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Interview zum Kunstmarkt: Was die zweite Versteigerung der Brücke-Bilder bedeutet

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Nicola Gräfin Keglevich vom Auktionshaus Ketterer in München über die Kunst Schmidt-Rottluffs, die Sammlung Hermann Gerlingers, gigantische Preise und Überraschungen.

Sammlung Gerlinger.

Es war eine der spektakulärsten Nachrichten in der deutschen Kunstwelt dieses Jahres: Der Würzburger Unternehmer Hermann Gerlinger lässt seine Sammlung der Brücke-Kunst vom Auktionshaus Ketterer-Kunst in München versteigern, darunter Werke des Chemnitzer Malers Karl Schmidt-Rottluff. Gerlinger hatte seine Sammlung Museen ausgeliehen; mit der Versteigerung, so die Sorge dieser Häuser, würde bedeutende Kunst nun an neue Privatsammler gehen und so vielleicht für immer aus der Öffentlichkeit verschwinden. Im Juni fand die erste Auktion statt, nun steht die zweite bevor, bei der etwa das Bild "Rote Düne" von Schmidt-Rottluff mit einer Schätzung von 800.000 Euro angesetzt ist. Mit Nicola Gräfin Keglevich, Senior Direktorin bei Ketterer-Kunst, hat sich Katharina Leuoth unterhalten.

Freie Presse: Gräfin Keglevich, Sie sind nicht nur Auktionsexpertin, sondern auch Kunsthistorikerin - blutet Ihnen da nicht das Herz, wenn, wie im Juni, die ersten Gemälde der Sammlung Gerlinger an neue Privatbesitzer gehen und vielleicht nie wieder öffentlich zu sehen sind?

Nicola Gräfin Keglevich: Sie haben recht, ich bin auch Kunsthistorikerin und habe viele Praktika in Museen wie dem Louvre in Paris absolviert. Aber ich habe mich beruflich für den Handel entschieden. Denn was ist das Problem der Museen? Ihre Depots sind randvoll, viele Kunstwerke können aus Platzgründen gar nicht ausgestellt werden und sind somit der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es ist auch eine Mär, dass Werke in Privatbesitz aus dem öffentlichen Blick verschwinden. Wir als Auktionshaus sind oft Mittler, wenn Museen bei Privatsammlern um Leihgaben für Ausstellungen bitten. Ich habe da von Privatsammlern nur sehr selten ein Nein gehört.

Freie Presse: Was ist das Besondere der Gerlinger-Sammlung?

Nicola Gräfin Keglevich: Sie ist ein über 1000 Arbeiten und Schriftstücke umfassendes Zeitdokument der Brücke, einer der bedeutendsten Künstlergruppen, die der Klassischen Moderne ab 1905 den Weg bereitete. Die Sammlung beinhaltet nicht nur Gemälde, sondern beispielsweise auch Grafiken, Mitgliederausweise, Ausstellungsprogramme und Einladungskarten. Professor Gerlinger hat diese Sammlung mit Experten wissenschaftlich aufgearbeitet und viel dazu publiziert. Dieses Wissen bleibt uns für immer erhalten.

Freie Presse: Welcher der vier Begründer der Brücke war der Bedeutendste - Kirchner, Schmidt-Rottluff, Heckel oder Bleyl?

Nicola Gräfin Keglevich: Das ist eine schwierige Frage! Ich denke, die vier Gründer waren zu Beginn an sich gleichbedeutend, aber die beiden Autodidakten mit Chemnitzer Wurzeln, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff, stechen besonders hervor. Ihre Beurteilung innerhalb der Kunstgeschichte beruht nicht nur auf der Zeit der Brücke von 1905 bis 1913, sondern auch auf ihrer Schaffenszeit danach. Kirchner zum Beispiel war sehr charismatisch. Er überarbeitete immer wieder Gemälde und datierte sie vor, um seine kunsthistorische Position anders zu akzentuieren. Er wollte damit dokumentieren, dass er Ideen vor anderen Künstlern hatte. Am längsten gelebt und gewirkt hat Karl Schmidt-Rottluff.

Freie Presse: Gerlinger hatte seine Sammlung als Leihgabe etwa dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle und zuletzt dem Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See zur Verfügung gestellt. Können Sie die Kritik der Museen an der Auktion verstehen und die damit verbundene Sorge, dass eben genau diese bisher sehr wohl sichtbaren Bilder nun aus der Öffentlichkeit verschwinden?

Nicola Gräfin Keglevich: Dass eine endgültige Übergabe der Sammlung an ein Museum nicht geklappt hat, bedauern die Museen wie auch Professor Gerlinger. Fakt ist, dass Professor Gerlinger einen großen kunsthistorischen Sachverstand hat und wohl unter anderem forderte, dass weiter an der Sammlung geforscht wird. Über Genaueres müssen Sie aber die Museen selbst fragen.

Freie Presse: Das habe ich gemacht. Es heißt, dass Herr Gerlinger Bedingungen für das Ausstellen der Sammlung gestellt hat, die Museen nicht immer erfüllen können.

