Kraftklub: Am Ende alles Rot?

Kraftklub über irrtümliche Pop-Politik, lustvolles Zitieren, die sanfte Macht des Sarkasmus und das neue Album "Keine Nacht für Niemand"

Chemnitz.

Zweimal ist die Chemnitzer Band Kraftklub dank ihres so dreist breitbeinigem wie sympathisch verschwitztem Indie-Rock an die Spitze der deutschen Albencharts gesprintet: 2012 mit dem Debüt "Mit K" und nochmal 2014 mit "In Schwarz". Heute erscheint mit "Keine Nacht für Niemand" der dritte Streich - und belegt vor allem, wie wurscht dem Quintett derlei Sportstatistik ist: Kraftklub hat einen Gang zurückgeschaltet und dabei für sich einige neue Pfade neben der Rennstrecke entdeckt. Tim Hofmann hat mit Sänger Felix Brummer, Gitarrist Karl Schumann und Schlagzeuger Max Marschk gesprochen.

Freie Presse: Auf dem neuen Album schaffen Sie den Spagat, einerseits ernsthaft diverse Zeitgeister zu reflektieren, andererseits aber auch Ihrer heftigen Partylaune reichlich Auslauf zu verschaffen. Allerdings weiß man irgendwie nie so recht, wo bei Ihnen Sarkasmus anfängt und wo er aufhört ...

Felix Brummer: Ja, das mag für manche die Schwierigkeit sein, und es hat die Leute an uns ja schon immer entweder gestört oder begeistert, dass das bei uns eben nicht so klar ist. Ich finde es spannend, wenn eine Band nicht nur ironisch ist oder nur ernst oder nur Partymacher. Hinter einem gewissen Sarkasmus kann man sich Offenheit leisten, ohne den Zeigefinger zu heben. Wir finden es sehr ungeil, übrigens auch bei anderen Bands, wenn man das Gefühl hat, dass da unser Gemeinschaftskunde-Lehrer singt. Da rollt es uns echt die Fußnägel hoch!

Karl Schumann: Belehrendes ist einfach furchtbar uncool. Wir machen uns ja schon Gedanken, aber die wollen wir niemand einfach so fertig vorsetzen.

Dabei wecken Sie mit dem Albentitel "Keine Nacht für Niemand" Assoziationen zum legendären linken Politrock-Album "Keine Macht für Niemand" von Ton Steine Scherben. Liegt da nicht die Frage nahe, warum Ihre Platte diesbezüglich eher zurückhaltend ausgefallen ist?

Brummer: Ich denke tatsächlich, dass wir eine sehr politische Platte gemacht haben! Es ist nur halt keine Musik zur kommenden Wahl oder so drauf. Wir wählen nie gezielt Themen aus, sondern reflektieren einfach, was uns um uns herum begegnet. Ton Steine Scherben sind vor allem auch deshalb eine Inspiration, weil Rio Reiser sich ja nie in das Korsett des Polit-Rockers hat sperren lassen. Der Mann hat beispielsweise einige der schönsten Liebeslieder geschrieben!

Campino von den Toten Hosen bemängelt derzeit gern, dass die heutigen Bands sich vor klaren Positionen drücken, um das Publikum nicht zu verärgern ...

Brummer: Wir haben ganz sicher keine Angst davor, etwas zu sagen, wenn wir es denken. Aber wir wählen immer eine Form, mit der wir auch Spaß haben. Wir machen schließlich keine Musik, um die Sehnsüchte von Leuten zu befriedigen. Nur weil wir fünf sehr politische Menschen sind, heißt das nicht, dass wir Agitationspop machen müssen. Oder wollen.

Max Marschk: Überhaupt ist ja die Frage, warum man gerade bei Bands jetzt immer so sehr auf das Politische schaut. Wo sind denn die Soziologen, wo sind die krassen Philosophen, die heutzutage mal einen Plan entwickeln? Ich finde es ziemlich einfach, das immer nur von Popkünstlern zu verlangen.

Das ist ein Argument. Überfrachtet die Gesellschaft den Pop damit?

Brummer: Wir hören halt recht oft diese arg einfache Rechnung: "Hey, ihr seid doch Sprachrohr und Vorbild - sagt den Leuten doch mal, wo es langgeht." Würde wir das tun, wäre es doch unheimlich anmaßend. Wir haben gar keine Wahrheit zu verkünden. Leute mit dieser Herangehensweise, das sind am Ende die Lutzbachmänner dieser Welt.

Marschk: Und wenn man zur Abwechslung Politiker nach standfesten Lösungen fragt, fallen die im Tagestakt alle reihenweise um. Ist es vielleicht die ganze Gesellschaft, die gerade unsicher ist? Ich meine, hey, wir machen Dreieinhalb-Minuten-Songs. Das sind kurze Kommentare, bestenfalls kann man darüber diskutieren! Aber die können doch keinen großen Plan beinhalten. Wir können damit doch nicht die Flüchtlingsdebatte lösen oder so.

