Klingt nach Barock, sieht aus wie Baröckchen

Rolando Villazón vergeigt in Dresden Jean Philippe Rameaus Oper "Platée"

Dresden.

Wenn schon die Erstaufführung einer Barockoper, die es in Dresden noch nie gab, dann wenigsten mit Glamourfaktor. So könnte die Entscheidung für Rolando Villazón als Regisseur für diesen Dreiakter zustande gekommen sein. Der Mexikaner zehrt vom Ruhm als Tenor. Dann kriselte seine Stimme und er schuf sich ein zweites Standbein als Regisseur. Durchschlagender Erfolg war ihm dabei bislang nicht vergönnt. Auch seine Wassernymphe Platée findet jetzt an der Semperoper keinen festen Grund unter ihren Füßen.

Mit Jean Philippe Rameaus (1683-1764) "Platée" steht das erste Mal ein Werk auf der Bühne, mit dem der Händelzeitgenosse Mitte des 18. Jahrhunderts den Hofstaat in Versailles zu amüsieren hatte. Es ist die mit viel Ballett gespickte Geschichte einer hässlichen Nymphe, mit der sich die Götter einen bösen Scherz erlauben. Jupiter will Platée zum Schein heiraten und sich dabei von seiner eifersüchtigen Gattin Junon erwischen lassen. Der Clou besteht darin, dass dieses Unterfangen schon wegen der Hässlichkeit der Nymphe so abwegig ist, dass Junon von ihrer Eifersucht "geheilt" wird.

Harald Thor hat eine Art futuristische Stadtlandschaft auf einen Prospekt hinter einen Schulhof gesetzt, der im Handumdrehen zum Jahrmarkt wird. Bei Villazón wird aus der gefakten Hochzeit ein Fall von Schulhof-Mobbing, der im angedeuteten Amoklauf mündet. Nimmt man die überdrehte Dynamik der Muppets auf Speed aus dem Chor, mit denen sich Platée tröstet und der ADHS-Kids auf dem Schulhof am Anfang noch hin, nerven das Dauergewusel und die roten Clownsnasen im zweiten Teil zunehmend.

Wenn Platée weder das Dixi-Klo für Männer, noch das für Frauen benutzen darf, dann ist die Inszenierung auf dem Tiefpunkt einer ausgewalzten Variante des missglückten AKK Faschingswitzes übers Gendern angekommen.

Villazón fällt zur barocken Groteske mit Hintersinn vor allem Baröckchen ein. Mit dem Gebot, sich in jedem Falle zu bewegen. Auch wenn sie dabei vom Wege abkommen, mit ihrem Gesang halten sie Kurs! Und wie! Ob Andreas Wolf als kraftvoll markiger, aber auch flippiger Jupiter oder Ute Selbig als seine kurz, aber effektvoll auftauchende Gattin Junon. Mark Milhofer glänzt als wendiger Mercure und Thespis ebenso wie der sonore Sebastian Wartig als Momus und Bariton Giorgio Caoduro als Cithéron und Satyr. Philippe Talbot schließlich sichert Platée mit seinem wohltimbrierten, beweglichen Tenor die Sympathien des Publikums. Zusammen mit dem von Cornelius Volke einstudierten Chor tröstet der vokale Einsatz der Protagonisten über die von Philippe Giraudeau choreografierte Überdosis Aktionismus hinweg.

Im Graben tut die Staatskapelle unter Leitung von Paul Agnew so, als wäre sie ein Barockorchester. Beredt und geschmeidig und vor allem in den mitreißenden Ballettmusiken mit einem Esprit, der zündet. Und im speziellen Fall auch über die Szene hinwegtröstet.

Weitere Aufführungen von "Platée" am 23. und 29. April in der Dresdner Semperoper. Kartentelefon: 0351 4911705.

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