Nicola Gräfin Keglevich: Das bestätigt ja nur meine Antwort. Es ist ja auch nicht einfach. Professor Gerlinger hat seine Sammlung mit viel Herzblut über Jahrzehnte aufgebaut. Jetzt ist er über 90 Jahre alt, er wollte zu Lebzeiten eine Lösung für den Verbleib seiner Sammlung finden und hat sich letztlich für die Auktion entschieden und dafür, dass der Erlös wohltätigen Zwecken zugute kommt. Er freut sich jetzt, dass nun auch junge Sammler die Gelegenheit haben, Bilder der Brücke zu kaufen, die es bisher auf dem Markt kaum mehr gab. Wir haben das bereits bei der ersten Auktion im Juni gemerkt: Junge Sammler fühlen sich heute noch von der hochmodernen Malweise der Brücke angesprochen. Gerade von den klaren und reduzierten Linien.

Freie Presse: Wie jung sind denn junge Sammler, und auf welchen Kontinenten ist das Interesse an der Brücke-Kunst am größten?

Nicola Gräfin Keglevich: Junge Sammler sind unter 35 Jahre alt. Aber wenn es um höherpreisige Kunst geht und man nicht gerade aus einem sehr vermögenden Elternhaus kommt, dann sind junge Sammler Mitte 40, haben meist schon Karriere gemacht, ein Haus gekauft, eine Familie gegründet und wollen sich nun mit anderen schönen Dingen des Lebens beschäftigen. Das Hauptinteresse kommt aus Europa und den USA, da ist man mit der Brücke-Kunst vertraut. Dort nehmen wir auch seitens der Museen Interesse wahr.

Freie Presse: Inwiefern? Museen in Deutschland betonen immer wieder, dass sie nur ein sehr kleines Ankaufsbudget haben und bei Auktionen nicht mithalten können.

Nicola Gräfin Keglevich: Museen in den USA arbeiten anders und sind völlig anders aufgestellt. Dort werden sie viel stärker privat finanziert und von reichen Mäzenen gefördert. Sie sind aber auch flexibler. In Deutschland gilt in aller Regel: Was sich einmal im Depot angesammelt hat, bleibt dort. Wenn man in den USA in einem Museumsdepot beispielsweise drei ähnliche Werke von Gerhard Richter hat, ist man dort auch bereit, eines davon zu verkaufen, um mit dem Geld Lücken in anderen Sammlungen des Museums zu schließen. Das Interesse an der Brücke-Kunst im englischsprachigen Raum ist so groß, dass wir erstmals unsere Auktionskataloge auch in englischer Sprache gedruckt haben, vorher haben wir nur online auf Englisch kommuniziert.

Freie Presse: Was bedeutet es für Kunstwerke, wenn sie nach Jahrzehnten wieder auf den Markt kommen?

Nicola Gräfin Keglevich: Es ist großartig! Natürlich auch für die Sammler. Man macht sich ja keine Vorstellung davon, wie sie über Jahrzehnte versuchen, ihre Sammlungen zu komplettieren. Jetzt gibt es wieder eine Chance für sie. Aber es ist auch für die Kunstwerke gut. Sie werden aktuell bewertet, sie haben einen Preis. Wenn alle Top-Werke nur in Museen aufbewahrt und nicht mehr gehandelt werden würden, gäbe es auch keine Bewertungen mehr, keine aktuellen Preise. Wenn wir nicht mehr wüssten, dass der Monet an der Wand 110 Millionen Dollar wert ist, was jeder gigantisch und spektakulär findet, wäre das Interesse an der Kunst anders. Preise haben den Menschen schon immer fasziniert.

Freie Presse: Aber es gehen ja nun auch viele Menschen in Museen, die sich Kunst gerade nicht kaufen können und für die der Preis egal ist.

Nicola Gräfin Keglevich: Sagen wir so: Museen brauchen beide Arten von Besucher - die, die an sich gern ins Museum gehen, aber auch die Experten, die Sammler, die auch immer verfolgen, wo und wie Kunstwerke ausgestellt werden, die sie vielleicht selbst gern in der eigenen Sammlung hätten.

Freie Presse: Wie werden denn die Schätzpreise auf Auktionen festgelegt, etwa die 800.000 Euro für die "Rote Düne" von Karl Schmidt-Rottluff, das jetzt am 9. Dezember mit versteigert werden soll?

Nicola Gräfin Keglevich: Es gibt immer eine untere und eine obere Schätzung, die zeigt, wo sich unserer Ansicht nach das Interesse hinbewegen wird. Dabei orientieren wir uns an der Bedeutung des Künstlers und der Bedeutung des Werks, in welchem Zustand es ist, ist er hervorragend oder musste bereits viel restauriert werden. Der Wert steigt auch, wenn das Werk in vielen namhaften Museen ausgestellt wurde, ebenso, wenn es eine ausgezeichnete Sammlerhistorie hat. Es gibt ja Sammler, die haben sich aufgrund ihres guten Auges selbst einen Namen gemacht, wer aus solchen Sammlungen ein Bild ersteigert, wertet mit dem guten Sammlernamen quasi das eigene Auge auf. "Rote Düne" von Karl Schmidt-Rottluff gilt als eines seiner Meisterwerke, die Qualität des Bildes ist außergewöhnlich, bereits kurz nach seiner Entstehung wurde es schon im renommierten Folkwang-Museum in Essen gezeigt. Zudem sind Aktbilder aus dieser Zeit heute generell gefragt. Das alles zusammen führt zu dem Schätzpreis.

