Kraftvoll, mit Flow und mit russischer Seele

Pianistin Olga Scheps bringt auf CD "Melody" ihre ganze Bandbreite ein

Köln.

Sie ist ohne Zweifel eine der herausragenden Vertreterinnen einer jungen, "coolen" Generation klassischer Pianistinnen und Pianisten. Eine von denen, die weder den Dünkel als hehre Wahrer klassischer Konzertliteratur kennen, noch Berührungsängste mit anderen Genres: Olga Scheps, die 2010 mit ihrer Debüt-CD "Chopin" neben Alice Sara Ott einen Echo-Klassik als beste Nachwuchspianistin bekam und seither zahlreiche weitere Zeugnisse ihrer Kunst vorgelegt hat: Franz Schubert, Peter Tschaikowski, Erik Satie - und 2017 ein Album mit reinen Piano-Arrangements von Titeln der Band Scooter.

Dass man Musik nicht nach Epoche und Stil ordnen muss, sondern nur nach gut oder schlecht (und dann Letzteres weglassen), zeigt sie auf ihrem jetzt bei Sony Classics erschienenen Soloalbum "Melody". Sie hat darauf persönliche Favoriten aus vier Jahrhunderten versammelt - mit Schwerpunkt auf der Gegenwart. So beginnt und endet ihr 15-teiliges Programm mit zeitgenössischen Arrangements von Klassikern. Die ersten Takte der "Promenade" aus Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" haben die Berliner Komponisten Vivan und Ketan Bhatti zu einem minimalistischen Tongeflecht verarbeitet, das die in Moskau geborene Wahlkölnerin perlend und mit samtweichem Anschlag schimmern lässt. Dass sie auch anders kann, beweist sie am Ende mit Mozarts Rondo Alla Turca in Bearbeitung ihres Landsmanns Arcadi Volodos, das sowohl kraftvolles Zupacken als auch perfekte Koordination erfordert. Ihre lyrische Seite wiederum zeigt sie mit der Pianofassung von Sven Helbigs Orchesterstück "Am Abend" - ebenso exklusiv für die charismatische 33-Jährige mit 39.000 Instagram-Followern entstanden wie die "Olga Gigue" des kanadischen Pianisten und Grammy-Preisträgers Chilly Gonzales. Er verschränkt dräuende chromatische Läufe in der linken Hand mit einem virtuos umspielten Hauptmotiv voller russischer Seele. Ein Stück, das das Zeug zum Klassiker hat. Dass sie auch den entspannten Flow mitbringt, wie ihn zurzeit viele Pianisten-Komponisten auf quasi als akustische Möblierung dienenden Alben liefern, zeigt sie mit "April 14th" von Electronica-Pionier Aphex Twin.

Doch auch Freunde des Bewährten bedient sie - das Andante aus Bachs Italienischem Konzert und dessen Adagio nach Benedetto Marcello spielt sie ebenso sensibel und stilsicher ein wie die "Melodie" aus Griegs "Lyrischen Stücken", zwei Chopin-Nocturnes und Beethovens "Für Elise". Letzteres Werk ist übrigens die einzige Überschneidung mit dem Programm eines Favoriten-Albums des Tastenlöwen Lang Lang, das die "Deutsche Grammophon" in zwei Wochen vorlegt. Was immer das bedeuten mag.

"Olga Gigue" von Chilly Gonzales mit Olga Scheps am Klavier hören Sie, wenn Sie den QR-Code scannen.

www.freiepresse.de/olga

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...