Immer lebe die Sonne!

Nur einen Steinwurf von dem Zirkus entfernt, in dem er drei Tage vorher noch aufgetreten war, ist der Jahrhundert-Clown Oleg Popow mit 86 Jahren in Russland gestorben.

Chemnitz.

Es war einige Jahre nach der Wiedervereinigung: Der Große Russische Staatscircus zog durch Europa, und die Attraktion auf den Plakaten war ein Clown. Der Ruhm des damals schon über 60-jährigen Oleg Popow stellte alles in den Schatten, was der Zirkus sonst zu bieten hatte, und das war jede Menge erstklassige Artistik. Popows Zugnummer hieß "Der Strahl". In Russland hatte sie ihm den Ehrennamen "Sonnenclown" eingebracht. Die deutsche Presse hielt ihn lieber für den "russischen Charlie Chaplin".

Der "Strahl" also, in der Version der 1990er-Jahre: Popow erscheint in der Manege, eine abgewetzte Tasche in der Hand, und lässt sich im einsamen Lichtkegel eines Scheinwerfers nieder. Das übrige Zirkusrund liegt in Dämmerung versunken. Popow inszeniert das Leuchten als Gefühl, lässt Helligkeit durch Lächeln, Wärme durch Gesten entstehen. In jenen Jahren schabte er das Licht am Ende seiner Nummer noch zusammen - der Fokus des Scheinwerfers wurde enger gedreht -, um es am Ende vorsichtig in seine Tasche zu legen und hinauszutragen. In späteren Darbietungen, denn Popow arbeitete auch klassische Nummern immer weiter aus, schüttete er das Licht vor seinem Abgang übers Zirkuspublikum.

Die Kunst Oleg Popows ist im Laufe seiner siebzigjährigen Karriere oft beschrieben worden. Kein überflüssiges Wort, keine clownesken Albernheiten, dafür Artistik und Pantomime von Weltformat und poetische Einfälle, aus denen zauberhafte Szenen wurden. Popow galt als typischer Reprisen-Clown. Seine Nummern füllten Pausen zwischen zwei Darbietungen aus.

Popows Erscheinen am internationalen Zirkushimmel und das Aufblühen seines Weltruhms fielen in eine Zeit, in der die Welt in politische Blöcke gespalten war. Popow war von sowjetischer Zirkuskunst geprägt und der neuen Rolle, die der Clown darin zu spielen hatte. Kein Possenreißer, keine lächerliche Figur, sondern Mensch unter Menschen, sanft und liebenswert. Die "Stuttgarter Zeitung" staunte nach Popows Deutschland-Debüt: "Der unauffälligste Clown, den man je gesehen hat." Ein "Wunder für sich", wie die "Süddeutsche" schrieb.

Oleg Popow wurde 1930 in einem Dörfchen bei Moskau geboren, nur drei Jahre nach Gründung jener Zirkusschule, die ihm die Grundlagen seines Berufs vermitteln und als sowjetische Artistenschmiede weltbekannt werden würde. Popow sei ein Arbeiterkind, hieß es in sowjetischen Quellen, doch er selbst gab später an, dass sein Vater Uhrmacher, nach anderen Quellen Arzt und seine Mutter Maschinistin gewesen seien. Für die Zirkusschule wurde Popow zu Zeiten seiner Lehre entdeckt, als er im Sportensemble turnte. Vier Jahre Ausbildung mit bis zu zehn Übungsstunden am Tag mündeten zunächst in eine Karriere als klassischer Jongleur und Drahtseiltänzer.

Um Popows Debüt als Clown in der Wolgastadt Saratow ranken sich Legenden. Der Hamburger "Spiegel", der 1959 dem Weltstar aus Moskau eine von Kalter-Kriegs-Rhetorik vergiftete Titelstory widmete, schrieb, ein "Teppich-Clown" des Zirkus, den die Stalldiener zu ohrfeigen pflegten, sei ausgefallen und Popow aufgefordert worden, die Umbauzeiten "irgendwie" zu füllen. Popow wäre als Gassenjunge aufgetreten und hätte Publikum und Zirkusleute zu Tränen gerührt, sodass die Stalldiener das Ohrfeigen vergessen hätten. Andere erzählten, Popow habe "Karandasch" ersetzt, den seinerzeit berühmtesten Sowjet-Clown - oder aber einen Unbekannten, der sich die Rippen gebrochen hatte. Dabei habe Popow mit Kartoffeln, Gabeln, Töpfen und Tellern improvisiert.

Wie immer es am Ende gewesen sein mag - zwei Jahre nach Stalins Tod und gerade mit Beginn des "Tauwetters" im Ost-West-Konflikt erhielt Popow sein erstes Engagement am Moskauer Staatszirkus, der kurz darauf in einem westlichen Land debütierte: in Belgien. Hier wurde der Weltstar Oleg Popow geboren. "Sein Anblick allein lohnt den Besuch: ein erstaunlicher Mime, ein verblüffender Seiltänzer, ein stets menschlicher Komiker, dessen Einfälle Wunder der Subtilität sind", so habe ihn die belgische Presse gefeiert, heißt es in dem zeitgenössischen "Spiegel"-Bericht.