Brummer: Jeder, der sagt, dass er die Lösung hat, sollte sowieso skeptisch gesehen werden. Vielleicht ist das ja der Grund, warum wir so sarkastisch sind: Ironie funktioniert nicht als Slogan - und wir wollen auf keinen Fall, dass unsere Texte bei Demos vorangetragen werden. Lieber sind wir da sarkastisch, als aus Angst vor Missverständnissen immer ganz eindeutig zu werden. Oder, noch schlimmer, das andere Extrem: So unkonkret zu sein, dass sich jeder irgendwie darin wiederfinden kann.

Marschk: Vielleicht wissen wir ja einfach nicht, ob wir auf der richtigen Seite stehen?

Brummer: Genau! Ich meine, klar gehe ich davon aus, dass meine Meinung okay ist. Die habe ich mir ja schließlich sorgfältig gebildet. Man sollte aber doch nicht denken, dass die Leute auf der anderen Seite der Demonstration dort stehen, weil sie irgendwie komplett doof oder bösartig sind. Die haben sich genauso Gedanken gemacht, sind aber irgendwo anders abgebogen, zu anderen Schlüssen gekommen. Da hilft doch erst einmal nur, eine Distanz aufbauen und sich klarzumachen, dass man selbst lediglich eine Vorstellung vom Richtigen haben kann.

Marschk: Wir können wenig bewegen, wenn die ganze Gesellschaft nicht mehr weiß, wie sie diskutieren soll. Solange selbst die Spitzen der Weltpolitik, Leute wie Trump, den Klimawandel leugnen, können wir hier unten mit ein paar Parolen doch nichts bewegen. Hey, wir machen Popmusik!

Musikalisch reißen Sie diesen Zwiespalt auf dem Album weit auf: Einerseits tönen viele Songs ungewohnt leger - andererseits wirken sie sehr fokussiert, bis ins Detail gekonnt strukturiert. Ist diese Abkehr vom geraden Abräumer-Geballer nicht riskant?

Schumann:Die Platte sollte mal etwas entschleunigt sein, das wollten wir unbedingt.

Brummer: Mit der Höher-Schneller-Lauter-Attitüde sind wir etwas durch. Das haben wir ja schon zwei Alben gemacht, das ist für uns musikalisch durcherzählt.

Schumann: Genau. Wir wollten diesmal einfach lässiger klingen.

Kann man sich in Ihrem Status denn dazu einfach noch unbefangen in den Proberaum stellen?

Marschk: Es war vor allem eine schöne Entdeckung! Wir haben schnell gemerkt, dass schon ein anderes Tempo neuen Reiz bringt. Plötzlich hatten Karl und Steffen ganz andere Möglichkeiten, sich musikalisch zu entfalten. Und ich kann auch mal anderes Schlagzeug spielen. Früher stand in meiner Vorstellung die Band immer mit der Peitsche hinter mir und hat "schneller, schneller" gebrüllt. Diesmal haben wir ein paar neue Grooves gefunden, die entspannter sind und trotzdem leicht nach vorn gehen.

Hat Ihnen die hörbare Lust an Zitaten und Eigenzitaten geholfen, kreativ neu in Schwung zu kommen?

Brummer: Wir haben ja nie behauptet, dass das alles einfach so aus uns herauskommt. Ich finde es affig, wenn Künstler behaupten, dass sie keine Inspirationsquellen hätten und alles aus ihrem eigenen Genius schöpfen würden. Wir haben schon immer klar gesagt, dass da Bands sind, auf die wir uns beziehen.

Sie stibitzen gern...

Brummer: Jaaa - so könnte man das ausdrücken! ( lacht )

Schumann: Wir lassen uns sehr gern schön beeinflussen!

Brummer: Das sind ganz viele kleine Verneigungen vor Künstlern, die uns begleiten, seit wir 13 sind. Das ist quasi analoges Sampling. Da tritt auch das Hip-Hop-Erbe, das wir mit uns herumtragen, etwas deutlicher zutage als bisher.

Die Platte lebt von sehr vielen Feinheiten, die man oft erst beim mehrfachen Hören im Hintergrund mitbekommt. Wie wollen Sie das live hinbekommen?

Schumann: Wir sind zum ersten Mal mit fertigen Songs ins Studio gegangen. Wir wissen also, dass sie auch in dünnen Proberaum-Versionen bestens funktionieren.

Brummer: Bisher hieß es oft, wir seien live geiler als auf Platte. Das haben wir immer so ein wenig als Kritik verstanden - aber mittlerweile sehen wir das als Kompliment. Wir haben begriffen, dass es gut ist, wenn es jeweils anders klingt.

Schumann: Da muss man sich dann im Studio keinen Kopf mehr machen, wenn man die Songs mit Gimmicks aufbauscht. Dass etwa die Synthies live dann nicht mehr dabei sein können, ist in dem Moment schon klar. Ist aber egal!

