Jan Böhmermann über Erdogan und den Hass im Netz

TV-Moderator Jan Böhmermann gilt als Satire-Talent. Will man mit ihm über Gott und die Welt reden, landet man meistens auch bei der Politik. Und bei einem ganz bestimmten Präsidenten.

München (dpa) - Jan Böhmermann hat sich unter die Gründer-Szene gemischt. Als Redner beim Münchner Start-up-Festivals Bits & Pretzels zeigte sich der Satiriker und Showmaster am Sonntag von seiner besten Seite. Wie in seiner Sendung «Neo Magazin Royale» schoss er munter gegen Politiker und Prominente.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der 37-Jährige über seine Rolle im TV, die Zukunft seiner Sendung und den Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Erdogan, den er 2016 mit seinem «Schmähgedicht» mehr als verärgert hatte.

Frage: Jan Böhmermann und Start-ups: Was hat das miteinander zu tun?

Antwort: Absolut überhaupt nichts – und das ist die Herausforderung. In Zeiten, in denen wir aufeinander zugehen müssen, muss man Gräben überwinden. In der Welt der Gewinnmaximierung zählt die schwarze Null. Und in meiner Welt schaut man auf andere Dinge. Mein Auftritt hier ist also, Welten zusammen zu kriegen. Wir müssen aufeinander zugehen. Wir können nicht mehr in unseren Bubbles abhängen.

Frage: Was macht Ihre Bubble (Filterblase) aus?

Antwort: Ungeselliges Rumgeklicke.

Frage: Vor allem auf Twitter? Da haben Sie ja mit Ihren rund zwei Millionen Follower doppelt so viele wie Regierungssprecher Steffen Seibert.

Antwort: Nur zweimal so viele?

Frage: Wie ist Ihr Umgang mit Hass im Netz?

Antwort: Hass ist ein Zeichen für Treffer, dann bewegen sich Dinge. Man soll das aber nicht zum Maßstab machen. Ich empfinde es nicht als belästigend. Das gehört dazu. Ich kann nicht von jedem erwarten, dass er geil findet, was ich mache. Ich finde ja auch nicht alles super.

Frage: Sie lesen manche Hass-Kommentare auch in Ihrer Sendung vor. Waren manche Mails auch strafrechtlich relevant?

Antwort: Strafrechtlich relevant war einiges. Aber wen willst du da anzeigen? Das Internet? Frage: Lassen Sie uns über Politik reden. Der türkische Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war gerade in Deutschland zu besuch. Haben Sie den Besuch mitverfolgt?

Antwort: Ich habe ihn verfolgt – wer nicht? Frage: Und hat der Besuch Sie in irgendeiner Art bewegt?

Antwort: Nein. Für mich ist er ja wirklich ein alter Bekannter. Ich muss ihn nicht persönlich kennenlernen, ich muss nicht in seiner Nähe sein, wenn er auf Staatsbesuch in Deutschland ist. Erdogan in der Bundesrepublik Deutschland ist so ein kleines bisschen wie ich bei Bits & Pretzels. Frage: Im «Neo Magazin Royale» moderieren Sie nicht nur. Zum Beispiel bei der Aktion «Reconquista Internet» haben Sie in kurzer Zeit Zehntausende Menschen im Netz gegen rechte Hetze mobilisiert. Sind Sie jetzt Aktivist? Antwort: Als Komiker, als Spaßvogel, als unseriöse öffentliche Person bin ich vom Aktivismus genau gleich weit entfernt, wie von Journalismus. Das ist eine Rolle, die ich nicht ausfüllen will und kann. Ich glaube, dass mein Job klar aktivistische Elemente hat. Aber meine Sachen sind unfertige Gedankenentwürfe. Nicht mit dem Anspruch nach draußen gehauen, dass das Wahrheiten sind.

Frage: Stoff für Ihre Sendung kam in der Vergangenheit ja oft aus dem Ausland. Stichwort Donald Trump. Jetzt scheint Deutschland mit seinen Koalitionskrisen und diversen Personalien zu dominieren.

Antwort: Dass die einheimischen politischen Verhältnisse allmählich so komödiantisch auswertbar werden wie internationale, war immer schon so. Ich bin gerade dabei so eine politisch-mathematische Textaufgabe zu lösen: Wenn Horst Seehofer verantwortlich ist für Hans-Georg Maaßen und Angela Merkel verantwortlich ist für Horst Seehofer - wen kann man dann zur Verantwortung ziehen? Wo muss man dann anfangen? Das ist so die komödiantische Fragestellung der nächsten zwei Monate. Frage: Hätten Sie denn eine der genannten Personen gerne in Ihrer Sendung?

Antwort: Alle. Wir sind eine inklusive Sendung, wir laden jeden ein.

Frage: Und Ihr absoluter Wunschkandidat?

Antwort: Michael Jackson.

Frage: Ihre Sendung läuft außerhalb der Primetime im ZDF und bei ZDFneo. Selbst haben Sie sich mal als Alternativ-Showmaster bezeichnet. Wo soll die Reise künftig hingehen?

Antwort: Der Programmort ist fantastisch. Ich bin happy beim ZDF, es ist genau die richtige Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Beidseitig. Kein Grund an unserer Partnerschaft zu rütteln. Außer jemand bietet mir eine bessere Partnerschaft an.

Frage: Oder einen besseren Sendeplatz?

Antwort: Lineare Sendeplätze sind ein Konzept von 1999. Das ist irrelevant. Unsere Sendung ist eine Hybrid-Sendung. Wir stehen mit einem Bein im Digitalen und mit einem im Linearen. Aus dem Gesamtding ergibt sich unsere Reichweite. Das ist das Besondere. Ich glaube wir sind genau da richtig, wo wir sind.

Frage: Und wie geht es nächstes Jahr weiter?

Antwort: Ich bin mit meinem Tanzorchester unterwegs, das wird eine richtig große Tour. Da freue ich mich drauf, weil das was ganz anderes ist.

ZUR PERSON: Jan Böhmermann ist vor allem bekannt für seine Sendung «Neo Magazin Royale» (ZDF/ZDFneo), die einmal die Woche läuft. Sein «Schmähgedicht» über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat 2016 die sogenannte Böhmermann-Affäre ausgelöst. Die türkische Regierung hatte rechtliche Konsequenzen gefordert.

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