Kippelnder Dominostein

Die Zahlungsunfähigkeit des Buchgroßhändlers KNV hat die Branche schockiert. Der Insolvenzverwalter verbreitet jetzt Zuversicht - doch der geplante Verkauf des Unternehmens, das kleinen Läden über Nacht Buchbestellungen liefert, dürfte den Strukturwandel weiter beschleunigen.

Leipzig.

Auf der Leipziger Buchmesse wird kommende Woche in Halle 3 auch das Unternehmen KNV mit einem Stand vertreten sein. Dafür hätten sich vor kurzem wohl nur Insider interessiert. Doch seit der Buch-Großhändler Mitte Februar Insolvenz angemeldet hat, ist KNV plötzlich bundesweit ein Begriff. Die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens hat die Buchbranche in helle Aufregung versetzt. Fachblätter sprachen von einem "Beben", da ein "systemrelevanter Dominostein" umzukippen drohte.

In der komplizierten Logistik der Buchbranche ist der traditionsreiche Stuttgarter Grossist KNV (Koch, Neff & Volckmar) mit seinen rund 1800 Beschäftigten der wichtigste Mittler zwischen Verlagen und Buchhandlungen. In den Depots (mit dem hochmodernen neuen Zentrallager in Erfurt an der Spitze) hat der Zwischenhändler nach eigenen Angaben fast 600.000 Titel ständig vorrätig. Sie können über Nacht an rund 5600 Buchläden in Deutschland sowie Österreich und der Schweiz - die sogenannten Sortimenter - ausgeliefert werden. Zudem stellt KNV vielen Buchhandlungen die IT-Infrastruktur zur Verfügung, über die die Buchbestellungen vorgenommen werden.

Der Auftritt auf der Buchmesse ab Donnerstag soll nun "ein klares Signal in Richtung Zukunft" setzen, sagt der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl. KNV will in Leipzig auch eine neue Kooperation mit dem Buchhandel vorstellen. Vier Wochen nach dem Branchen-Schock verbreitet der Anwalt und ausgewiesene Sanierungsexperte Zuversicht. Der Betrieb des bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Grossisten habe sich wieder stabilisiert. "Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hoch motiviert, engagiert und ziehen an einem Strang." KNV und zwei weitere Grossisten machen es möglich, dass ein Buch am nächsten Werktag in den Laden zugestellt wird. Diese tragende Säule im deutschen Buchgeschäft hilft den Buchhändlern auch im immer härter werdenden Kampf mit dem Online-Konzern Amazon. Der kann sogar noch am selben Tag zustellen. Nach der Insolvenz von KNV wurden im Handel erhebliche Lieferschwierigkeiten befürchtet. Außerdem war die weitere Kooperation der Verlage unklar. Diese befürchten ohnehin erhebliche Verluste, da die an KNV im Weihnachtsgeschäft überlassenen Bücher noch nicht bezahlt wurden. Gerade kleine Verlage mit geringen finanziellen Rücklagen stellt das derzeit vor nicht unwesentliche Probleme, wie Claudia Puhlfürst, Geschäftsführerin des in Zwickau ansässigen Buchvolk Verlages, erläutert: Der Erlös aus dem Weihnachtsgeschäft ist ihr zufolge für sehr viele Verlage ein fest eingeplanter Posten, mit dem das verlegerische Frühjahrsprogramm - und in vielen Fällen nicht zuletzt auch der Auftritt auf der Leipziger Buchmesse - finanziert werden.

Wie hoch die Forderungen an KNV sind, ist unklar. Der Insolvenzverwalter hat jedoch - mit Erfolg - um Vertrauen geworben. Die Verlage haben die Sicherheit erhalten, dass neue Forderungen an KNV zuerst bedient werden, bevor die alten Insolvenz-Forderungen bezahlt werden. Das hat die Abläufe wiederhergestellt. "Die Buchhandlungen melden uns weitgehend Normalbetrieb", sagt auch Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. "Vom Insolvenzverwalter erwarten wir nun, dass er und die Beteiligten alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Betrieb und Bestand dieses für den Buchmarkt wichtigen Unternehmens zu sichern." Tobias Wahl will nun nach eigener Aussage in den nächsten Monaten in einem "streng vertraulichen" Prozess einen Investor für die KNV-Gruppe suchen. Angaben über die Zahl der Interessenten will der Insolvenzverwalter nicht machen.

Wie immer es ausgeht: Der Fall ist ein Menetekel für die Branche. Der Verkauf von KNV dürfte den Strukturwandel im kriselnden Buchmarkt, der in den vergangenen Jahren Millionen von Käufern verloren hat, weiter vorantreiben. Der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling hält den Zwischenhändler zwar auch für unverzichtbar, stellt jedoch zugleich einen ehernen Grundsatz infrage: "Wir müssen darüber reden, ob ein Buch tatsächlich am nächsten Tag zugestellt werden muss." Ein Buchladen sei schließlich keine Apotheke. Das könnte die Kosten für die teure Logistik im Sortiments-Buchhandel drücken und letztlich auch den Verlagen zugute kommen.

Profitieren könnten davon allerdings wiederum große (Internet-) Händler, die ihre eigene Logistik aufgebaut haben. Amazon ist für viele Verlage inzwischen zum größten Abnehmer und Kunden geworden. Das gilt auch für einen renommierten kleinen Literaturverlag wie Schöffling - auch wenn der Verleger nach eigenen Worten am liebsten seine Bücher an den "Buchladen um die Ecke" liefert.mit dpa

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