Jan Vogler: "Die Zutaten haben alle gestimmt"

Der Cellist über sein Moritzburg Festival für Kammermusik, dessen Anfänge und was es bis heute von anderen Festivals unterscheidet

Moritzburg.

An diesem Wochenende geht die 26. Auflage des Moritzburg Festivals für Kammermusik zu Ende. Vor 25 Jahren hatten der Dresdner Cellist Jan Vogler und einige musikbegeisterte Mitstreiter es aus der Taufe gehoben und zu einer renommierten Adresse der Kammermusik auf höchstem künstlerischen Niveau gemacht. Dabei hat sich Vogler stets nicht nur organisatorisch, sondern auch als Musiker eingebracht. Torsten Kohlschein hat sich mit Jan Vogler unterhalten.

Freie Presse: Herr Vogler, was war 1993 das auslösende Moment zu sagen: Wir machen unser eigenes Kammermusikfestival?

Jan Vogler: Es gab zwei starke Impulse. Erstens den typischen Nachwende-Impuls, etwas gründen zu wollen. Das waren Gründerzeiten, die eigentlich gar nicht so vehement ausgenutzt wurden wie man es hätte tun können. Wir haben alle möglichen Ideen in einem Freundeskreis diskutiert. Der umfasste dann meinen Bruder Kai und meinen Kollegen Peter Bruns sowie einige andere - darunter auch Mira Wang, mit der ich damals noch nicht verheiratet war. Zweitens interessierte uns ein Festival am meisten. Warum? - Ich war vor der Wende, 1988, zum ersten Mal beim Marlboro Music Festival, vielleicht nicht das bekannteste, aber das qualitativ bedeutendste Kammermusikfestival der Welt mit Sitz im US-Bundesstaat Vermont. Da hatte ich gesehen, wie schön es ist, sich in der Natur im Sommer in schöner Umgebung mit Kammermusik zu beschäftigen. Und das Publikum liebt es auch. Diese beiden Impulse kamen zusammen, derlei hier zu etablieren.

Wer hatte die Idee, nach Moritzburg zu gehen?

Das war Peter Bruns. Der meinte, das Schloss mit den dicken Türmen sei ein schönes Symbol für das Festival.

Aber in Moritzburg hat man ja nicht auf Sie gewartet ...

Die Schlossdirektorin, Ingrid Möbius, die auch heute noch da ist, hat uns unterstützt. Die hat gespürt, die drei Jungs, die meinen das ernst! Wir wussten zwar vielleicht nicht immer, was wir tun, aber wir haben es ernst gemeint. Wir haben anfangs alles selbst gemacht, die Podeste an der Semperoper geliehen, sie hierher gekarrt und im Schloss aufgestellt, Stühle geschleppt, und wir haben alle ehrenamtlich gearbeitet. Auch die Musiker haben anfangs keine Gage bekommen. Das ging, glaube ich, bis 1998, 1999. Wir haben zu den Musikern gesagt: Kommt, habt Spaß, wir spielen Kammermusik, wir haben viel Freude, und die Kosten haben wir irgendwie aus Sponsorenmitteln und Eintrittsgeldern aufgebracht.

Ab wann wussten Sie, dass das läuft? Dass das Festival keine Eintagsfliege ist?

Das ging ziemlich schnell. Mein Vorteil vom Marlboro-Festival her war, dass ich die besten jungen Musiker kannte. Leute, die spontan waren, weil sie wie wir selbst noch nicht so von der Karriere her festgelegt waren. "Toll, der kommt auch? Die und die Stücke? Ja, die wollen wir spielen!" - So lief das. Dann sind sie aus den USA oder aus Hongkong angereist, und wir hatten ein unglaublich hohes Niveau, von Anfang an. Nicht anders als heute. Das hat auch das Publikum gemerkt, und es hat sich herumgesprochen. Natürlich kamen die Spielstätten dazu. Das Schloss, aber auch die damals noch unsanierte Kirche in Moritzburg, die eine wunderbare Akustik hat - für einen Saal mit 500 Leuten fast ideal. Kurzum: Die Zutaten haben alle gestimmt. Später, Ende der 90er, als das Festival dann drohte, sich totzulaufen, erkannten wir, dass wir es auf größere Füße stellen, ihm festere, professionellere Strukturen geben müssen. Es war zu viel Arbeit für alle geworden. Der große Ruck dazu kam 2001. Wir brauchten eine Geschäftsstelle, die das ganze Jahr über besetzt ist. So ein dreiwöchiges Festival zu organisieren - damit haben heute drei Vollzeitkräfte ein ganzes Jahr lang zu tun!

