Interview mit Campino: Flamme in der Hand

Tote-Hosen-Sänger Campino über "Die Laune der Natur", seine Freundschaft zu Marteria, begrabene Feindschaften und mutlose Stars

Düsseldorf.

Viel ist passiert, seit Die Toten Hosen im Jahr 2012 mit "Ballast der Republik" eines ihrer kommerziell erfolgreichsten Alben veröffentlichten: Erst starb Anfang 2015 ihr Manager und langjähriger Förderer Jochen Hülders, ein Jahr später ihr ehemaliger Schlagzeuger und Freund Wolfgang "Wölli" Rohde. Auf dem am Freitag erscheinenden neuen Album "Laune der Natur" haben diese Schicksalsschläge markante, aber unprätentiöse Spuren hinterlassen. Warum das so ist, wollte Tim Hofmann von Sänger Campino genauer wissen.

Freie Presse: Ihre "Laune der Natur" ist, bei aller musikalischer Härte, inhaltlich recht nachdenklich, aber auch sehr offen, fast entspannt geraten. Nehmen Sie sich als Band jetzt ernster, aber nicht mehr so wichtig?

Campino: Ich würde mich freuen, wenn das so wäre, noch kann ich das aber gar nicht beurteilen. Wir waren so lang auf Tauchstation für das Album und haben an den Liedern gebastelt. und doch fühlt sich ein Abgabetermin immer an, als ob einem der Lehrer das Heft wegreißt. Alles, was ich wollte, ist, dass wir auf der CD nicht nur rumjammern. Tod und Loslassen waren in den letzten Jahren natürlich wesentliche Themen für uns. Aber ich finde es wichtig zu zeigen, dass man sich Lebensfreude bewahrt und dem Teufel auch mal ins Gesicht lachen kann. Wenn das durchschimmert, macht mich das glücklich.

Ein bisschen klingt die Platte wie eine Antwort auf Ihre 2015 von Philipp Oehmke verfasste Biografie "Am Anfang war der Lärm", die von einer verbissenen, oft von Wut getriebenen Suche der Band nach ihrem Selbst, ihrem Stand in Deutschland erzählt. Sind Sie angekommen?

Wut ist eine verdammt wichtige Emotion! Ich möchte aber kein Mensch sein, der das immer in sich trägt. Das wird schnell giftig. Deswegen haben wir schon immer versucht, das in Spielfreude umzuwandeln. Aber angekommen? Auf gar keinen Fall! Jede unserer Platten ist nur eine Momentaufnahme. Die fällt immer so aus, wie die Zeit gerade ist. Heute ist vieles komplex, ambivalent. In den 80ern war klar, wer der Feind ist, wofür der Staat stand. Heute ist die Bundesregierung die Institution, die versucht, das Gleichgewicht zu halten. Das ist nicht mehr nur der Feind, da hat sich viel verschoben. Jetzt richtet sich die Wut eher auf politische Extremisten.

Haben sie gelernt, Wut aus einer gewissen Entspannung heraus besser zu kanalisieren?

Das hoffe ich. Ich finde, dass uns Gelassenheit guttäte, würde aber eher sagen, dass mich in den letzten Jahren Verunsicherung geprägt hat. Ich gehöre ja nun nicht mehr zu den Jungen, bin aber auch noch nicht im Alter angekommen.

Das würden manche wohl "Midlife crisis" nennen ...

Das Leben spielt sich in Zyklen ab, und die erste große Verunsicherung dabei ist die Pubertät. Die hat mich stark geprägt, da bin ich zweimal in der Schule hängengeblieben und habe mich deshalb schon damals viel zu alt gefühlt. So gesehen hatte ich meine erste Midlife Crisis mit zwölf Jahren.

Dieses ständige Suchen - ist das nicht furchtbar anstrengend?

Ja. ( Pause - dann lacht er laut! )

Entspannt es Sie da, nicht nur das bekannte Campino-Bild abzugeben, sondern sich etwa von Marten Laciny alias Marteria, der auf der aktuellen Platte an einem Drittel der Texte mitgearbeitet hat, auch neue Seiten entlocken zu lassen?