Das belgische Gastspiel wiederholte sich 1958 zur Weltausstellung in Brüssel, eine Bühne, von der sich Popows Ruhm in alle Himmelsrichtungen verbreitete. Moskaus Funktionäre liebten ihren Star, dem es freilich mehr bedeutet haben mag, dass sein Idol Charlie Chaplin ihm 1960 persönlich seine Anerkennung zollte. Popows höchste künstlerische Auszeichnung, den "Goldenen Clown" des Zirkusfestivals von Monte Carlo, erhielt er 1981 aus den Händen der Fürstin Gracia Patrizia.

Vor dem weltpolitischen Umbruch 1989/90 gastierte der sowjetische Staatszirkus auf allen Kontinenten. Eintrittskarten für das Moskauer Stammhaus waren heiß begehrt, die Vorstellungen in der Regel ausverkauft. Zeitgleich mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung traf Popow ein persönlicher Schicksalsschlag: Seine erste Frau erlag in Moskau ihrer Krebserkrankung, während er selbst in Hamburg gastierte. Popow war mit Alexandra, einer Geigerin aus dem Zirkusorchester, seit 1952 verheiratet, die beiden hatten eine Tochter.

In Deutschland fand der "Sonnenclown" bald darauf ein neues Glück. 1991 heiratete er die 32 Jahre jüngere Gabriele Lehmann, die seinetwegen russisch lernte und später mit ihm in der Manege stand. Gemeinsam lebten sie im fränkischen Egloffstein.

In Manegen in Deutschland war Popow über die Jahre oft zu sehen. 2001, mit 71 Jahren, schmückte er als Stargast das Sarrassani-Jubiläumsprogramm. Seine Abschiedsvorstellung mit dem Russischen Staatscircus gab er vor fünf Jahren, unter anderem in Leipzig. Damals gab er bekannt, dass er sich als Zirkuskünstler zur Ruhe setzen werde.

Dass es anders kam, hängt mit Popows alter Heimat zusammen. Nachdem er 25 Jahre lang nicht in Russland aufgetreten war, kehrte er zur Entgegennahme eines Internationalen Zirkuspreises in Sotschi 2015 zurück. Russland feierte seinen Jahrhundertclown wie einen Staatsgast. "Ich weine. So sehr freue ich mich, wieder auf russischer Erde zu stehen", wurde Oleg Popow auf russischen Webseiten zitiert. Das letzte Tourneeprogramm mit Popow begann im Februar dieses Jahres in St. Petersburg. Die Tour führte nach Saratow, wo er vor über 60 Jahren zum ersten Mal den Clown gegeben hatte, und nach Rostow am Don, wo er noch vergangenes Wochenende in der Manege stand. Er sei in seiner Herberge, dreihundert Meter vom Zirkus entfernt, beim Fernsehen am Mittwochabend friedlich eingeschlafen, berichteten russische Medien. Die "Komsomolskaja Prawda" schrieb, Popow habe sich kurz vor seinem Ableben für einen Angelausflug am nächsten Tag gerüstet.

"Immer lebe die Sonne", so hieß ein zu DDR-Zeiten bekanntes Kinderlied. Die Zeile war auch der Titel von Popows letzter Tournee. Oleg Popows Sonne ist jetzt untergegangen. Sie lebt aber weiter als ein ewiger "Strahl" - in der Erinnerung an seine Kunst.

 

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    gelöschter Nutzer
    04.11.2016

    Danke.
    Ein sehr schöner Artikel über einen wundervollen Menschen und grandiosen Künstler.
    Ich bin nicht unbedingt DER Zirkus- oder Clown-Freak (als Kind sah das freilich anders aus, wenn es mit Oma und Opa in Dresden auf der Vogelwiese zu Zirkus AEROS oder BUSCH ging)

    Oleg Popow kenne ich als Kind nur aus dem Fernsehen, zum Beispiel beim DDR-Tele-Lotto (5 aus 35).
    Bei jeder gezogenen Zahl gab es einen kleinen Beitrag.
    Bei der Zahl 35 gab es immer einen Beitrag aus der großen bunten Zirkuswelt. Und daher kenne ich Oleg Popow. Denn, wann kam denn der DDR-Normalbürger wirklich im realen Leben mit russisch-sowjetischer Zirkuskunst in Berührung? Eigentlich nie. Viel mehr in Berührung kam das DDR-Kind mit dem ebenso beliebten Clown Ferdinand, verkörpert vom Tschechen Ji?í Vr??ala. Jedes Kind kannte ihn, wenn es auch Kinder gab und gibt, die über Clown-Späße nicht lachen können oder gar vor Clowns Angst haben.
    Jedoch, eines wollen wir mal festhalten: Angst hin oder her, Clown Ferdinand und Oleg Popow waren definitiv KEINE Horror-Clowns.
    Damals war die Gesellschaft bei Weitem noch nicht so durchgeknallt wie heute!

    Eines der schönsten DDR-Rock Musikstücke, Neumis Rockzirkus, "Er ist Clown in einem Zirkus" http://www.dailymotion.com/video/x3cl8nf



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