Kein Gott, kein Geld, keine Liebe

Das Theater Plauen- Zwickau hievt Bertolt Brechts Lehrstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" auf die Bühne. In Roland Mays Sicht schlagen Gelbwesten die Kapitalismusmaschine kurz und klein.

Plauen.

Ein Schauspiel zum Fürchten: Wer in den Abgrund schaut, kommt darin um. So geht es Johanna Dark, des lieben Gottes Soldatin. Ähnlichkeiten mit uniformierten Kämpferinnen der Heilsarmee sind beabsichtigt. Hochaufgerichtet, jung und kraftvoll sowie überaus bühnenwirksam führt Anna Striesow in Roland Mays Inszenierung den Leutnant der "schwarzen Strohhüte" vor. Sie versprüht dabei so intensiv ansteckende Begeisterung, dass man aufspringen möchte und ihr folgen im Glauben daran, der Mensch sei eigentlich gut und brauche nur noch eine Dosis Religion zur Vollendung. Der Absturz folgt jedoch in Mays Sicht, wie bei Brecht, auf dem Fuß. Nach knapp drei Stunden Premieren-Spielzeit im Vogtland-Theater in Plauen war die Streiterin für die Besserung der Verhältnisse auf allen Ebenen gescheitert. Für einen letzten Auftritt als Mitleidsschimäre war sie aber noch gut. Ein "Opfer" wie es im Finale der an die unmittelbare Gegenwart angedockten Inszenierung hieß.

Diese so herzzerreißend arglos wirkende Johanna Dark war jedoch nur eine von vielen, die gefressen wurden von der Krise. Das lernte, wer es noch nicht wusste. Die, die gierig an den Fäden gezogen hatten, waren wie stets obenauf, wurde gleichfalls gezeigt. Kaum angekränkelt von Gewissensnöten, stimmten die Bosse im Finale in den Choral ein: "Und deine Hilfe dem, der hat, Hosianna! Hab mit dem Satten Erbarmen, Hosianna!" Währenddessen zerschlugen im Hintergrund Menschen in gelben Warnwesten die Einrichtung der Börsenzentrale, der Kapitalismusmaschine, und plünderten die Habe der Bosse. Applaus, anhaltend und intensiv, quittierte das düstere Spiel. Bei Weitem nicht alle Zuschauerplätze waren besetzt. Leichte Kost war das Gezeigte erwartungsgemäß nicht. Viele junge Gesichter waren unter den Zuschauern. Die ganz Jungen mussten draußen bleiben. Der Zutritt war erst ab 14 Jahren zugelassen.

May hatte sich von Oliver Kostecka ein kastenförmiges, sinnfällig in oben und unten gegliedertes Bühnenbild entwickeln lassen. Das erinnerte an Seecontainer. Die Fronten boten für Projektionen genutzte Flächen. Dort flimmerten Schreckensbilder heutiger Katastrophen. Die bei Bedarf geöffneten Kästen gaben Spielräume ab für Kontor, Unternehmenszentrale und Kantine. Thurid Goertz kleidete die Figuren ebenso heutig und gab ihnen moderne Requisiten in die Hände. Klapphandys etwa, die auf- und zuschnappten wie die Verschlüsse automatischer Handfeuerwaffen. Rhythmisch auf Touren brachte die Handlung Chris Weinheimer mit brachialem Sound.

Mit heller, trompetenhafter Stimme und mitreißender Ausstrahlung ging in dieser Spielanordnung Anna Striesows Johanna auf den Kreuzzug in die Schlachthöfe. Mit Geschmeidigkeit und Spielfreude stellte sich ihr Theo Pladoudakis als der Fleischkönig Mauler entgegen, der größte Hai im Becken. Er blieb unberührt vom Elend, das er hinterließ. Ob er verkaufte oder kaufte, sich fast ruinierte, stets floss ihm mehr Geld zu. Die Menschen an seiner Seite, die Fleischkonservenfabrikanten, Viehzüchter und Arbeiter gingen darüber zugrunde. Else Hennig, Daniel Koch und Leonard Lange gaben das treibende und getriebene Börsenpersonal. Björn-Ole Blunck und Ute Menzel zeigten zwei leicht schrullige Angehörige der Schwarzen Strohhüte. Michael Schramm, Marcel Kaiser und Peter Princz waren Arbeiter und nach Bedarf weitere Figuren des Abgrunds. Julia Hell verkörperte ihre verelendete Witwe Luckerniddle bis in die Feinheiten der Körpersprache und des aktuellen Slangs hinein verblüffend authentisch.

In Mays Regie erschien das Ende der 1920er-Jahre geschriebene und 1959 in Hamburg von Gustaf Gründgens uraufgeführte Stück hochaktuell. In guten Zeiten gerät das von dem Philosophen Karl Marx beschriebene Auf und Ab des kapitalistischen Wirtschaftens leicht und zu Unrecht in Vergessenheit, das lehrte der Abend auch.

Das Stück 

"Die heilige Johanna" zieht los für die moralische Besserung der angeblich untersten Schichten in Chicagos Schlachthöfen. In den 1920er-Jahren arbeiteten in den Union Stock Yards etwa 40.000 Menschen. In Bertolt Brechts (1898-1956) Stück wütet die Krise, was sich auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 bezieht. Die Arbeiter sind nach einer Baisse an der Handelsbörse ausgesperrt. In den Arbeitskämpfen taucht das Gespenst des Kommunismus auf. Kälte und Hunger mähen die Ärmsten zuerst. Johanna ihrerseits will, bis die Fabriken wieder auf sind, "nichts anderes essen, als sie essen, und wenn ihnen Schnee gereicht wird, eben Schnee".

Die nächsten Vorstellungen: 30. März, 5. April und 31. Mai, jeweils 19.30 Uhr im Vogtland-Theater in Plauen. Die Premiere im Malsaal in Zwickau ist am 26. April, 19.30 Uhr.

Kartentelefon: 03741 28134847 (Plauen), 0375 274114647 (Zwickau).

www.theater-plauen-zwickau.de

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