Klaus Göbel, der Drucker

Fragt man in und um Chemnitz nach einem Drucker, der Lithografien meisterhaft druckt, hört man mit ziemlicher Sicherheit nur einen Namen

Chemnitz.

Klaus Göbel lächelt über solches Lob - stolz und bescheiden zugleich. Vor seiner Werkstatt an der Limbacher Straße in Chemnitz stehen in einer Ecke stapelweise ganz besondere Steine: Es sind Quader aus Solnhofener Plattenkalk, die für den Steindruck verwendet werden. Den beherrscht Göbel wie kaum ein Zweiter. Das Verfahren sei ganz einfach: "Der Stein nimmt Fett und Wasser auf. Wo Fett, da kein Wasser - das ist das ganze Prinzip", lacht der Drucker, aber "so einfach ist es dann doch nicht". Und überlegt schon, wie er den von Frieder Heinze gezeichneten Stein bearbeiten wird, der vor ihm liegt.

Eigentlich ist Klaus Göbel, Jahrgang 1938, gelernter Baumaschinist, war sogar Meister in diesem Beruf. Später hat er in einer Baumwollspinnerei gearbeitet, hatte aber auch Kontakt zu den damaligen Bezirkswerkstätten für Kunst und Restaurierung. Dort wurde Anfang der 1970er-Jahre ein Drucker gesucht. "Keiner konnte richtig drucken, jeder wusste ein bisschen was", erinnert sich Klaus Göbel. Und so hat er sich mit dem Druck von Lithografien und Holzschnitten vertraut gemacht - und dann war er, auch auf Empfehlung von Gerald Sippel, eben Drucker: "Das ging schnell." Sippel habe ihm seine Erfahrungen weitergegeben, und der Druckernovize ließ sich Bücher schicken, studierte Rezepturen - "Ich hab Reagenzgläser ausgemessen, nach Gramm, Säuredichte... da war viel Theorie, die gar nicht sein muss."

Die Wende machte auch dem Druckerhandwerk zu schaffen: Aus der Bezirkswerkstatt wurde "mehr ein Betonwerk", Klaus Göbel wurde arbeitslos, konnte sich aber eine eigene Werkstatt aufbauen und sich selbstständig machen.

Seit Jahrzehnten gilt Klaus Göbel als der beste Chemnitzer Lithografie-Drucker - davon zeugen Dutzende bedruckte Blätter an den Wänden seiner Werkstatt: einfarbig, mehrfarbig, abstrakt, gegenständlich, Motive winzig verspielt und in dicken, kräftigen Strichen. Da ist nichts zugekleistert, volle und Halbtöne kommen ebenso zur Geltung wie feinste Linien. Klaus Göbel ist im Chemnitzer Raum einer von Wenigen, die die einst populäre, weil relativ hohe Auflagen ermöglichende Technik noch beherrschen, und ganz sicher der bekannteste. Beim Steindruck, einem Flachdruckverfahren, zeichnet der Künstler mit fetthaltiger Farbe, Kreide oder Tusche direkt auf den Stein. Danach wird der Stein mittels Ätzung für den Druck vorbereitet. Dabei wird die druckende, fetthaltige Zeichnung verstärkt, die nicht druckenden, fettabstoßenden Teile bleiben wasseraufnahmefähig. Dann wird der Stein mit Druckfarbe eingewalzt und mittels Presse gedruckt - mit einer Kraft "von bis zu drei Tonnen", erklärt Klaus Göbel. Das Ätzen und das Drucken selbst erfordern die meiste Erfahrung. Göbel schaut auf den Heinze-Stein - "hm, das müssen wir nochmal machen" - und er wischt noch mehrfach über den Stein, walzt ihn mit Farbe ein.

Andreas Bochmann, einst Kollege von Klaus Göbel, aber auf den Siebdruck spezialisiert, meint: "Klaus hätte sich auch in Europa nicht verstecken müssen." Die beiden lernten sich 1984 kennen, tauschten sich immer mal über fachliche Fragen aus. "Ich hab Klaus immer geschätzt. Seine Zurückhaltung, Bescheidenheit. Er stand damals schon in der ersten Reihe der Drucker. Er hat die Künstler verstanden. Man muss die Kunst verstehen, wenn man druckt. Klaus hat das empfunden - diesen Spirit." Ähnlich begeistert ist Frank Maibier, der in den 1990er-Jahren bei Göbel drucken ließ. "Ich war fasziniert von diesem Handwerk. Ich bin da gern hingegangen. Er hat immer hohe Qualität geliefert, das Beste rausgeholt, was man sich vorstellen kann."

Die Liste von Klaus Göbels Kunden ist lang, hat Rang und Namen: Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner, Gregor Torsten Kozik, Rolf Münzner, Gerhard Klampäckel, Carsten Nicolai, Heinz Tetzner, Andreas Stelzer, Jürgen Höritzsch, Matthias Stein, Andreas Schüller. Nach der Wende kamen manche Künstler nur noch sporadisch: "Keiner wollte mehr Grafik kaufen", bedauert Göbel. Aber er druckt immer noch. "Man ist nie fertig - es gibt immer wieder Leute, die etwas Besonderes wollen, die was Verrücktes machen", sagt Klaus Göbel und lächelt: "Manchmal ist es anders geworden, als es die Künstler wollten." Solche wie Heinz Tetzner, die seien ihm die Liebsten gewesen. "Der Heinz Tetzner hat gesagt: Der macht das schon, und hat mich machen lassen." Schwierig seien oft die Blätter und die Künstlerbücher von Rolf Münzner gewesen: "So dicht... - eine Herausforderung."

Mit traumwandlerischer Sicherheit wischt Klaus Göbel über den Stein, schaut genau hin, walzt den Stein wieder ein, schaut, druckt - nein, das ist noch nicht das Richtige. "Wenn's immer glatt ginge, könnt's ja jeder machen." Frieder Heinze, Klaus Hirsch und Steffen Volmer gehören zu Klaus Göbels treuesten Kunden. Auch eigene künstlerische Arbeiten gibt es - die Bootsflüchtlinge, die, auf winzige Schiffe gepfercht, an den europäischen Küsten ankommen, um oft gleich wieder zurück geschickt zu werden, haben ihn tief beeindruckt. Er hat sie in einer Plastik verewigt. Aber eigentlich ist er doch immer der Drucker gewesen und möchte es auch bleiben. Klaus Hirsch sagt ganz einfach: "Ich hoffe, dass er noch lange 'unser' Drucker ist."

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