Depot in Gelenau, das keinen musealen Anspruch erhebt, hat sie viele lobende Worte. "Vor allem bewundere ich die Mitarbeiter und Helfer, wie liebevoll sie mit den Sachen umgehen und alles in Szene gesetzt haben." Selbst die Idee mit den Puppen, die im Kaufmannsladen nach Bananen anstehen, begeistert sie: "Ich weiß doch, dass Südfrüchte in der DDR Mangelware waren."

Heidi Ott befasst sich beruflich noch immer mit Puppen. Sie meint, dass jede eine Seele hat. Das sei auch der Grund, weshalb sich zwischen den Puppen und Puppenmüttern eine besondere Beziehung entwickelt. "Sie werden von den Kindern angesprochen, sind Vertraute, aber auch Trostspender", sagt die 73-Jährige. Nie habe sie 1975 gedacht, als ein Schweizer Modeblatt Ott's erstes Puppenbastelset veröffentlichte, dass ihre Figuren einmal einen Siegeszug um die Welt antreten würden. Sogar für Disney in den USA fertigte sie eine limitierte Serie, zudem größere Serien für die Kaufhausketten Target Store und Marshall Fields. Gemeinsam mit dem Sohn wurden parallel Miniaturpuppen entwickelt, die vor allem Sammler begeisterten, die wenig Platz hatten. Die Firma hat inzwischen der Sohn übernommen und um zusätzliche Sortimente erweitert.

Heidi Ott ist eigenen Prinzipien stets treu geblieben. Da ihre Puppen vorrangig zum Spielen gedacht waren und erst später begehrte Sammlerobjekte wurden, durften sie nicht aus Keramik, sondern mussten aus einem Kunststoff sein - ohne Weichmacher. Die Haare sind Echthaarperücken. Die Gesichter werden von Hand bemalt. Jede Puppe trägt ein Schild mit Heidi Otts Namen um den Hals. Als Verpackung kommt nur Karton infrage. "Mein Großvater war Lehrer und hat mir schon als Kind beigebracht, dass die Welt eines Tages an Unrat kaputtgeht."

Die Sommerschau im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau ist bis 12. August immer Dienstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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