Kecker Humor tut Klassiker gut

Peter Tschaikowskis weihnachtlicher Ballett-Schlager "Der Nussknacker" erfährt in Gera derzeit eine sehenswerte Frischzellenkur.

Gera.

Das Ballett "Der Nussknacker" ist für ambitionierte Theatermacher nicht unbedingt die reine Freude. Das Parkett verlangt das ultimativ schöne, zu Herzen gehende Weihnachtsmärchen, die Musik Peter Tschaikowskis weist mit Macht in eine ähnliche Richtung - der eigene Ehrgeiz aber sträubt sich gegen die Wiederholung des ewig Gleichen, der möglichst reibungslosen Organisation von Pracht, Pathos, munterer Turbulenz. Professor Birgit Scherzers Inszenierung des Stücks, die am Freitag im Großen Haus in Gera Premiere hatte, ist die Konfliktlage anzumerken. Allerdings hält die namhafte, im erzgebirgischen Stollberg geborene Choreographin klug Maß bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Publikumsrenner. Da wird in der Partitur tüchtig gestrichen - bevölkern selten synchron agierende größere Formationen die Szene, schlägt der Zeiger eher zum subtilen Kammerspiel hin. Außerdem ist hier stets eine Prise Humor, ja Persiflage im Spiel. So werden zu dem Zweck eigens zwei Krümelmonster eingeführt, die selbst beim "Blumenwalzer" nicht daran denken, sich halbwegs gesittet zu betragen. Der Kern der von E.T.A. Hoffmann entlehnten Geschichte allerdings wird bei all dem nicht angetastet. Aus einem recht lebhaft verlaufenen Weihnachtsabend gerät die kleine Clara in einen Traum, in dem sich ihr liebstes Geschenk, der Nussknacker, in einen Prinzen verwandelt. Die jungen Leute bestehen gemeinsam eine Menge Abenteuer, verlieben sich ineinander und als das Mädchen erwacht, ist es noch ganz erfüllt vom geträumten Glück.

Scherzers beherztem Schlagabtausch mit der Tradition kommen die Qualitäten des am Theater Altenburg-Gera ansässigen Thüringer Staatsballetts entgegen. Man ist in klassischer und moderner Bewegungskunst gleichermaßen exzellent zu Hause. Immer wieder geht eine Richtung nahtlos in die andere über oder verschmelzen unterschiedliche Stilarten. Auf diese Weise wird Reizvolles fürs Auge geboten, vermag man der an Poesie und Anmut so reichen Musik gerecht zu werden. Stefania Mancini (Clara) und Hudson Oliveira (Prinz) sind ein Paar, das wunderbar die ungestüme Kraft der Jugend verkörpert. Andere Fixpunkte in dem Figurenkosmos - etwa Claras Eltern (Alina Dogodina und Fabrizio Matarrese) oder die Zuckerfee (Anastasiya Kuzina) und Pate Drosselmeier (Vitalij Petrov) - haben oft etwas Quirliges, leicht Überdrehtes. Eine Augenweide sind die Auftritte des Kinder- und Jugendballetts. Da geht naturgegebene Ausstrahlung Hand in Hand mit beachtlicher Tanzkunst und kecker Kostümierung. Für Letztere zeichnet Gera Graf verantwortlich, die auch sonst keine Mühen scheut, um die Zuschauer optisch in eine andere Welt zu entführen.

Die Bühnenbilder Manfred Grubers, die kräftige reine Farben favorisieren und wohldosiert heutige Licht- und Projektionstechnik nutzen, haben dagegen manchmal etwas Kühles, fast Strenges. Da wird ein interessanter Kontrast gesetzt; das bewegte Geschehen bekommt einen soliden, festgefügten Rahmen. Thomas Wicklein ist dagegen ein umsichtiger, Bühne und Graben mit gleicher Sorgfalt bedenkender musikalischer Leiter. Das Philharmonische Orchester Altenburg - Gera hat große Momente bei den dynamischen Höhepunkten und dramatisch akzentuierten Passagen des Werks. Da ist eine beglückende Geschlossenheit und Ausdruckskraft zu erleben. In den filigran angelegten Episoden, die häufig das Vorbild Mozart durchschimmern lassen, gibt es in Sachen rhythmischer Durchzeichnung und solistischer Brillanz Reserven. Der Kinderchor des Theaters erfreut beim "Schneeflocken-Walzer" mit sauberem, frischem Klang.

Nächste Vorstellungen "Der Nussknacker" ist in Gera wieder am 9., 10., 11., 15. und 26. Dezember zu erleben. Wegen der großen Nachfrage ist zudem am 12. Januar 2018 eine Zusatzvorstellung angesetzt. Karten: 0365/8279105.

www.tpthueringen.de

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