Kein Opa-Rock

AC/DC lieferte zum Konzert in Dresden genau das, was die Fans so sehr herbeigesehnt hatten: nichts Neues.

Dresden.

Alt? Nur auf dem Papier. Die Mitglieder der Band AC/DC mögen fast alle auf die 70 zugehen. Doch am Sonntag rockten sie vor 90.000 Menschen im Dresdner Ostragehege, als seien sie den Zeichen der Zeit vollkommen enthoben. Die Hard-Rocker gaben Vollgas und lieferten eine überragende 120-minütige Live-Show.

Das Lied "Rock or Bust" vom gleichnamigen 2014 erschienenen Album eröffnete das Konzert. Die riesige Bühne, die 150 Arbeiter tagelang aufgebaut hatten, wurde von zwei Video-Leinwänden umrahmt, auf denen der Lead-Gitarrist Angus Young und Sänger Brian Johnson abwechselnd in Großaufnahme zu sehen waren.

Der 60-jährige Young gab in Schuluniform den Bühnenhampelmann. Er hechtete vom rechten zum linken Rand der Plattform, hämmerte, auf dem Rücken liegend und strampelnd, Riff um Riff in seine Gitarre.

Die Konzert-Playlist, die wegen ihrer Beständigkeit von Fans auch "die ewige Playlist" genannt wird, bestand zum Großteil aus alten Hits. Drei Songs des neuen Albums "Rock or Bust" schafften es neben Dauerbrennern wie "TNT", "Highway to Hell" oder "High Voltage" ins Programm.

Nichts wirkte hier wie eine schlechte Kopie einer einst glanzvollen Gruppe. Es gab keine Experimente und keine Überraschungen. Nicht unbedingt beklagenswert, ist doch genau dieses Fehlen an Veränderung das Erfolgsgeheimnis der fünfköpfigen Band aus Australien. Sänger Brian Johnson beschrieb das einmal so: "Unsere Musik kommt nicht aus der Mode, weil es nicht um Mode geht. Wir haben überlebt, weil wir nie die Richtung gewechselt haben." Die Musik der Band blieb über die Jahre ähnlich: direkter, unkomplizierter Rock, in dem es meist um Sünde, Sex oder Alkohol geht.

Eine über der Bühne schwingende Glocke läutete das Lied "Hells Bells" ein. Jahrzehntelang schwang Rampensau Brian Johnson auf dem gusseisernen Stück mit. Das fehlte am Sonntag. Die Knochen werden eben porös. Und Gitarrist Angus Young entblößte auch nicht wie sonst üblich seinen Hintern. Seien wir mal ehrlich: Mit 60 Jahren muss das auch wirklich nicht mehr sein.

Stevie Young an der Rhythmus-Gitarre machte seine Sache gut. Der Neffe von Angus ersetzt seit Ende 2014 Malcom Young. Dieser gründete gemeinsam mit seinem Bruder Angus vor 41 Jahren AC/DC. Als die Kultband das letzte Mal während der Welttournee 2009 im Ostragehege spielte, war Malcom noch dabei. Im vergangenen Jahr zwang ihn seine Demenz, mit der Musik aufzuhören. Die Songs auf dem Album "Rock or Bust" schrieb und komponierte er noch gemeinsam mit dem kleinen Bruder Angus.

Dieser war für den absoluten Höhepunkt des Konzerts am Sonntag verantwortlich: ein 15-minütiges Gitarrensolo, beinahe quälend elektrisierend, das er da in Dresden hinlegte. Immer wieder sah es so aus, als wolle Young von seiner Gitarre ablassen. Dann wartete er den Applaus ab, hielt die Hand in gespielter Verwunderung an das Ohr - klatscht lauter, Leute! - und ließ das Instrument erneut aufheulen. Eine nicht enden wollende, epische Performance. Nach zwei Zugaben - "Highway to Hell" und "For Those About To Rock" - feuerten unter Beifall, Jubel und Pfiffen Kanonen in den Abendhimmel. AC/DC mögen Rock-Opas sein. Aber was sie da abgeliefert haben in Dresden, das war ganz bestimmt kein Opa-Rock.

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