Kaltes Land

Die "Königskinder" von Engelbert Humperdinck wollte ein Jahrhundert lang kaum jemand spielen. Erst kürzlich erwachte das Interesse wieder. Jetzt hat sich das Theater Plauen-Zwickau der spröden Märchenoper angenommen.

Plauen.

Zum Weinen traurig: Die von der Welt verstoßenen Königskinder standen am Ende Hand in Hand an der Rampe. Die übrigen Solisten und der Chor waren abgegangen. Geigen schluchzten. Marija Mitić und Wonjong Lee gaben dem Liebespaar, der Gänsemagd und dem Königssohn, Körper und traumhaft schöne Stimmen. Die Verzweifelten schenkten dem Publikum zur Premiere am Samstag im Vogtland-Theater in Plauen noch mit berührender Innigkeit ein Duett. Dann senkte sich der Bühnenboden. Sie verschwanden. Als sich der Boden wieder hob, deckte sie scheinbar Schnee. Die Königskinder waren erfroren in einem kalten Land, in dem nur Geld und Status zählten.

Jürgen Pöckel, der Regie führte, gelang mit dem eindringlichen Schlussbild seiner etwa dreistündigen Inszenierung ein emotionaler Paukenschlag. Mancher im Zuschauerraum verdrückte zum Premierenfinale eine Träne. Dann brach der Applaus los, in dem sich leidenschaftlich vorgebrachte Bravorufe mischten. Die waren ebenso an die Solisten in den Titelpartien gerichtet wie auch an die weiteren Sänger, die Chöre, das Orchester und das Inszenierungsteam.

In das bitterböse Märchen hatte Humperdinck ungeheuer viel Musik gepackt, die das Orchester unter der leidenschaftlichen Leitung von Leo Siberski effektvoll aus dem Bühnenhintergrund offerierte. Weit fließende, anmutige melodische Passagen wechselten sich ab mit dramatischen Steigerungen, bei denen auch gut Richard Wagners Walküren aus dem Orchester hervorbrechen könnten. Die Hörner schallten im mildem Klang scheinbar durch die Wälder, in denen die Flöten wie Frühlingsvögel zwitscherten. Manches wirkte impressionistisch angelegt, anderes schroff modern tönend. Ein großes Hörvergnügen, das bestach.

Die Besetzung der Partien erwies sich als einer der weiteren Trümpfe. Die fantastisch aufgelegten Sänger zeigten sich den Herausforderungen der anspruchsvollen Komposition ebenso gewachsen wie den darstellerischen Hürden. Die Sopranistin Nataliia Ulasevych bezauberte etwa mit glockenheller Stimme als Mensch gewordenes Mitleid. Ebenso Sebastian Seitz in der Rolle des Spielmanns. In diese, leicht komödiantisch angelegte Figur packte er begeisternde schauspielerische Präsenz. Frank Blees als Holzhacker und André Gass als Besenbinder zeigten die Handwerker als furchterregend empathielos und eigensüchtig. Maurice Giancarlo Avitabile als Gastwirt fiel in dasselbe Fach. An dessen Seite lieferten sich die von Stephanie Atanasov gezeigte Gastwirtstochter und Manja Ilgen als Stallmagd ein von Eifersucht angetriebenes Geplänkel. Im trüben Fahrwasser schwammen Michael Simmens Schneider der Ratsälteste von Holger Rieck. Den Vogel schoss jedoch Viola Zimmermann mit ihrer Partie der Hexe ab. Stimmlich durchschlagend und darstellerisch beängstigend dominant zeigte sie, was Herrschsucht und Gefühllosigkeit anrichten können.

Die Gänsemagd und der Königssohn hätten in ihren historisierenden Kostümen, entworfen von Bühnenbildnerin Andrea Hölz, und ihrer innigen Spielweise gut in Humperdincks berühmterer Oper "Hänsel und Gretel" auftreten können. Auch das Bühnenbild, das an die Anmutung der Zeit kurz vor und nach 1900 erinnerte, hätte gepasst. Doch anders als im vorweihnachtlichen Dauerbrenner durchzieht den 1910 in New York uraufgeführte Dreiakter das Gefühl des Verhängnisses. Das Libretto von Elsa Bernstein erzählt von einem Prinzen, der inkognito als Bettler reist, sich in eine bei einer Hexe lebende Gänsemagd verliebt. Das geschieht am Rande einer Kleinstadt, deren Bürger einen neuen König herbeisehnen. Die Hexe hatte versprochen, der Heilsbringer solle beim Mittagsläuten erscheinen. Der neue Monarch werde die Kleinbürger zu Wohlstand führen. Die Wut ist bei den engherzigen Bürgern jedoch groß, als beim Läuten der Glocke die Gänsemagd und der zerlumpte Königssohn die Herrschaft antreten wollen. Der naive und ansonsten echte Prinz und seine Braut werden verjagt, die Hexe verbrannt und der Spielmann, der sich für die Königskinder eingesetzt hatte, verprügelt. Nur die Kinder der Stadt weinen den Vertriebenen nach, jedoch vergeblich.

So anrührend das alles erscheinen mochte, nach dem Morden des Ersten Weltkriegs war den Bedarf an Monarchen in weiten Teilen Europas und auf der Bühne wohl gedeckt. Das dürfte ein Grund für das damalige Verschwinden der Oper in der Versenkung gewesen sein. Erstaunlicherweise erscheinen die Librettistin und der Komponist mit dem Wissen heutiger Tage als verblüffend weitsichtig. Die damalige Lebenswirklichkeit überholte das Märchen nach wenigen Jahren, die Bürger verjagten tatsächlich die Fürsten. Die Throne krachten zusammen, wenn auch aus anderen Gründen als im Märchen gezeigt.

Die nächsten Vorstellungen: am 9.3., 19.30 Uhr; 24.3., 18 Uhr; 2.4., 19.30 Uhr; 7.4., 15 Uhr; 13.4., 19.30 Uhr, im Vogtland-Theater, Theaterplatz, Plauen. Tickettelefon: 03741 28134847/-4848, E-Mail: service-plauen@theater-plauen-zwickau.de. www.theater-plauen-zwickau.de

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