Das mit Marten ist für mich eine totale Glücksbegegnung, auch wenn ich 20 Jahre älter bin als er. Ich wiederum habe auch Freunde, die 20 Jahre älter sind als ich. Das ist eine dieser Begegnungen, wie man sie ganz selten im Leben hat. Ich spürte sofort eine Seelenverwandtschaft, aus der mittlerweile eine tiefe Freundschaft geworden ist. Wir fahren manchmal zusammen in die Ferien, spielen mit unseren Kids Fußball, teilen unheimlich viele Sachen miteinander.

Hat er die Lust an der feinsinnigen Formulierung geweckt, die man auf "Laune der Natur" so häufig heraushören kann?

Ich weiß gar nicht, ob ihm das so im Detail klar ist, aber er hat eine unheimliche Art, in mir das Feuer zu entfachen. Manchmal schreiben wir zusammen, manchmal lese ich ihm auch einfach Sachen vor. Das mache ich zwar auch bei einigen anderen Freunden, die können dann aber nur sagen, ob sich das für sie gut oder nicht so gut anhört. Marten ist da weiter, der beginnt sofort, mit der Dramaturgie des Textes zu arbeiten. Manchmal läuft das aber auch wie ein Pingpong-Spiel, da ist null Ego im Raum, und wir hauen uns wie zwei Schuljungs die Sätze um die Ohren. Da geht es nur um die beste Formulierung und manchmal ist auch viel Albernheit dabei. Sätze wie "im Ferrari auf dem Jacobsweg" sind keine Metapher, das stellen wir uns in dem Moment tatsächlich bildlich vor und lachen eine Viertelstunde darüber. Ich habe von Marten wieder gelernt, dass bei der härtesten Arbeit unbedingt auch der Spaß dazugehört. Und: Wir geben uns erst zufrieden, wenn alles passt. "Ist okay" gibt es nicht, wir hören erst auf, wenn wir sagen: " Das ist top!"

Ist auf dem Album deshalb statt eines eventuell erwartbaren Anti-AfD-Songs mit "Pop & Politik" ein eher launig-ironisches Stück über Anfeindungen gegen engagierte Künstler?

Kein Mensch braucht das zwölfte Anti-Nazi-Lied der Hosen, wenn es keinen neuen Aspekt bietet. Für "Pop & Politik" haben wir die Vorwürfe gesammelt, die gegen uns und unseresgleichen gern erhoben werden. Ich beobachte nämlich gerade, dass viele Bands Angst haben, sich zu positionieren. Es gibt da mittlerweile einen Höllenrespekt vor Mobbing oder Shitstorms. Man scheut sich, Angriffsfläche zu bieten. Das finde ich schade. Ich gehöre zu einer Generation, der es nicht gereicht hat, einen guten Song zu hören. Ich musste immer auch den Künstler dahinter akzeptieren können. Ein Lied mag noch so gut sein - wenn ein Idiot es singt, will ich es nicht hören!

Aber am Argument, dass man den Mund halten sollte, wenn man von etwas nichts versteht, ist doch was dran? Viele Künstler äußern sich ja sehr wohl politisch - da ist aber ja auch viel phrasenhafter Unsinn dabei ...

Ich denke da positiv und finde, es ist die Intention, die zählt. Mag ja sein, dass sich da nicht immer alle besonders geschickt ausdrücken können. Aber nur, wenn jemand den Mund aufmacht, kann man seinem Anliegen Gehör verleihen. Man denke nur an die lässige Reaktion von Jérôme Boateng auf die Aussage von Gauland, niemand wolle so einen als Nachbar haben. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er sich dazu äußert, aber da dachte ich, er hat genau richtig reagiert. Jeder muss das für sich abwägen. Ich werde häufig in politische Talkshows eingeladen. Meist sage ich diese aber ab, wenn ich finde, dass ich nicht wirklich etwas beitragen kann.

Ist die Unterhaltungsbranche wirklich so mutlos geworden?

