Immer der alten Naht nach

Eigentlich ist neue Mode ihre Sache. Aber für die Habit-Träger der Knappschaft des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers hat sich Jeannine Mann an die Vergangenheit gewagt.

Was war das für ein Kraftakt: Jeannine Mann hat dafür gesorgt, dass sechs gestandene Männer und eine Frau wieder eine weiße Weste haben. Nun werden sie ohne schlechtes Gewissen am Sonntag im Festumzug zum Tag der Sachsen in Limbach-Oberfrohna mitlaufen.

Wie das klingt!? Aber es ist alles ganz harmlos, denn: Die Frau aus Lugau ist Schneiderin und hat den Habit-Trägern der Knappschaft des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers ihre neue Uniform vervollständigt. Jetzt tragen die Bergbeamten unter ihren Paradejacken besagte weiße Weste. Damit ist die Uniform endlich komplett. Es sieht gut aus.

"Und ich mach drei Kreuze. Das war eine Mammutaufgabe, die mich über eine sehr lange Zeit in Atem gehalten hat", sagt Jeannine Mann. "Denn zu den aufwendigen Uniformjacken und Westen kamen noch 22 Bergkittel, wobei der Begriff Kittel eine absolute Untertreibung ist." Das Wieso klären wir noch.

Eigentlich hat's die 44-Jährige ja mehr mit moderner Mode: Brautkleider, Schickes zur Jugendweihe - neu nähen oder umarbeiten, passend machen, aufhübschen, reparieren. Schon in der siebten Klasse hat sie nähen gelernt, sich mit 15 die erste eigene Nähmaschine gekauft. Jacken, Hosen, Röcke entstanden aus farbigen Bettlaken. Daran erinnert sie sich, als sei es gestern gewesen.

Doch erst in den 90er-Jahren hat sie mit einer Ausbildung zur Schneiderin ihr Hobby zum Beruf gemacht, für die Selbstständigkeit diverse Schulungen absolviert. Neben ihrer Ein-Mann-Werkstatt in Lugau betreibt sie heute noch einen Laden in Aue, wo sie Änderungsaufträge annimmt, zudem gibt es eine Zusammenarbeit mit einer weiteren Schneiderwerkstatt. Genug zu tun für die Mutter von zwei Töchtern.

Und dennoch hat sie zugesagt, als Heino Neuber, der Vorsitzende der Knappschaft, sie wegen neuer Uniformen fragte. An der Tür zu ihrem Atelier hängt ein Schild, auf dem steht: "Ich bin Handwerker. Ich kann das." Eben. Es war die Herausforderung, die sie gereizt hat. "Aber wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt ..."

Hätte sie sicher auch zugesagt. Sie habe den Auftrag angenommen, weil sie es sich zugetraut hat.

Historische Uniformen zu nähen, ist kein Pappenstiel. Und für Heino Neuber und seine Knappschaft zu arbeiten, erst recht nicht. Denn Neuber, studierter Museologe und Sammlungsleiter am Bergbaumuseum Oelsnitz, kennt sich in der Materie aus. Schließlich hat er sich in jahrelangen Forschungen mit Uniformkunde beschäftigt.

Das ist auch der Grund, warum die Knappschaft, die sich auch als Förderverein des Bergbaumuseums Oelsnitz versteht, neue Kleider brauchte. "Unsere Uniformen hatten nichts mit dem Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenrevier zu tun. Weil sich keiner so richtig auskannte, wurden bei unserer Gründung vor 25 Jahren unsere Paradeuniformen an die der Steinkohlenkumpel aus dem Ruhrpott angelehnt. Das musste geändert werden, unser Gründungsjubiläum war der richtige Anlass", sagt Heino Neuber. Originalgetreu bis ins Detail wollte er die Sachen haben.

Mit zwei Originalen ist er zu Jeannine Mann gegangen, mit einem Kittel aus der Zeit um 1880 sowie einer Beamtenjacke um 1900, und der Vorstellung: Genauso soll es werden. "Ich bin nicht wieder geworden, was da für eine Arbeit drinsteckte! Da kann man schon Ehrfurcht vor dem Können der alten Schneidermeister bekommen", sagt die Modefrau. Als Erstes hat sie sich ans Auftrennen gemacht, um hinter die Geheimnisse des Innen- lebens zu kommen. Wie werden die Ärmel genäht? Wie ist das alles abgefüttert? Wie werden die Paspelbänder verarbeitet? Wo sitzen welche Taschen? Wo werden die Samtteile eingesetzt?

