Konstantin Wecker: "Demokratie bleibt nicht von allein"

Der Künstler spricht im Interview über die Wirkung von 40 Jahren politischer Lieder, einen jungen Kollegen aus Dresden, die Verdienste des Grundgesetzes und die Vorzüge des Alterns

Stollberg/München .

Der Liedermacher und Schauspieler Konstantin Wecker tritt am Freitag gemeinsam mit seinem Pianisten Jo Barnikel im Stollberger Bürgergarten auf. Vor wenigen Wochen hat er eine neue CD herausgegeben, auf der er altes und neues antifaschistisches Liedgut aus seiner Feder präsentiert. Torsten Kohlschein hat sich mit dem 71-Jährigen unterhalten.

"Freie Presse": Herr Wecker, ein prominenter Titel Ihres neuen Albums "Sage nein!" ist das alte, 1978 entstandene Lied "Willi" über Ihren von Neonazis erschlagenen Freund. Wie ist es dazu eigentlich gekommen?

Konstantin Wecker: Der "Willi" ist mir wie die meisten meiner Lieder eher passiert. Ich hatte nicht unbedingt vor, ein Lied über dieses Thema zu schreiben. Das habe ich aber in den wenigsten Fällen. Wir haben geprobt, und in einem Nebenraum stand ein altes Klavier, und da bin ich in der Pause rüber und habe ein bisschen gespielt. Nach zehn Minuten, eigentlich so lang, wie das Lied dauert, kam ich zu meinen Musikern mit dem "Willi" rüber und habe es ihnen vorgespielt, aber gesagt, das ist wahrscheinlich so privat, das kann ich gar nicht veröffentlichen. Dass ein solches Lied dann so eine Verbreitung gefunden hat, ist eigentlich ein Wunder. Ich bin mir über die politische Dimension des ganzen erst viel später bewusst geworden. Ich habe halt einfach alle Erfahrungen verarbeitet die ich bis dahin gemacht habe und das Erlebnis mit meinem Freund Günter. Er lebt ja noch und wurde dann zu Willi. Er wäre damals wirklich fast abgeschlachtet worden von den Neonazis.

Warum hat, wenn man nach 40 Jahren antifaschistischen Engagements Bilanz zieht, das alles so wenig gebracht? Die Rechte erscheint stärker als je zuvor ...

Da möchte ich gern mit einem Satz von Hannes Wader antworten, dem ja auch oft vorgehalten wurde, er singe seit 40 Jahren für eine gerechtere Welt, und was habe es denn gebracht? Da antwortet Hannes: "Die Frage ist unfair gestellt. Was wäre, wenn diese vielen Mosaiksteinchen, zu denen wir gehören, zu denen aber auch ganz viele Menschen gehören, die völlig unberühmt sind und engagierte soziale Arbeit machen, wenn diese Menschen nicht wären? Dann sähe es noch viel schlechter aus." Ich glaube schon, dass die Kultur und die Kunst in den letzten 10.000 Jahren natürlich immer wieder einen Schritt zu mehr Menschlichkeit gebracht hat. Gar keine Frage. Und jetzt ist die Poesie und die Kultur richtig gefordert. Wir stehen kurz davor, dass europäische Länder faschistisch werden könnten, und das ist eine riesige Gefahr, und noch niemand hat vor drei Jahren damit gerechnet. Jetzt heißt es auf die Bühne gehen und denen Mut machen, die glauben, sie seien allein. Ich glaube immer noch, die schweigende Mehrheit ist menschlicher und demokratischer, nur nicht so lautstark.

Ist die Musikszene heute unpolitischer als früher? Wo sind die Hoffnungsträger? Die alte Garde stirbt irgendwann aus.

