"Kiox": So klingt Felix Kummers neue Platte

Am Freitag erscheint "Kiox", das erste Soloalbum des Kraftklub-Sängers Felix Kummer. Die Platte ist in vielerlei Hinsicht eine Überraschung - nicht nur wegen ihrer markant ausgemalten Schatten. Die Songs in der Einzelkritik.

Chemnitz.

13 Songs hat der 30-jährige Rapper und Sänger in den letzten Jahren angesammelt, die sich aus seiner Sicht nicht für Kraftklub eigneten: die Texte waren ihm zu persönlich, und sie waren auch schlicht zu lang. In verschiedenen Studios, vor allem aber per Homerecording hat Felix Kummer mit etlichen befreundeten Musikern daraus ein beachtliches Soloalbum gemacht, dessen Gesamtbild von in vielen Grautonfacetten gehaltenen Einzelpuzzleteilen gebildet wird. Plus ein paar Farbtupfern:

"Nicht die Musik": Kollegah kommt im Versace-Anzug aus dem Fitness-Studio gegroßkotzt, stolpert und plumpst fast in den Hundehaufen vor seinem frisch folierten Benz. Natürlich hat Felix Kummer ihn nicht geschubst - wie auch, mit Armen wie Klingeldrähten. Aber die Schnürsenkel der Versace-Sneaker hat er dem "Boss" in der Umkleide heimlich zugeknotet: Der Opener des Albums ist ein grooviges Brett, das Selbstoptimierungswahn bissig aufs Korn nimmt - den im Hip-Hop im Speziellen, aber auch den im Allgemeinen. Da schwingt mit, dass es sich viele Zeitgenossen eben auch zu leicht machen, derlei Kritik allein auf protzige Straßenrapper zu projizieren. Die "Generation Alpha" hat ihren Pappenheimer schließlich überall!

 

"9010": Die bitteren Nazischläger-Erfahrungen im düsteren E-Trap-Gewand von Produzent Blvth (sprich: Blut) hat als erste Single ihren Langzeittest schon bestanden und dürfte auf vielen Song-Jahresbestenlisten auftauchen. Der differenzierte Perspektivwechsel im Blick Kummers auf einen alten Peiniger ist nach wie vor bemerkenswert, Schlüsselsatz: "Ich hab mich nie gefragt was dich so hart gemacht hat." Der schleppende Beat und die böse griffige Sample-Hook am Anfang machen das Stück zudem extrem eindringlich. Fazit: Nichteinmal Rache ist dem Opfer vergönnt.

 

"Bei Dir": Zu bratzigem 80er-Nagelbass und passend klirrenden NDW-Keybords liefert Kummer einen Selbstanklage-Seelenstrip, der so trocken und offen daherkommt, dass man ihm zu keinem Zeitpunkt Koketterie vorwerfen kann. Spätestens bei der melancholischen Chorusmelodie kommt dann der Punkt, an dem man dem Sänger den offenbar gewollten Eindruck, das Stück könne an eine Freundin gerichtet sein, nicht mehr abnimmt. Eher liegt die Vermutung nahe, dass der Text seine Mutter meint - was das ohnehin schon tiefe Lied noch eine Nuance berührender macht.

 

"Schiff": Dank dem aufwendigen Arrangement von skelettartig schlichten Einzelklangkomponenten steigert sich das vielleicht insgesamt beste Lied der Platte zu einem bedrückenden Zeitgemälde über die Stadt Chemnitz und Sachsen: Die pochende Wut des Songs schafft es gerade noch, eine hochkriechende Untergangs-Verzweiflung im Zaum zu halten. Der erste Teil des Textes entstand laut Kummer bereits von einigen Jahren - den zweiten fügte er im Frust der "Chemnitzer Ereignissen" dazu.

"Der Rest meines Lebens": Der von Max Raabe gesungene Refrain mit trashig verfremdeter Schrammelgitarre wirkt erst einmal wie ein Fremdkörper im cool kribbeligen Blvth-Beat - und steht damit symbolisch für eine rumpelnde Spießigkeit, die sich in Kummers Party-Leben schleicht. Von der Angst genau davor handelt der leicht betrübliche "Quater-Life-Crisis"-Text über elegantem Club-Sound. Bis Raabes Schmelz-Stimme Protagonist wie Hörer immer mehr umgarnt - und schließlich kriegt: "Vielleicht wird er ja gar nicht so Scheiße, der Rest meines Lebens!"