Ein Beispiel: Als die Flüchtlingssituation besonders kritisch war, gab es mitten in Wien ein großes Festival zur Unterstützung der Regierungsentscheidung, die Leute ins Land zu lassen. Ein "Wir schaffen das" für Österreich sozusagen. Es nannte sich "Voices For Refugees" und war ein großer Erfolg. Auch in Deutschland wurde hinter den Kulissen versucht, eine solche Kundgebung zu veranstalten, mit vielen bekannten Stars. Ein paar Künstler haben zaghaft zugesagt, doch die allermeisten sind abgesprungen, man konnte sich nicht einigen und das Projekt scheiterte. In den 80ern war das politische Bewusstsein viel ausgeprägter, da konnte man für eine Sache jederzeit Künstler verschiedener Genres zusammentrommeln. Das findest du heute nicht mehr. Vielen ist ihr Ruf wichtiger, als sich mal für eine Sache in den Regen zu stellen.

Sind Sie enttäuscht, weil Sie spüren, dass man mit Popsongs wohl doch nicht so viel bewegen kann, wie in den 80ern angenommen wurde?

Nein, denn man kann mit Liedern für große Erregung sorgen. Immer noch! Jeder, der einen Text macht, hat eine Flamme in der Hand. Das muss jedem, der das macht, bewusst sein. Verantwortung ist dafür vielleicht ein etwas zu großes Wort, aber alles, was du in die Welt rausschickst, hinterlässt auch eine gewisse Wirkung!

Campino

Der Sänger der Toten Hosen wurde am 22. Juni 1962 in Düsseldorf als Andreas Frege geboren, bekam in der Schule aber seinen anhänglichen Spitznamen nach einer Schlacht mit den bekannten Fruchtbonbons.

www.dietotenhosen.de

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8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    3
    1953866
    05.05.2017

    @Blacky, ich bin nicht erst seit heute erstaunt über Ihr fundamentales AfD-Wissen. Und das Zitat von Meuthen scheint ja im Wesentlichen mit Ihrer Meinung überein zu stimmen.
    Davon abgesehen: ich weiß nicht ob und wie Sarah Wagenknecht auf "stalinistische Gulag Schl..." reagieren würde.
    Aber die Damen Künast:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/renate-kuenast-strafanzeige-nach-erfundenem-freiburg-zitat-auf-facebook-a-1125240.html
    und Roth:
    http://www.focus.de/politik/deutschland/prozess-in-bruehl-angeklagter-nennt-claudia-roth-ekelhaft-und-hat-eigenwillige-erklaerung_id_5859811.html
    würden sehr wahrscheinlich den Staatsanwalt bemühen, wenn sie als" links-grün-versiffte Schl.." oder ähnlich, noch dazu im TV, bezeichnet würden.
    @Hankmann, gute Satire hat nichts mit "nett und freundlich" zu tun. Die Satiriker vor 20 und mehr Jahren, ich denke da auch an Herkuleskeule oder Pfeffermühle aus DDR-Zeiten konnten noch spitze Satire, ohne dabei konkrete Personen zu diffamieren und zu beleidigen. DAS ist die hohe Kunst der Satire!

  • 5
    1
    Hankman
    05.05.2017

    @1953866: Danke für die Definition. ;-) Ja, ich glaube, auch Ehring hat etwas (für bestimmte Leute) politisch Unbequemes beim Namen genannt. Nun bin ich auf Ihre Definition von "guter Satire" gespannt. Ich glaube, da hat jeder seine Vorlieben. Aber noch mal: Wenn Satire nicht auch mal wehtut, ist es keine. Wenn man nur Satire "gut" findet, die dem eigenen politischen Geschmack schmeichelt, hat man diese Art Humor nicht begriffen. Nein, Satire muss nicht "korrekt" sein, schon gar nicht nett und freundlich!!! Aber: Satire muss man als solche erkennbar machen, das ist unabdingbar. Im Übrigen hatte der olle Tucholsky schon Recht: "Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird."

