In den Armen einer Insel

Auf seiner neuen Platte "Island Songs" hat Ólafur Arnalds nicht nur die spröde Schönheit seiner Heimat betörend eingefangen. Er skizziert auch auf sehr moderne Weise die alte Klangtradition Islands.

Mosfellsbær.

Wer sich heutzutage den Klanggenuss seiner Lieblinkskünstler immer noch in Form haptisch greifbarer Tonträger aus dem Schrank ziehen möchte, muss mitunter einige Leidensfähigkeit aufbringen: Oft wird digital vorabveröffentlicht, sodass man entweder lange auf das Hörerlebnis warten muss - oder einfach doppelt zahlt. Letzteres ist im Fall des isländischen Komponisten und Pianisten Ólafur Arnalds allerdings unumgänglich, denn seine neue EP "Island Songs" ist zu vorzüglich, um bis zur körperlichen Veröffentlichung als CD und Zehn-Zoll-Vinyl am 28. Oktober zu warten: Seit einigen Wochen lässt sich die Klangreise bereits in allen gängigen Online-Musikläden wie I-Tunes herunterlanden - ein Dualismus, der in gewisser Weise auch das Konzept der Platte widerspiegelt.

Sieben Wochen lang reiste Arnalds zu verschiedenen Orten seiner isländischen Heimat, um in je sieben Tagen zusammen mit eingesessenen Musikern ein Stück zu erarbeiten und aufzunehmen: In Leuchttürmen, Kapellen oder kleinen Dorfkirchen. Seine eigene, so unvergleichlich spannende wie beruhigende Ambientkompositionsweise dient dabei als eine Art weißes Blatt, auf dem Bläsertrios, Chöre, Rezitatoren, Streichensembles, Organisten, Hornisten oder Sänger ihre ganz eigene Kunst auftupfen dürfen. Das tun sie mal sehr traditionell, mal fast poppig, mal mit enormer Kunstfertigkeit, aber auch mit knorrigen Kanten. Die große Kunst von Ólafur Arnalds am Piano besteht dabei darin, sich auf diesen Input einerseits einzulassen, ihn andererseits aber in seine Stücke stimmig einzubetten - und es gelingt ihm, all seine Protagonisten auf seinen so betörenden Herzschlag herunterzudimmen. Das nimmt den Hörer so sanft und leise in den Arm, dass alles andere als Fallenlassen keine Option mehr ist - und ist doch so meilenweit weg von Beruhigungsmusik, weil es tief ist und direkt, vielsagend und farbenreich im kühlen Nebelgrau Islands. Arnalds holt sich mit dieser Platte unglaublich viele neue Impulse in sein zurückgenommenes Klangreich und schenkt seinen Hörern eine Herbstplatte, die den Sommer in keiner Sekunde vermissen lässt. Die ganze Aktion wurde aufwändig gefilmt und bereits im Internet in sieben Dokumentar-Videoclips zur Musik veröffentlicht, doch der wirkliche Charme der "Island Songs" liegt in der direkten Inhalation mit geschlossenen Augen.

www.islandsongs.is

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...