Insel im Ich

Auch das ist 11/9: The Cure schafft vorab in der Leipzig-Arena eine Alternativ-Klangwelt zur US-Wahl. Ihr Konzert war ein innerer Fluchtpunkt aus dunklem Balsam.

Leipzig.

Emigration? Mittwochfrüh, Twitter hatte einem gerade den schwarzen Morgenkaffee nochmal durch den Kopf gehen lassen, erschien der Gedanke plötzlich einem ganz neuen, warmen Licht. Nun kann man gerade trefflich über das Wohin grübeln, wenn Amerika so gar nicht mehr in Frage kommt. Doch 12.000 Sachsen dürften ob der Richtung keinen Zweifel haben: Dorthin zurück, wo sie in der Wahlnacht gewesen waren. Nach innen. Man wird sich hoffentlich erinnern: 11/9 hat The Cure in der Arena Leipzig gespielt. Gefangen genommen. In einer Drei-Stunden-Blase aus glückseliger Menschenfinsternis.

Die 1976 gegründete Gruppe um Aushängeschild Robert Smith gilt als der Prototyp einer Gothic- und Gruftband, auch wenn The Cure selbst diese Szene immer etwas fremd, weil viel zu eng war. Doch in Leipzig, der Stadt des Wave-Gotik-Treffens, muss man sie so einordnen. Auch, weil die Briten allein mühelos so viele Besucher anlocken wie sonst das ganze Festival: Niemand bezweifelt ernsthaft, dass The Cure die Arena nicht auch zweimal hätte ausverkaufen können.

Bleibt nur die Frage, was heute eigentlich ein "Gruftie" ist. Das Klischee? Davon ist, vor allem bei The Cure-Konzerten, kaum noch etwas zu bemerken. Vogelnest-Frisuren á la Robert Smith sind sehr selten im Publikum, aufgesetztes Abgrenzungs-Styling ebenso.

Das Dunkel? Ja. Aber es ist als Grundsatz der Welt eingedrungen in die Fugen des Lebens der Hörer, wurde assimiliert, umgeformt zu einer trotzigen Gelassenheit, einem tief sitzenden Eigenfrohsinn, der aus Gruftis heute Eltern macht oder Berufstätige mit zusätzlichem Lebenshalt. Szenemenschen, die ihre Szene nach innen getragen und dort ins Allerkleinste individualisiert haben, sie aber nicht mehr außen zeigen. In der Arena ergibt das eine genüsslich tonaufsaugende Hörermenge, die weit davon entfernt ist, sich retrospektiv von ihren Alt-Helden mit Erinnerung impfen zu lassen. Das hier ist Genuss, Loslassen. Und heute ist klar, wie politisch das ist: Ohne derlei unpolitische Inseln im Ich lässt sich doch überhaupt nicht mehr souverän umgehen mit dem politischen Jetzt. Und die Cure-Fans sind sehr souverän. Sie haben aber auch genug Ankerpunkte: Die Musik, die Smith mit seiner aktuellen Besetzung in gewohnter Zurückhaltung als sanfte Woge auftürmt, ist einfach zu zeitlos um zu altern.

Sicher, es gibt Hardcore-Fans, die sich an Einzelphrasen, der Programmrezeptur oder anderen nerdigen Details ergötzen. Doch im Wesentlichen ist das Cure-Set fast frei vom Sog einzelner Stücke, es wirkt eher wie eine Sinfonie, der immer wieder bekannte Themen entsteigen: "Plainsong", "Lullaby", "Prayers For Rain", "Love Song" geben noch am ehesten das Gefühl, dass das Jahrhundertwerk "Disintegration" von 1989 den roten Faden bildet. Dazwischen flackert gern Skurriles, die Oriental-Nummer "Piggy In The Mirror" vom eher seltsamen Album "The Top" etwa. Und natürlich blitzendes Altmaterial wie "A Forest", "Boys Don't Cry", "Close To Me". In den drei (!) opulenten Zugabenblöcken ist auch genug Platz für Gefälligkeiten wie "Friday I'm in Love". Doch das sind nur Wegmarken. Cure-Konzerte führen von jeher ein Eigenleben, und dieses wirkte besonders meditativ.

Wollte man Haare spalten, stellte man fest, dass die aktuelle Bandversion Geschmackssache ist: Reeves Gabrels ist ein Ausnahme-Gitarrist, der der Musik eine leicht sterile Eleganz beimengt, die Bassist Simon Gallup mit Garagen-Schnodder wieder auflockern muss. Man könnte da das gewisse chaotische Element früherer Feedback-Orgien vermissen - oder aber, man erfreut sich an einer neuen Facette, die Gabrels mit seinem feinsinnigen, kontrollierten Spiel einbringt. Mittwochfrüh war dann schnell klar: Plan B!

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