Ja klar, wir sind die Dinosaurier! (lacht) Man kann hier den sogenannten Markt nicht außer Acht lassen. Es wird derzeit von kapitalistisch geprägten Medien nicht gerne darüber geschrieben, was ist alles an wirklich rebellischen Kulturträgern gibt. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass mein Label über zehn junge Sängerinnen und Sänger vertritt, die durchaus rebellisches Potenzial haben und sich auch dahingehend ausdrücken. Und da gibt es darüber hinaus noch ganz, ganz viele. Nicht zuletzt setze ich große Hoffnung in die "Fridays for future"-Bewegung. Da tut sich doch etwas in der Jugend, die wir 20 Jahre für ausschließlich neoliberal abgefüttert gehalten haben. Lange Zeit war es ja so, dass man den Jugendlichen sagte, politisches Engagement sei nicht sexy. Da hat sich etwas geändert. Deshalb habe ich mich auch gern eingemischt, als FDP-Chef Christian Lindner meinte, man sollte doch die Politik den Profis überlassen und ich bei Facebook gefragt habe ob denn der Lindner unter die Kabarettisten gegangen sei. Es sind doch die Profis, die uns das eingebrockt haben. Ich hoffe sehr auf Amateure, die den Umbau machen und auf drängende Probleme hinweisen.

Wer ist da in ihrem Label? Nennen Sie doch mal einen Namen.

Ein jüngerer und sehr streitbarer Kollege ist Heinz Ratz, von Strom & Wasser, der derzeit gerade mit mir zusammen für Jugendzentren sammelt, die sich gegen Rechts engagieren. Dann gibt es Roger Stein, einen großartigen Künstler aus Berlin, ach, und da könnte ich noch einige aufzählen. Sarah Lesch, die ist nicht bei meinem Label, aber eine sehr streitbare junge Frau, und ich bin auch immer wieder bereit, einige von diesen jungen Künstlern bei mir als Gast auf die Bühne zu holen.

Wie ist es zu dem Cover von Ezé Wendtoin von ihrem Lied "Sage nein!" gekommen?

Ich habe ihn in Dresden bei der Straßenband Banda Internationale kennengelernt vor eineinhalb Jahren, und dann habe ich ihn schon mehrmals auf der Bühne gehabt. Und da hat er "Sage nein!" schon mit mir zusammen gesungen. Dann hat er dieses Cover aufgenommen. Er wusste ja, dass ich das gut finde. Natürlich, ein faszinierender junger Mann. Er kam vor ein paar Jahren aus Burkina Faso nach Deutschland, und studiert Germanistik. Er hat in diesen wenigen Jahren deutsch sprechen gelernt wie ich es mir von manchem AfDler wünschen würde. (lacht)

Wir reden die ganze Zeit über die Freiheit der Kunst. Was bedeutet für sie das Grundgesetz?

Ich finde, dass wir ein wirklich vorbildliches Grundgesetz haben. Man darf nie vergessen, dass es entstanden ist aus dem großen Elend und Trauma unserer ungeheuer schrecklichen Vergangenheit. Ich bin der Meinung, dass Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen Ländern der Erde seine Vergangenheit wirklich sehr gut aufgearbeitet hat. Daran waren nicht zuletzt auch wir 68er beteiligt, damit das wirklich aufgearbeitet wird. Wir haben erreicht, dass bestimmte Nazi-Seilschaften in Industrie und Politik auseinandergebrochen sind und dieses Grundgesetz ist etwas, was man auf keinen Fall abändern und zerstören sollte. Es ist ein gutes Grundgesetz. Ein demokratisches. Eines ist klar: Wir haben über die Jahrzehnte hinweg gedacht ja, Demokratie haben wir jetzt, und das bleibt für immer so, aber Demokratie ist etwas, an dem man immer arbeiten muss, wenn man nicht dran arbeitet, wenn man es nicht immer wieder versucht zu verbessern, dann passiert genau so etwas wie im Moment. Wir haben da einiges versäumt, Demokratie bleibt nicht von allein, dafür sind Gier und Machtstreben der Menschen zu stark.

Sie werden am 1. Juni 72 Jahre alt. Was macht das Alter mit Ihnen?