Was unterscheidet das Moritzburg Festival von anderen Kammermusikfestspielen?

Wir spielen in diesem Festival jedes Jahr 15 oder 16 Konzerte, die alle hier vor Ort einstudiert sind in Ensembles, die sich hier aus den teilnehmenden Solisten bilden. Da ist nichts vorgeprobt. Alles entsteht erst hier. Das ist ein Markenzeichen des Festivals von Anfang an gewesen. Das ist mitunter anstrengend - das sind ja große Werke der Weltliteratur oder neue Kompositionen. Am Sonntag haben wir Dai Fujikura aufgeführt und danach noch die "Intimen Briefe" von Leoš Janáèek, - ein Profi-Streichquartett braucht dafür enorme Zeit. Wir haben vor einer Woche hier begonnen, uns das zu erarbeiten. Hinzu kommt: Unser größtes Kapital ist die transatlantische Schiene, dank der über die Jahre gewachsenen Kontakte in die USA. Die Kommunikation zwischen europäischen und US-Musikern mit unterschiedlichen musikalischen und künstlerischen Schwerpunkten bringt ganz fantastische Resultate.

Was unterscheidet die jungen Virtuosen, die heute dabei sind, von Ihrer Musikergeneration?

Sie sind beobachteter, dank aller Kommunikationskanäle, die wir heute haben. Internet, Youtube - es gibt von fast jedem Konzert einen Mitschnitt. Es bleibt nichts mehr so versteckt wie früher, und sie können sich nicht mehr so ungestört ausprobieren wie wir das konnten. Die jungen Musiker wachsen mit einer ungeheuren Professionalität auf, weil sie gar nicht anders können und der Markt es einfach verlangt. Der fordert Resultate, abrufbare Ergebnisse. Dass sie deswegen weniger charakteristisch, weniger individuell spielen würden, ist aber ein verbreitetes Vorurteil. Das hat man erst wieder bei den "Cellomania"-Konzerten während des Dresdner Musikfestivals gemerkt. Sie entwickeln alle ihren persönlichen Stil.

Gehört Moritzburg eigentlich zu den notorisch frühzeitig ausverkauften Festivals?

Nein, und das würde mir auch nicht gefallen. Wir versuchen, es immer so zu organisieren, dass man bis zum Schluss Karten bekommt, etwa, indem wir mehr Konzerte in der Moritzburger Kirche veranstalten. Die bietet mehr Platz als das Schloss. Andernfalls wäre das Festival ja immer schon vorbei, bevor es angefangen hat. Es ist mir wichtig, auch neues Konzertpublikum anzuziehen.

Solist und Intendant

Jan Vogler begann seine Karriere nach Studien in Berlin und Basel 1984 im Alter von 20 Jahren als Erster Konzertmeister Violoncello an der Staatskapelle Dresden. Diese Stelle gab er 1997 auf, um sich ganz seiner Karriere als Solist und seinen Aufgaben beim von ihm mitgegründeten Moritzburg Festival zu widmen.

Nach einigem Zögern übernahm Vogler mit der Saison 2009 auf Bitten des Oberbürgermeisters Ingolf Roßberg das Amt des Intendanten der traditionsreichen Dresdner Musikfestspiele vom vormaligen Intendanten Hartmut Haenchen. Vogler ist mit der Geigerin Mira Wang verheiratet, mit ihren beiden Töchtern leben sie abwechselnd in Dresden und New York.

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