Im Rausch von Form und Farbe

Der Expressionismus hat viele Gesichter. Eine Sonderschau in Zwickau zeigt sie ab Samstag in ungewöhnlicher Bandbreite.

Zwickau.

Manchmal schließt sich nach vielen Jahrzehnten ein Kreis. Es war Anfang 1930, als Hildebrand Gurlitt, erster Direktor des damaligen König-Albert-Museums in Zwickau, in den Sälen seines Hauses dem Hagener Maler und Grafiker Christian Rohlfs (1849 - 1938) eine Einzelausstellung widmete. Ein besonderes Statement insofern, als die Stadt Zwickau Gurlitt zu diesem Zeitpunkt bereits gekündigt hatte: Es war dessen letzte Ausstellung für das Haus. Er war vielen in der kulturell konservativ-reaktionär geprägten Westsachsenmetropole der Moderne gegenüber zu aufgeschlossen. Er hatte aus einem verschnarchten städtischen Traditionskabinett eine Kunstadresse gemacht, die dank Ausstellungen mit führenden Vertretern der Klassischen Moderne international Renommee hatte, und war in fünf Jahren Amtszeit so manchem auf den Schlips getreten.

Rohlfs sollte es so gehen wie vielen Expressionisten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland aufgebrochen waren, die Welt auf neue Weise abzubilden. Akademische Grundsätze setzten sie außer Kraft, Proportion, Perspektive traten in den Hintergrund zugunsten persönlichen Ausdrucks, auch Farbe war mehr Mittel zum Zweck denn zur Abbildung der Wirklichkeit. Und Rohlfs ging in vielen dieser Dinge noch weiter. Dessen Bilder speziell aus den 20er- und 30er-Jahren erscheinen in ihrem ätherisch-entrückten Malstil rückblickend ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Deswegen steckten ihn die Nazis fast zwangsläufig in die Schublade "Entartet" - sogar gegen den Willen Heinrich Vetters, damals NSDAP-Oberbürgermeister der Stadt Hagen. Die hatte 1930 dem schon über 80-jährigen zugezogenen Ostholsteiner ein Museum gewidmet. Egal: "Mit Vetter Thema entartete Kunst", schreibt NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 17. September 1937 in sein Tagebuch. "Er wollte Rohlfs in Schutz nehmen. Aber ich heile ihn." Der Künstler erhält Malverbot und wird am 7. Januar 1938, einen Tag vor seinem Tod, aus der Preußischen Akademie der Künste in Berlin ausgeschlossen.

Nun also schließt sich der Kreis: Die Sonderschau "Back To Paradise - Meisterwerke des Expressionismus", die am Samstag in den Kunstsammlungen Zwickau - Max-Pechstein-Museum eröffnet wird, stellt gleich in einem ganzen Saal Gemälde und Grafiken von Christian Rohlfs vor. Sie gehören zum Bestand des Osthaus-Museums, der Hagener Nachfolgeeinrichtung des Rohlfs-Museums, das neben dem Kunsthaus Aargau (Schweiz) die zweite Quelle für die so umfassende wie vielseitige Bilderschau ist. Über 100 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Drucke aus der Zeit von 1905 bis 1938 von Größen wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, August Macke, Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Max Beckmann, Emil Nolde werden gezeigt. Wer die Räume kennt, die in Zwickau Sonderausstellungen beherbergen, der ahnt: Das wird eng. "Deswegen haben wir teilweise die Petersburger Hängung praktiziert", erläutert Hausherrin und Kuratorin Petra Lewey. Was heißt: Die Bilder kommen einander sehr nah und werden auch in Reihen übereinander an der Wand platziert.

Aber warum "Back To Paradise", wo es die schöne deutsche Richtungsangabe "Zurück zum Paradies" gibt? Das, so Lewey, sei der internationalen Ausrichtung der Ausstellung geschuldet, die nach ihren bisherigen Stationen im Aargau, im Georg-Schäfer-Museum in Schweinfurt sowie dreieinhalb Monaten in Zwickau noch für weitere Standorte unter anderem in Schweden und Frankreich vorbereitet wird.

Egal in welcher Sprache: Sinnfällig ist der Titel auf jeden Fall. Ging es den Expressionisten doch darum, den Zustand künstlerischer Unschuld wieder herzustellen, fort von herrschafts- und staatstragender Kunst, von verfälschender Idealisierung, beschönigend "akademisch" genannt, weg von Menschen in steifer, unnatürlicher Pose, Mut zur Hässlichkeit, weg vom Gekünstelten der Historienmalerei, hin zur Spontaneität und Natürlichkeit - auch im Sinne von Nacktheit. Hin zum Rausch der Farbe, zur Vergröberung der Form, zum Sieg des großen Ganzen über das Detail. Echte Menschen, echte Natur sind die Motive. Bisweilen auch echtes Elend.

So auch in Zwickau, wo sich zeigt: Der Expressionismus, ob er nun in Gruppen wie "Brücke" (Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff, Pechstein, Nolde u. a.) oder Ausstellungsformaten wie "Der Blaue Reiter" (Kandinsky, Marc, Macke) daherkam, hatte viele Gesichter. Er war Kreuzungspunkt, zeitweise gemeinsamer Nenner von Künstlern, die aus verschiedenen Richtungen kamen und auf teils sehr unterschiedlichen Wegen fortschritten. Man denke an den altersmild-exotisierenden Expressionismus eines Pechstein oder Schmidt-Rottluff, an die totale Abstraktion eines Kandinsky, an die Neue Sachlichkeit eines Felixmüller. Anderen Künstlern wie Franz Marc oder August Macke freilich war die Weiterentwicklung nicht vergönnt. Ihre Arbeit wurde vom "offiziellen" Deutschland oft bestenfalls skeptisch betrachtet: Kaiser Wilhelm II. sprach 1910 vor Gymnasiasten von "verwirrenden und niederziehenden Erscheinungen in Kunst und Literatur". Dennoch zogen sie für Kaiser und Vaterland ins Feld - und kehrten nicht mehr heim. Die Ursünde des 20. Jahrhunderts, die in dem Jahr ihren Anfang nahm, in dem das König-Albert-Museum eröffnet wurde. Auch insofern schließt sich hier ein Kreis.

Die Ausstellung "Back To Paradise - Meisterwerke des Expressionismus" wird bis 6. Januar 2019 dienstags bis sonntags, 13bis 18 Uhr in den Kunstsammlungen Zwickau, Lessingstraße 1, gezeigt. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

kunstsammlungen-zwickau.de

 

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