Kämpfe am Küchentisch

Sollte es in Quarantäne nicht an der Zeit sein, die eingestaubte Brettspiele-Sammlung neu zu entdecken? Eher nicht - denn der Staub hat sich ja nicht ohne Grund angesammelt! Besser ist es, endlich mal Spiele zu finden, die alle Beteiligten auch wirklich fesseln können!

Zeit in Familie, und man kann nicht raus? Brett- oder Kartenspiele sind da fast immer der erste schnelle Ratschlag. Doch der hat selbst dann eine Tücke, wenn man mal außer Acht lässt, dass sich die Menschheit scheinbar prinzipiell ganz gut in Spielespieler und Spieleallergiker unterteilen lässt: Außerhalb von eingeschworenen Zockerfamilien, die nun endlich mal wieder alle "Warhammer"-Figuren auspacken, eigene Schacholympiaden austragen oder sich tagelange "Munchkin"-Gefechte liefern können, bekommt man nur schwer die verschiedenen Vorlieben unter einen Hut: Manche mögen es lustig und aktionsreich, wieder andere wollen ausgeklügelt strategisch knobeln, und der Rest will einfach seinem Glück folgen und ohne großes Regelwerk den Zufall entscheiden lassen. Für fast alle speziellen Vorlieben gibt es zahllose Spiele, die bestimmte Aspekte in den Exzess treiben - doch der Markt hat verblüffend wenig zu bieten, was möglichst viele Interessen versöhnlich unter einen Hut bringt.

Die größte Hürde ist dabei eine, die zudem auf keiner Spielepackung thematisiert wird, die aber fast immer ausschlaggebend in größeren Familien ist: Rechnen. Spiele für kleiner Kinder kommen logischerweise fast immer ohne aus - Spiele ab einem gewissen Alter setzen aber fast immer voraus, dass man zum halbwegs strategischen Mitmachen zumindest zweistelliger Zahlen im Kopf addieren muss, und sei es, um seine für den Sieg nötige Punktelage abzuschätzen. An der Stelle sind Grundschüler selbst dann schnell raus, wenn sie gute Mathe-Noten haben und die Spielregeln eigentlich gut verstehen. Umgedreht sind extra "rechenfreie" Spiele für kleine Kinder oft so infantil, das 13-Jährige selten richtigen Spaß daran haben und man sich auch als Eltern eher zwingen muss, den Kleinen zuliebe ein paar Runden dranzubleiben. Allerdings gibt es einige Ausnahmen, die wirklich die ganze Familie zu fesseln vermögen - ein paar der erprobtesten seien hier nun vorgestellt:

Ubongo Das 2005 erstmals auf Deutsch vorgestellte "Kampfpuzzle" Ubongo folgt einem ebenso eigenwilligen wie simplen Spielsystem, das mit einigen Haken ausgerechnet das Gewinnen zur schönen Nebensache macht. Per Würfel müssen die Spieler jeweils drei oder vier geometrische Teile ermitteln, die sie dann gegen eine Sanduhr Tangram-ähnlich auf eine Karte einpassen müssen. Die Schnellsten dürfen Juwelen aus einer Art Acker sammeln - aber nur der Reihe nach. Erwachsene haben Kindern gegenüber dabei keinerlei Vorteil, und rechnen muss man auch nicht - am Ende wird gezählt, wer die meisten Juwelen einer Farbe hat, die sich beim Sammeln aber wenig beeinflussen lässt. Außerdem besteht der Hauptspaß am richtigen Schnellpuzzeln. Ebenfalls praktisch: Die Einzelrunden dauern nur rund eine Minute, bis zum Auszählen vergeht maximal eine halbe Stunde - und man kann das Gesamttempo von "fair" bis "absurd" recht frei steigern.

Blokus Das im Jahr 2000 erstmals vorgestellte Legespiel ist nicht ohne Grund weltweit über 3 Millionen Mal verkauft: Die Regeln sind supersimpel, eine Spielerunde ist von überschaubarer Länge - und trotzdem ist Blokus für alle Altersklassen spannend: Jeder Spieler hat eine Anzahl von verschieden geformten Spielsteinen, die aus zusammengesetzten Quadraten bestehen und die man auf dem Spielfeld unterbringen muss. Dabei legt man sich gegenseitig immer mehr Steine in den Weg. Gewonnen hat, wer die wenigsten übrig behält. Das ist gleichermaßen kinderleicht wie strategisch anspruchsvoll. Nachteil: Die Anzahl der Spieler, für die die jeweilige Version ausgelegt ist, muss eingehalten werden, sonst funktioniert Blokus nicht.

Carcassonne Mit über sechs Millionen verkauften Exemplaren ist das Landschaftspuzzle Carcassonne eines der erfolgreichsten Spiele der Welt: Die Spieler ziehen Kärtchen aus einem Sack, die Wiesen-, Straßen- und/oder Stadtteile enthalten und domino-ähnlich aneinander angepasst werden müssen. Dazu besetzt man wachsende Felder, Straßen oder Städte mit eigenen Figuren. Zwar muss man für die Ermittlung des Siegers Punkte zusammenrechnen - doch das passiert erst am Ende gemeinsam: Während des Spiels können auch Kinder jederzeit anhand der Landschaftsgrößen erkennen, wo sie stehen. Einen Haken hat Carcassonne allerdings: Mittlerweile gibt es zahlreiche Erweiterungen, und oft wird das Grundspiel mit solchen als Set verkauft. Damit wird für eingefleischte Spieler zwar wirklich der Reiz erhöht - weil die ansich einfachen Regeln damit aber auch mehr und mehr verkompliziert werden, können einige der Erweiterungen Einsteigern auch direkt den Spaß verderben. Am besten also mit dem Grundspiel anfangen! Mittlerweile gibt es auch eine sehr clever abgespeckte Version für ganz kleine Kinder, die aber so cool ist, dass sie auch Großen viel Spaß macht!

Dixit Das 2008 erstmals vorgestellte Ratespiel hat den Vorteil, dass die Teilnehmer sowohl Schwierigkeitsgrad als auch Ernsthaftigkeit selbst bestimmen. Dixit besteht im Wesentlichen aus 84 surreal-fantasievollen Bilderkarten, die jeweils rätselhaft beschrieben werden müssen. Die Spieler sollen dann erraten, wer welche Karte beschrieben hat. Der Clou: "Bestraft" wird gleichermaßen, wer seine Karte zu schwer oder zu leicht beschreibt - der Reiz liegt in den wirklich abgefahrenen Bildern, die allein schon eine Freude sind. Dixit kann daher je nach Mitspielern zum knackigen Ratekampf, aber auch zur absurd lustigen Runde ausarten. Und: Zwischen Kindern und Erwachsenen herrscht hier Gleichgewicht.


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