Klärung eines Sachverhalts

Eine der erfolgreichsten europäischen Comicserien feiert 80. Geburtstag mit einem Berlin-Band. Findet der Osten jetzt Anschluss?

Berlin.

Die belgische Comic-Reihe "Spirou" hat es zu den Hochzeiten des Genres in den 60ern, 70ern und 80ern nie geschafft, den Eisernen Vorhang zu überwinden: Während Asterix oder Micky Maus trotz strenger Zollkontrollen durchaus auch in der DDR ein eingeschmuggelter Begriff waren, blieb der vor 80 Jahren vom Franzosen Robert Velter erfundene Hotelpage mit seinem Reporter-Kumpel Fantasio im Westen. Dort, vor allem in Belgien und Frankreich, war die Reihe neben "Tim & Struppi" immer erfolgreicher Kult. Doch die Bände waren vergleichsweise teuer, hatten wechselnde Autoren - und der Reiz der Reihe erschließt sich, anders als bei "Asterix", nicht unbedingt aus nur einem Album. Zudem gab es in der DDR mit dem "Mosaik" eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz, die das Prinzip der Gag-prallen, hintersinnigen Abenteuer-Bildgeschichte mit Weltreise-Flair ebenso eigenwillig wie grandios bediente.

Nun, anlässlich des Jubiläums, gibt es aber eine sehr schöne Einstiegsmöglichkeit: Dem Comiczeichner Felix Görmann alias Flix, der als erster deutscher Künstler einen Band gestalten durfte, gelingt es mit "Spirou in Berlin", den Charme der Reihe mit eigenem Witz zu füttern und sie daher auch für Ossis zugänglich zu machen. Großes Plus des Bandes: Flix schafft es, ein ganzes Füllhorn von kultigen Anspielungen in dem Band unterzubekommen, ohne dabei im flotten Rausch die Geschichte zu verstolpern: Seine DDR sieht so falsch aus wie in den Agentenfilmen der frühen 80er, wogegen sein Berliner Palasthotel ziemlich genau die damalige Ost-Imitation von West-Luxus trifft. Pfeffi-Bonbons, FKK und Barkas bedienen einen schönen Ostalgie-Faktor, wogegen die Stasi bei allem realen Ansatz ("Mitkommen, zur Klärung eines Sachverhalts!") schön derb zu einer Art Pinochet-Junta überdreht ist. Die Bedingung der Rechte-Inhaber für solche "Spirou"-Versionen ist, dass der Künstler alles parodieren darf außer der Reihe selbst, und das schafft Flix hervorragend: Man bekommt mit dem Band eine feine Idee davon, wie der Humor der Reihe funktioniert. Man merkt aber auch, wie weit er aus der Zeit gefallen ist, ebenso wie die Verfolgungsjagd-Action: In Zeiten eines "Marvel Cinematic Universe" wirkt diese etwas lau. Insofern muss man für "Spirou in Berlin" ein gewisses Maß an nostalgischem Comic-Verständnis mitbringen - doch wer etwa nach wie vor begeistert "Mosaik" liest, wird hier reich beschenkt.

Das Buch Flix: "Spirou in Berlin", Carlsen-Verlag, 64 Seiten, 16 Euro.

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