"26": Ein Lied an einen Ankermenschen, den man lebenslang auf Abstand hält, obwohl man ihn doch so sehr braucht. Kummer leert sein Herz in ein Facebook-Profil, bei dem nur noch vage die Hoffnung besteht, dass es nicht leer ist. Musikalisch ist das Stück im Stil einer molligen Power-Indie-Ballade nicht das stärkste der Platte und erinnert am ehesten an eine schwache Casper-Nummer. Der traurige Text geht aber ziemlich an die Nieren - und in dieser Kombination steht er auch noch schmerzlich im Vordergrund. Geschickt!

"Es tut wieder weh": Die Stimme am Anfang klingt so fremd, dass man an ein verstecktes Feature glauben mag. Es ist aber Kummer selbst: "Ich weiß auch nicht mehr, wie ich das hinbekommen habe!" Die beatlose Gespenster-Nummer aus vielen Experimentalklängen berichtet von Seelenschmerz am Rand der Psychose, atmosphärisch muss man wieder an Casper denken, diesmal konkret an dessen "Deborah". Emotional ist hier definitiv der finstere Tiefpunkt von "Kiox" erreicht."

"Wieviel ist dein Outfit wert": Knallig coole Cloudrap-Soundscapes bringen den Biss zurück ins Spiel. Kummer rechnet über derbe Punchlines mit wohlstandsverwahrlosten Markenklamotten-Posern und ihren arroganten Shopping-Exzessen ab. Der Beat zieht einem gut die Beine weg, und die Second-Hand-Klamotten-Fraktion gibt Carsten Chemnitz (nach den Stücken dieses zweiten Kummer-Pseudonyms tönt es hier etwas ) High Five. Feier ich Todes!

 

"Aber Nein": Zusammen mit L Goony und Keke ist Kummer hier ein breit grinsender Brecher im U-20-Format gelungen. Der musikalisch hörenswert bizarre Übermorgen-Zeitgeist-Beat macht das Stück für erwachsene Menschen sicher zum gelegentlichen Skip-Kandidaten - der jüngeren Generation dürfte es dagegen reinrauschen wie Dr. Pepper. Lyrisch macht man sich über die Selbstüberschätzung diverser Instant-Rapper lustig, insofern beweist die sorgfältige Feature-Wahl Geschmack - zumal Kummer die beste Textzeile dabei generös seinem Gast L Goony überlässt: "Rapper lügen, aber halb so wild, Zahlen lügen auch." Ohrwurm!

"Alle Jahre wieder": Einer der gelungensten "Kiox"-Texte besteht nur aus nervigen Eltern-Schwiegereltern-Zitaten, eingesammelt bei einem Weihnachts-Pflichtbesuch: "Das sind keine Winterschuhe." "Seit wann bist du denn Vegetarier?" "Das kannst du ja zur Seite tun." Die Musik dazu erinnert in der Strophe an eine Horror-Serie von Netflix, den Refrain peitscht dann die Wut. Natürlich spricht Felix Kummer hier nicht von der eigenen Familie, aber: "Es gab eine Zeit in meinem Leben, da musste ich mit einer Freundin gelegentlich an solchen Zusammentreffen teilnehmen!"

"Okay": Eine musikalisch etwas unspektakuläre Nebelrapballade aus der Sicht eines Misanthropen. "Okay" ist vielleicht dann doch der eine Mensch - weil, so ganz ohne Freunde kommt am Ende niemand aus. Zeit für einen Ellenbogencheck gegen Filme wie "Fack Ju Göthe" ist dabei aber immer.

"Ganz genau jetzt": Noch eine Ballade, aber diesmal greift sich Kummer das Herz des Hörers und krallt die Faust darum, als wolle er den einzigen Glücksmoment seines Lebens umklammern: "Alles was jetzt noch kommt ist nur der Rest!" Musikalisch ist die Zweieinhalb-Minuten-Nummer trotz ihrer sehr freien Struktur nach "9010" der Höhepunkt der Platte - ergreifend schöne und eigenwillig programmierte Seelenbruch-Sounds ringen hier cineastisch gekonnt mit dezentem Autotune-Einsatz und einem zum Heulen schönen Text zwischen Lebenstrotz und Todessehnsucht.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 4 Bewertungen
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