"In die Sterne abgereist"

Vor 100 Jahren wurde die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing geboren. Sie war umstritten - und bisweilen selbst depressiv.

London.

Lange bevor man sich anschickte, Doris Lessing in der Bundesrepublik zu entdecken, zählte sie in der englischsprachigen Welt längst zu den Stars der Prosakunst. Ihre in den 1950er-Jahren ins Deutsche übersetzten Texte blieben Ladenhüter. Erst 1978 nahm man sie hierzulande durch das "Goldene Notizbuch" wahr, erheblich verspätet, denn das Original erschien bereits 1962 in London. In den Feuilletons feierte man sie nun als "größte Schriftstellerin unserer Tage", "neue Jane Austen" und "heilige Johanna der Women's Liberation". Vor 100 Jahren, am 22. Oktober 1919, kam Lessing in Kermanschah in Persien, dem heutigen Iran, zur Welt.

2007 erhielt sie den Nobelpreis. In der Begründung der Stockholmer Akademie hieß es, Lessing sei eine "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Doch nicht alle gönnten ihr die Trophäe. Marcel Reich-Ranicki nannte die Entscheidung "bedauerlich", denn keines ihrer Bücher habe ihn "wirklich beeindruckt". Auch Sigrid Löffler meinte, es gäbe genug andere Schriftsteller, "deren Werk eingreifender, prägnanter und auch radikaler ist".

Seit ihrem Debüt mit dem Roman "Afrikanische Tragödie" ließ sich Doris Lessing, die als Tochter eine britischen Kolonialoffiziers geboren wurde, nicht mehr aus dem internationalen Literaturbetrieb wegdenken, zumal sie zu den produktivsten Autorinnen ihrer Zeit gehörte. Sie bezeichnete sich treffend als "schreibendes Tier" und verwies damit auf die gewaltige Energie, die sie in ihre Prosa investierte. Ungeachtet ihrer Erfolge galt sie als umstritten, weil sie eine Wende vom Realismus hin zur Esoterik vollzog. Kämpfte sie anfangs emsig für Feminismus, Rassengleichheit und Ökologie, so beschäftigte sie sich später bis zu ihrem Tod 2013 in London fast bloß noch mit Carl Gustav Jungs Archetypenlehre, dem islamischen Sufismus, Astrologie und Okkultismus. Gemäß eigenen Worten war die einstige Linke "in die Sterne abgereist, um die menschlichen Angelegenheiten von einer höheren Warte aus zu betrachten". Das Ergebnis zeigte sich in Gestalt fantastischer Geschichten wie "Die sirianischen Versuche" oder "Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8", in denen sie ihrem Modell der "inner space fiction", der Traumdichtung des Psychokosmos, frönte.

Was Doris Lessing zu Papier brachte, überzeugte in erster Linie durch Ehrlichkeit und Moralität, weniger durch Stilbrillanz. Diese Frau legte keinerlei Wert auf avantgardistische Kapriolen. Unumwunden räumte sie ein: "Ich mag es nicht, mich kompliziert auszudrücken. Ein Buch sollte für jedermann verständlich sein." Ihre Kollegin Florence Howe kommentierte diese Eigenart so: "Niemand wird Doris Lessing lesen, um die Technik eines guten Romans zu studieren oder ein gelungenes Kunstwerk zu bewundern. Nichts an ihrem Erzählwerk ist subtil. Sie formuliert nachlässig - bis in den Satzbau hinein - und überzieht ihre Effekte; sie predigt, statt etwas zu veranschaulichen; sie erzählt uns zu viel und zu oft das gleiche. Aber ehrlich gesagt - das alles macht mir nichts aus."

Auf die Frage, ob sie mit ihren Büchern etwas ausrichten könne, antwortete Doris Lessing skeptisch: "Wenn ich ehrlich bin, und diese Ehrlichkeit verletzt natürlich meine Eitelkeit: wenig." Und sie fügte hinzu: "Alles, was Literatur bewirkt, ist, dass sie die humanistischen Werte bestärkt - die Wertschätzung des Individuums." Durch Dichtung fühlte sie sich imstande, "das Leben anderer Menschen mit Mitgefühl zu betrachten". Das Mitleiden hatte freilich seinen Preis. In depressiven Stimmungen griff sie zum Alkohol und trank über Wochen. Angesichts der sich um sie herum abspielenden Dramen bekundete sie: "Manchmal komme ich mir vor wie in Blaubarts Burg. Überall Türen, die ich öffne, und hinter jeder verschlossenen Tür sitzt jemand mit zerrissener Seele."

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...