Ich habe immer noch 120 Konzerte im Jahr, nebenher viele andere Termine und bin sehr viel unterwegs. Wenn man so aktiv auf der Bühne ist, spielt das Alter keine Rolle mehr. Wenn man dann aber alleine ist, und wie ich so ein, zwei Monate Pause macht, kommen einem schon die philosophischen Grundgedanken, die jedem Menschen mit 71 durch den Sinn gehen. Manches fällt einem schwerer, man kann sich nicht mehr so leicht bücken, Schuheanziehen wird schwieriger, und besonders traurig ist, dass rund um einen so viele geliebte Menschen sterben. Ich denke da an viele große Vorbilder, mit denen ich das Glück hatte, befreundet zu sein, Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder, Arno Gruen, wundervolle Menschen, die alle in den letzten Jahren gestorben sind. Das ist schon sehr traurig. Aber es gibt einen großen Vorteil. Man kann wirklich sich selbst, sein eigenes Ego und die Torheiten, die man im Leben gemacht hat, mit lächelndem Abstand betrachten. Das hat was. Älter werden heißt, sich immer mehr selbst auf die Schliche zu kommen. Es ist so unglaublich wichtig, und das hat auch mit der politischen Situation zu tun, auch sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, sein Weltbild immer wieder zu überprüfen und an seinem eigenen Ego immer wieder mal sich zu fragen, ob das denn nun wirklich so wichtig ist wie man sich anderen gern präsentiert. Diese Selbsterkenntnis ist ein unglaublich wichtiger menschlicher Schritt. Sie gehört zum Menschsein dazu. Das übrigens nicht nur im Alter sondern das wäre auch schon in der Jugend wichtig.

Bin zu ihnen die gute Fee käme und Ihnen anbieten würde, wir würden irgendeinen Aspekt aus deiner Biografie aussuchen, den du daraus Text. Fiele Ihnen da was ein?

Da fiele mir vieles ein. Aber ich habe in meiner Biografie darüber geschrieben, es ist ein philosophisches Paradoxon. Ich habe durch bestimmte Dummheiten, die ich in meinem Leben durchaus gemacht habe, aufgrund des Leides, das daraus folgte, eine Erfahrung gemacht, die ich nicht missen möchte. Hätte ich diese Erfahrungen auch gemacht ohne die Dummheit? Hätte ich die Erfahrung auch gemacht ohne das Leid, das zu der Erfahrung gehört? Insofern sollte man diese Frage nicht stellen. Es ist wie es ist, und natürlich gibt es vieles, bei dem man sich auch zurecht fragt: "Wo habe ich anderen Menschen geschadet? Wo war ich nicht rücksichtsvoll genug?" Aber da bin ich nicht der einzige Mensch auf der Welt der solche Fragen an sich zu stellen hat.

Musikalisch sind Sie sehr vielfältig aktiv, aber als Schauspieler hat man länger nichts von Ihnen gesehen ...

Ich hatte das Glück, mit vielen großartigen Regisseuren und Kollegen zu arbeiten. Ich halte mich nicht für einen besonders tollen Schauspieler. Am wichtigsten ist es, dass man einen guten Regisseur hat. So schlecht kann man als Schauspieler gar nicht sein. Aber es ist auch die Frage, ob mich überhaupt irgendein Film reizt. Der letzte, der mich sehr bewegt hat, war "Wunderkinder", auch ein antifaschistischer Film. Wenn noch mal ein Film mit so einem Thema käme, würde mich das durchaus noch mal interessieren. Das war ein Erlebnis. Ich habe ja die absolute Drecksau gespielt, einen SS-Mann. Das hat mein Leben geprägt. Ich trug diese Uniform und musste nicht mehr viel spielen, ich war wirklich dieser SS-Mann. Ich habe mich richtig geschämt, wenn ich abends nach den Dreharbeiten die Uniform ausgezogen habe und mich gefragt habe, was ist eigentlich mit mir passiert? Es gibt einen Satz eines Holocaust-Überlebenden, der sagte: "Niemand hat das Recht sich Antifaschist nennen, wenn er den Faschisten in sich nicht entdeckt hat." Diese Gefahr lauert in uns allen. Hannes Wader sagte einmal, er sei Rassist, und wir alle haben gefragt. "Was ist denn mit dir los?" Er sagte: "Ich muss jeden Tag daran arbeiten, keiner zu sein", und er hat Recht damit. Das ist genau dieser Moment, der mir da gekommen ist. Ich hätte nie gedacht, dass derlei in mir schlummern könnte, während der Dreharbeiten, dass es mir Spaß macht. Das hat mich für mein Leben geprägt, und das hat mir etwas gezeigt.

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