Kleine Welträtsel

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Können Postkarten Kunst sein? Ganz sicher! Und zwar dann, wenn man sie so gestaltet, wie das Günter Hofmann und Hans Heß zu tun pflegten. Das zeigt ein Buch über die zwei oft unterschätzten Künstler.

Paralleluniversen haben gerade Konjunktur: Von den selbsternannten "Querdenkern" - an sich ein schönes Wort - über die Reichsbürger bis zu Donald Trumps wütender Meute auf der Suche nach der gestohlenen Wahl gibt es jede Menge Nebenwirklichkeiten, und sie haben alle einen ziemlich schlechten Ruf und üblen Beigeschmack. Doch es geht auch anders. Das "Paralleluniversum" der Künstler Günter Hofmann und Hans Heß ist eine bunte, fantasievolle, witzige, hintergründig-ironische Welt, die ihrem Gegenstück, der schnöde-materialistischen Alltagswelt, eine funkelnde Krone aufsetzt.

"Grüße aus dem Paralleluniversum" heißt ein jetzt erschienenes, vom Kunstkeller Annaberg herausgegebenes Buch. Es dokumentiert den etwa zehnjährigen Postkartenaustausch zweier einzigartiger Künstler, deren Werk nur selten öffentlich gewürdigt wurde. Hätte es Corona damals, in den 1990er-Jahren, gegeben, Hans Heß und Günter Hofmann hätten gewusst, wie sie die Zeit nutzen: So, wie sie die Zeit damals auch genutzt haben. Sie schrieben, malten, zeichneten, klebten, pinselten, strichelten, hefteten, druckten einander Postkarten. Jeweils 500 Karten verschickten die beiden Künstler in zehn Jahren zwischen Hainichen und Schwarzenberg. Einige gingen auf dem Postweg verloren - nicht umsonst, hatte einmal der Österreicher André Heller festgestellt, heißt es: Man gibt einen Brief auf ... - was aber auch kein Wunder war, musste sich die Post doch mit Sendungen in Form von Stiefelabsätzen, löchrigen Blechdosen oder einem Stück Kupferschindel herumplagen. So war denn manchmal, wie Marlies Steinert in einem Begleittext zitiert, "der Gang zum Briefkasten" für Günter Hofmann "von Mutlosigkeit gekennzeichnet", wenn lange keine Karte kam. Umso größer die Freude, wenn eine schöne Karte gelungen und angekommen war. Hans Heß: "Angesichts der Tatsache, dass andere solche Karten nicht bekommen, könnte man überheblich werden." Sind sie aber nicht geworden. Und aufgegeben haben sie auch nicht. In den 1990er-Jahren waren beide vielleicht auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, ohne dass dies großen öffentlichen Widerhall gefunden hätte.

Kennengelernt hatten sich die beiden schon 1972 während des Abendstudiums an der Außenstelle Oederan der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Günter Hofmann, 1944 in Hainichen geboren, hatte eine Lehre als Chemiegraf abgeschlossen - ein Beruf, der früher in der sogenannten Druckvorbereitung gebraucht wurde. Ab 1976 arbeitete er als freischaffender Künstler. Hans Heß, 1951 geboren, hatte Stahlreliefgraveur gelernt, studierte danach Formgestaltung an der Burg Giebichenstein in Halle, arbeitete seit 1982 freiberuflich als Metallgestalter, Grafiker und Objektkünstler in Schwarzenberg. Er war Teil einer lebendigen Mailartszene über die Grenzen der DDR hinaus.

Sie verfolgten durchaus unterschiedliche künstlerische Ziele: Günter Hofmann wurde durch oft kleinformatige poetische Gemälde in "fast altmeisterlicher" Manier bekannt, wie Brigitta Milde in ihrem Vorwort zu dem Buch schreibt. Feinst ausgearbeitete Stadtansichten, skurrile Grafiken, in denen Hasen und andere Tiere oft Botschaften vom ewig fehlbaren Menschen überbrachten, bemalte Spanschachteln und alljährlich einige originell gestaltete Holzfiguren aus dem erzgebirgischen Volkskunstrepertoire eroberten sich eine kleine, aber treue Fangemeinde. Hans Heß verfolgte gedanklich einen ähnlich spielerischen Ansatz, den er aber formal ganz anders umsetzte. Er verarbeitete Fundstücke, experimentierte mit Schriften und Piktogrammen, Materialien und Farbaufträgen. Oft bemalte er Untergründe beidseitig und außerhalb der klassischen rechteckigen Form. Beide hatten schon der DDR-Realität ihre eigene künstlerische Welt entgegengesetzt, und auf dieser Außenseiterposition beharrten sie auch nach der Wende.

Davon zeugt ihr Kartenwechsel mit den "Grüßen aus dem Paralleluniversum". Als die beiden Künstler ihren Kartenaustausch begannen, durchlitt Ostdeutschland die tiefste Krise nach der Wiedervereinigung. Betriebe schlossen reihenweise, etwa jeder Fünfte war arbeitslos. Entfernt spiegelt sich das auch in den Postkarten - etwa im "Eintritt der Zwerge ins Dunkel der Geschichte" von Hans Heß oder wenn dem "Erzgebirgischen" von Günter Hofmann Hände und Füße fehlen, nur ein nutzloser Leib übrig bleibt. Meist aber geht es schlicht um die Freude am Gestalten, Umgestalten, Erfinden von Bildern. Da werden Weinkorken zu "Jaques Alphabet". Anfangs haben es ihnen die Apfelgriebse angetan, die in vielen Karten als Symbol einer fruchtbaren Vergänglichkeit auftauchen. Bald nehmen sie sich selbst auf die Schippe, wenn etwa Hans Heß seinen Künstlerfreund Günter Hofmann als "Der Große Steuermann oder das Phantom aus Hainichen" darstellt, oder wenn Heß selbst im "Porträt eines Mailartisten" seine Stempel dirigiert.

Das Buch mit seinen etwa 100 Karten-Abbildungen lässt Kontinuitäten erkennen, dokumentiert den Austausch, das Aufeinanderreagieren, hält Familienereignisse und Befindlichkeiten fest, Reaktionen auf andere Künstler wie Miro und Dali. Zettel, Zeitungsschnipsel, Verpackungsmaterial, "etwas Leim, ein Birnenblatt - schon haben wir wieder ein kleines Welträtsel", beschrieb Günter Hofmann.

Er starb nach langer Krankheit am 26. August 2008. Hans Heß starb am 10. Februar 2019. Ihre "kleinen Welträtsel" erhellen die Welt bis heute - anders als all die anderen Paralleluniversen.

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