Freie Presse: Ketterer-Kunst hat mitgeteilt, dass der deutsche Kunstmarkt derzeit generell einen Boom wie seit fast 100 Jahren nicht erlebt - wie ist das in Zeiten von Krieg, Krisen und Inflation möglich?

Nicola Gräfin Keglevich: Der Kunstmarkt gilt als wertstabil, deshalb legen viele Menschen ihr Geld gern in Kunst an. Zudem ist der Kunstmarkt viel globaler, ist also die Zahl der Sammler viel größer geworden. Vor allem gibt es viele Asiaten, die sich für den europäischen Kunstmarkt interessieren. Zudem profitiert der deutsche Auktionsmarkt vom Brexit: Viele europäische Käufer und Verkäufer finden den Handel in der eigenen Währung attraktiver und gehen deshalb nicht mehr nach Großbritannien. Auch große Auktionen wie die der Gerlinger-Sammlung bringen großes Interesse, das sehen wir aber auch bei anderer Kunst, die wir versteigern, etwa bei Bildern von Baselitz, Richter, Keith Haring und Warhol.

Freie Presse: Die Gerlinger-Sammlung soll in verschiedenen Phasen bis zum Jahr 2024 versteigert werden. Überlegt Herr Gerlinger, das eine oder andere Bild doch zu behalten? Es gibt ja auch emotional ganz wichtige Stücke für ihn, darunter den Holzschnitt "Melancholie" von Schmidt-Rottluff, mit dem seine Sammelleidenschaft offenbar begann, und das Gemälde "Du und Ich" von 1919, ebenfalls von Schmidt-Rottluff, das den Maler mit seiner Frau Emy zeigt. Wissen Sie, wann diese Bilder zur Auktion kommen?

Nicola Gräfin Keglevich: Die "Melancholie" wird 2023 in die Auktion kommen. Aber bei "Du und Ich" gibt es tatsächlich eine Überraschung. Das Bild ist ein Hochzeitsgeschenk Schmidt-Rottluffs an seine Frau Emy gewesen. Es ist also ein sehr persönliches Zeitdokument und ein sehr faszinierendes Bild. Schmidt-Rottluffs wollten es auch nicht verkaufen. Doch 1975, kurz vor dem Ende seines Lebens, hat Schmidt-Rottluff das Bild doch an Professor Gerlinger - die beiden hatten eine Freundschaft entwickelt - verkauft. Und: Professor Gerlinger wird sich von diesem Bild tatsächlich nicht trennen. Es kommt nicht in die Auktion. Das ist schon eine tolle Geschichte!

Freie Presse: Warum sind Sie eigentlich von einem der international führenden Konzerne in der Auktionsbranche, Sotheby's, zum deutschen Familienunternehmen Ketterer-Kunst gewechselt?

Nicola Gräfin Keglevich: Ketterer ist das führende Auktionshaus in Deutschland, und es ist wunderbar, hier auch unternehmerisch mitentscheiden zu können, wie das Haus weiterwachsen wird.

Freie Presse: Sammeln Sie selbst Kunst?

Nicola Gräfin Keglevich: (lacht) Ich kaufe gelegentlich ein Kunstwerk, aber ich habe noch kein Lager.

Freie Presse: Haben Sie einen Lieblingskünstler?

Nicola Gräfin Keglevich: Nein. Ich bin breit aufgestellt, ich liebe die Alten Meister, die Klassische Moderne, aber genauso zeitgenössische Kunst. Letztere ist ungemein spannend. Es ist wichtig, dass wir nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern auch im Hier und Jetzt leben und auch ein bisschen in die Zukunft schauen. Was wir oft vergessen: Was für uns heute die allseits beliebten Klassiker sind, war zur Entstehungszeit auch zeitgenössisch. Aber für vieles, mit dem ich mich noch gern privat umgeben würde, fehlt mir das Geld. Deswegen gehe auch ich oft und gern in Kunstmuseen. Das haben uns schon die Eltern vorgelebt. 

 

Zur Person: Nicola Gräfin Keglevich

In München und Florenz studierte Nicola Gräfin Keglevich Kunstgeschichte und war zunächst für Gurr Johns tätig, eine britische Firma für Kunstberatung und -bewertung. 2006 ging sie zu Sotheby's, einem der weltweit führenden Auktionshäuser mit britischen Wurzeln. Seit 2016 leitete sie das Sotheby's-Büro in München. Sie initiierte auch den "Young Collectors Circle", um junge Menschen an Kunst heranzuführen. Seit 2021 gehört sie zum Führungsteam des deutschen Auktionshauses Ketterer-Kunst in München.  » kettererkunst.de

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