Ihr Debüt gilt Fans als "Weißes Album", der Nachfolger ist schwarz, die neue Platte deutlich rot. Da Sie angeblich konzeptionell immer gut voraus planen: Wie geht es denn nach dieser offenkundigen Trilogie weiter?

Brummer: ( grinst ) Jaaa - das wird dann eventuell demnächst verraten. Vielleicht gibt es die Band Kraftklub ja nur für diese drei Platten?

Schumann: Oder aber, es handelt sich um eine Serie, die 20 Staffeln lang immer weitergeht - und wir tun dann irgendwann so, als sei das von Anfang an so geplant gewesen.

Brummer: Und hinterher sagt man, es wäre besser gewesen, nach der dritten Staffel aufzuhören!

Wie werden Sie es schaffen, in diesem Jahr auf dem Kosmonaut-Festival aufzutreten?

Brummer: Tja - die Wege des Herrn sind unergründlich! ( grinst ) Ich sag mal so: Chemnitz ist immer ein spezielles Pflaster für uns. Andererseits: Wir haben ja mit der neuen Platte schon zweimal dort gespielt! (Anm. d. Redaktion: In der Tat gab es vor 14 Tagen ein geheimes Überraschungskonzert im Atomino und eines vor sieben Wochen als unangekündigte Vorband von Blond im "Nicola Tesla".)

"Keine Nacht für Niemand"

Ein Überwältigungs-Album ist das dritte Kraftklub-Album nicht geworden - es dürfte Menschen geben, die es beim ersten Durchlauf sogar etwas belanglos finden. Das liegt zum einen daran, dass man, von der Band bisher vordergründig spritzige Frechheit gewöhnt, nun viele kontrolliert zurückgenommene Popsongs serviert bekommt. Und zum anderen starten die Fünf gleich mit einem heftigen Deja-vu-Lick, das an ihren Hit "Melancholie" erinnert, in die eingehende Kult-Selbstbeweihräucherung "Band mit dem K". Doch all das macht viel Sinn - weil das dritte Kraftklub-Album vor allem auf Langzeitvergnügen für die Fans angelegt ist - und sich nach etlichen Durchläufen als heftiger "Grower" entpuppt.

Mit der Zeit entwickeln fast alle der Songs nämlich derbe Hitqualitäten. Allen voran der versteckte Titeltrack "Chemie Chemie Ya" - ein hart treffliches Drogenmissbrauchs-Stück, dass die Grundanmutung von Caspers "Auf und davon" mit der Refrain-Hook von Ol' Dirty Bastards "Shimmy Shimmy Ya" ins Kraftklub-Universum zusammenschmilzt - und dabei rücksichtslos über ein fragiles Zartbitter drüberfeiert. Überhaupt ist es der Band bei sehr vielen Liedern allerbestens gelungen, Text, Subtext und Musik auf mehreren Ebenen zu verbinden. Markantes Beispiel: Die Halbballade "Fan von Dir", die sowohl die fatale Uneigenständigkeit des Stalkings als auch die Unwählbarkeit von Fan-Zuneigung aufgreift - und dazu eine Tränenskizze von "Stairway to Heaven" mit einem superwitzigen, steil absichtsvoll vergurkten Pseudorock-Solo karikiert.

Gibt man den Zwischenräumen Zeit, entfaltet sich das Album als tolles Panoptikum von Punkrock über Oldschool-Hiphop bis 80er-Jahre-Dance, von Prince bis Bronski Beat, von den Ärzten bis zum Rave-Schub der frühen Klaxons: Dass es Kraftklub dabei locker gelingt, dieses Zutatengebirge homogen zum eigenen Markensound zusammenzubacken und die Platte so trotz aller Referenzen nach Chemnitz klingt, ist ziemlich spektakulär. (tim)

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    Blackadder
    09.06.2017

    Geschafft! Zum 3.mal hintereinander Nr . 1 der Albumcharts und Frau Fischer versenkt.

  • 1
    3
    Blackadder
    02.06.2017

    @Freigeist14 ...Naja, wenn man weiß, wie Kraftklub sich sonst äußern und was sie politisch die letzten Jahren alles so gemacht haben, muss man diese Aussage jetzt nicht sooo Ernst nehmen ;-)

  • 1
    0
    Freigeist14
    02.06.2017

    ....dabei aber niemanden vergraulen mit irgend einer gesellschaftlichen oder gar politischen Botschaft ! "Wir können wenig bewegen,wenn die ganze Gesellschaft nicht mehr weiß,wie sie diskutieren soll." Mir kommen gleich die Tränen.

  • 2
    2
    Blackadder
    02.06.2017

    Wichtig wäre jetzt, Helene Fischer von der Nr.1 der Deutschen Albumcharts zu verdrängen! Los gehts, Jungs!



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