  • 5
    2
    1953866
    05.05.2017

    @Hankman, Ende der politischen Korrektheit (PC genannt) heißt politisch unbequeme Dinge beim Namen zu nennen und nicht zu verschweigen oder zu beschönigen. Heute früh kam im (Privat)-TV ein interessantes Interview mit Buschowsky. Der Mann sollte auch Ihnen ein Begriff sein. Politische Unkorrektheit hat aber nichts mit Verleumdungen und Beleidigungen zu tun und mit guter (!) Satire schon gar nichts!

  • 6
    7
    Blackadder
    05.05.2017

    @1952866: Ja, ich habe extra3 gesehen. Vorallem habe ich auch den Kontext gesehen. Und der bestand in einer Rede Frau Weidels vom AfD parteitag, in der forderte: "political correctness auf den Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen"- Herr Ehring hat sie dann beim Wort genommen und genau DAS getan. Ob das nun Satire ist oder nicht, kann nicht ich entscheiden. Nur dazu noch ein Zitat von Herrn Meuthen aus dem fall Erdogan/Böhmermann:

    "Satire, so fragwürdig sie auch sein mag, zur Strafverfolgung freizugeben, ist ein Anschlag auf die Freiheit, die Europa so auszeichnet."

    Aber das gilt eben nur, wenn NICHT die AfD Ziel dieser Satire ist, nicht wahr?

  • 10
    6
    Hankman
    05.05.2017

    @1953866: Jo, Satire ist manchmal mächtig böse. Mir gefällt auch nicht alles. Nicht mal bei Böhmermann und Ehring. Zu dem Begriff "Nazischlampe" gab es aber einen Kontext, den man mitdenken muss. Ehring hat sich über Weidels Parteitagsrede lustig gemacht (bei der es mir stellenweise eiskalt den Rücken runterlief, wie ich gestehen muss - denn der Tonfall erinnerte mich an sehr lange zurückliegende Zeiten ...). Weidel forderte unter anderem ein "Ende der politischen Korrektheit". Kann sie haben, hat sich Ehring wohl gedacht, und sie politisch inkorrekt beschimpft. Das ist halt Satire. Wenn sie nicht ab und an auch bissl wehtut, ist es nur Comedy.

  • 7
    5
    1953866
    05.05.2017

    @Blacky, wenn Sie die Satire Böhmermann, als relevant für dieses Land ansehen, dann gefällt Ihnen sicherlich auch Herr Christian Ehring von "extra 3", der rein satirisch natürlich, die neue Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, als "Nazi-Schlampe" bezeichnete:
    http://www.focus.de/kultur/videos/christian-ehring-afd-will-moderator-verklagen_id_7060148.html

    Tut mir leid, da hört bei mir der Spaß auf. Und dann wollen die ÖR`s demnächst noch eine höhere "Demokratieabgabe"!
    http://www.n-tv.de/politik/Rundfunkbeitrag-wird-wohl-langfristig-steigen-article17459851.html

    Einen Kommentar dazu verkneife ich mir.

  • 6
    8
    Blackadder
    05.05.2017

    Wer beim Echo auftritt, der von Reichsbürgerversteher Naidoo moderiert wird, und sich dann darüber aufregt, dass jemand mal die ganze Wohlfühl-Schlagersülze auf den Arm nimmt, dem kann man nicht mehr so richtig glauben, liebe Campino. Und ja, Herr Böhmermann IST relevant und macht für dieses Land relevante Satire. Gerade heute hat er wieder was schönes rausgehauen in Richtung Söhne Mannheims. Und genau die richtigen heulen rum.

  • 6
    1
    Freigeist14
    05.05.2017

    Der Berufsjugendliche Campino braucht sich doch nicht über die mangelnde oder fehlende Positionierung der Nachwuchs-Gute Laune-Musiker beschweren.Er geht doch mit guten Beispiel voran.
    Außerdem fühlte er sich auf den Schlips getreten,als Jan Böhmermann sein neues "Band for Africa"-Projekt als Besserfühlmasche entlarvte.



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