"Solche Ärmel mit der sogenannten Tuchpuffe und der Armtour hatte ich beispielsweise noch nie vorher gesehen. Das musste alles plissiert werden und dann mit ganz kleinen Stichen zusammengeheftet. Wahnsinn, wer macht heute noch so was", fragt Jeannine Mann staunend. Selbst die Kittel, Paradekleidung für das "einfache Fußvolk", hatten am Kragen Bögen, detailverliebte Armgarnituren, filigrane Knopfleisten an den Fledermausärmeln. Und diese Stoffe, Paspeln, Fransen, Knöpfe, Aufschläge ...

Jeannine Mann hat Literatur über historische Schnitte gekauft, sich belesen, getüftelt, gerechnet, konstruiert. Es hat an die 20 Arbeitsstunden gedauert, bis es überhaupt erst einmal mit dem ersten Teil losgehen konnte. Aber es steht ja an der Tür: "Ich bin Handwerker. Ich kann das." "Da musst du mathematisch und zeichnerisch schon gut unterwegs sein. Doch ich mach das gern, das fordert den Geist", bekennt die Schneiderin.

Vom ersten Gespräch bis zum Annähen des letzten Knopfes an den insgesamt 29 Teilen hat es Jahre gedauert. Allein fast zwölf Monate sind vergangen, bis der richtige schwarze Wollstoff gefunden war. Aber um diese Dinge, die Stoffe und das historisch passende Zubehör, hat sich Heino Neuber gekümmert. Bis nach Österreich ist er in die Spur gegangen, dort wurden nach alten Mustern die Knöpfe für die Jacken und Kittel gegossen.

"Schließlich wurde die Zeit richtig knapp, das Jubiläum Ende des vorigen Jahres rückte immer näher", erzählt Jeannine Mann."Zuletzt habe ich an jedem Wochenende hier in der Werkstatt gesessen und genäht und genäht. Das war nervenaufreibend." Deshalb, so Mann, sei ihr nun mit der Fertigstellung auch der Westen eine Last abgefallen. Vielleicht schaue sie sich am Sonntag mit ihrer Familie den Festumzug in Limbach-Oberfrohna an, um ihre Arbeit aus einem ganz neuen Blickwinkel genießen zu können.

Genießen hat sie gesagt.

Und sie sagt auch: "Das war wirklich eine schöne Arbeit. Ich habe unheimlich viel gelernt über Tradition und über traditionelles Handwerk. Ich kenne jetzt Techniken, die heute kaum mehr angewendet werden. Das ist doch toll."

Die Knappschaftsmitglieder sind des Lobes voll über ihr neues Habit. Vor allem auch die drei Frauen unter ihnen, die sich im Maßgeschneiderten, zwei tragen Kittel, eine die Beamtenuniform, ausgesprochen wohlfühlen. Gibt es keine Diskussion um weibliche Kleidung in der Knappschaft des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers? "Nein, unsere Frauen wollen das Habit tragen, wenn sie als Steiger oder Hauer bei Paraden mitlaufen", sagt der Vereinsvorsitzende Heino Neuber. Aber er wisse als Mitglied des Landesvorstandes, dass in manchen Knapp- und Bergbrüderschaften Frauen nicht in Männerkleidung, sondern in der Zeit gemäßen Kleidern bei Aufzügen mitlaufen wollen. Aber bei uneingeschränkter Hochachtung für die Arbeit der Frauen in den Vereinen sollte man die Diskussion nicht ausufern lassen. "Die Frauengruppen, die sich bisher für weibliche Kleidung entschieden haben, können laut neuer Paradeordnung von 2015 dabei bleiben, aber weitere Ausnahmenwird es nicht geben", weiß Heino Neuber. Schließlich wolle sich die Montanregion Erzgebirge um einen Platz auf der Unesco-Welterbeliste bewerben, die Bergparaden und Bergaufzüge gehören dazu. Da darf man, sagt Neuber, nichts verwässern.

Originalgetreu bis ins Detail soll alles bleiben. Was das heißt, weiß jetzt auch Jeannine Mann nur allzu gut.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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