Kein Dasein nur zum Vergnügen des Mannes

Festtage erinnern an das intellektuelle Gewicht von DDR-Autorinnen

Chemnitz.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, "#MeToo", selbstbestimmtes Leben statt ein Dasein zum Vergnügen des Mannes: alles ganz heiße Themen. Aktuell - aber ebnen nicht erst seit gestern. Drei Frauen aus der DDR haben sich bereits in den 70er-Jahren besonders intensiv mit der Rolle und Situation der Frau beschäftigt: Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann und Maxi Wander. Nicht als Partnerin, nicht als Mutter, nicht als Tochter, sondern als Schriftstellerinnen haben sie ihre Welt, ihren Alltag, ihre Niederlagen und ihre Hoffnungen auf ein menschliches, solidarisches, gleichberechtigtes Miteinander durchdacht und beschrieben - und dabei auch die schmerzlichen Konsequenzen ihres wachen Blicks nicht verschwiegen. Wohlgemerkt: Bei allem Furor stets gedankentief, oft poetisch und ausreichend ausführlich in langen, einfühlsamen Texten, die, im Gegensatz zum Twitter- und Facebook-Stakkato derzeitiger Diskussionstreiber, auch nach Jahren mit Gewinn zu lesen sind.

Um dem Rechnung zu tragen, fanden am Wochenende im Chemnitzer Kulturkaufhaus "Das Tietz" drei Festtage für die Autorinnen statt, die alle drei in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden wären. Der Fokus des Programms lag dabei nicht auf dem Aspekt DDR-Literatur als vielmehr auf den Ideen und Entwürfen einer menschlichen Gesellschaft, welche im Werk von Maxie Wander, Brigitte Reimann und insbesondere Irmtraud Morgners zentral sind. Laut Ilona Seifert, Mitorganisatorin und Leiterin des Vereins "Lila Vila", sollte vor allem an die Namen und Themen der drei der Schriftstellerinnen erinnert werden, gerade weil ihr Schaffen bis heute so aktuell ist.

Und der Erfolg gab den Machern Recht, die Erwartungen wurden laut Seifert übertroffen: Für die Tafelrunde, das Kolloquium und die Premiere des Dokumentarfilms "Hurra, es ist ein Mädchen! 875 Jahre starke Frauen in Chemnitz" von Beate Kunath, hatten sich jeweils im Vorfeld bereits rund achtzig Gäste angemeldet, sodass alle Veranstaltungen bis auf den letzten Stuhl besetzt waren. Letzter Programmpunkt war gestern eine Stadrundfahrt mit den Augen Brigitte Reimanns, die die Chemnitzer Architektin Martina Wutzler konzipiert hatte. Immerhin hatte sich Reimann in ihrem Roman "Franziska Linkerhand" (1974) mit menschenwürdigem Städtebau im Konflikt zu ökonomischen Zwängen beschäftigt.

Erstmals hat die "Lila Vila" in diesem Jahr auch einen Irmtraud-Morgner-Preis vergeben: Die Jury aus drei Literaturwissenschaftlern stimmte für die gebürtige Greifswalderin und heute in Berlin lebende Schriftstellerin Judith Schalansky. Der Preis, dotiert mit 2500 Euro, wurde am Freitagabend übergeben. Die Preisträgerin sagte, sie sei sehr stolz auf die Auszeichnung: Sie betonte, der Morgner-Preis sei neben dem Stefan-Heym-Preis nicht nur für den Preisträger, sondern auch für die Stadt Chemnitz wichtig. Die Idee einer solchen Preisverleihung war im Verein "Lila Vila" vor fünf Jahren aufgekommen. Vor einem Jahr habe man dann begonnen, die konkreten Vorbereitungen für die Vergabe zu treffen, so Seifert: Für den 85. der drei Schriftstellerinnen hätten sie und ihre Mitstreiterinnen von einem größeren Rahmen geträumt. Die Festtage gaben die richtige Gelegenheit. Brigitte Reimann und Maxie Wander waren Ende der 70er-Jahre an Krebserkrankungen gestorben. Irmtraud Morgner starb 1990, ebenfalls an Krebs.

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